Operation gegen Hamas: Palästinenser fürchten neuen Krieg

Von , Beirut

Nach der Tötung von Hamas-Kommandeur Dschabari eskaliert die Lage im Gaza-Streifen - obwohl beiden Seiten nicht an einem Waffengang gelegen sein dürfte: Israels Premier Netanjahu kann sich vor den Wahlen keinen verlustreichen Feldzug leisten, die Hamas einen Krieg nicht gewinnen.

AFP

Einen Moment lang sah es aus, als drohte dem Gaza-Streifen ein neuer Krieg: Während die israelische Luftwaffe weiter Luftangriffe auf den Gaza-Streifen flog, verlegte Jerusalem gleichzeitig Bodentruppen an die Grenze zu dem von der radikal-islamischen Hamas beherrschten Küstenstreifen. Ein Sprecher der israelischen Armee sagte, die Truppe sei bereit, wenn nötig in den Gaza-Streifen einzumarschieren.

Die Hamas schwor unterdessen, die am Abend noch anhaltenden Angriffe mit aller Härte zu beantworten. Die Militärorganisation der Islamisten erklärte, mit der Tötung von Ahmed al-Dschabari habe der jüdische Staat das "Tor zur Hölle" aufgestoßen. Israel hatte am Nachmittag Dschabari, den Militärchef der Hamas, mit einem Raketenangriff getötet. Insgesamt starben durch eine Serie von Luftangriffen nach palästinensischen Angaben acht Menschen, darunter mindestens ein Kind. Die israelische Luftwaffe bombardierte auch diverse Gebäude, in denen sie Raketenwerkstätten und -lager vermutete. Israel ist in Sorge, dass die Hamas in den vergangenen Monaten in den Besitz von Langstreckenraketen gekommen ist, mit denen sie auch das Zentrum des Landes und Tel Aviv treffen könnte.

In den vergangenen Tagen waren vom Gaza-Streifen mehr als hundert Geschosse auf israelisches Gebiet abgefeuert worden, darunter auch Katjuschas, die wesentlich mehr Durchschlagskraft haben als die bislang üblichen Kassam-Raketen. Den Raketen der letzten Tage dürften in der Nacht weitere folgen: Sowohl die Hamas als auch der Islamische Dschihad hatten angekündigt, die israelischen Angriffe vom Mittwoch beantworten zu wollen.

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Angriff im Gaza-Streifen: Israel tötet Hamas-Militärchef
Fraglich ist jedoch, ob es sich dabei um einen massiven Raketenhagel handeln würde - oder ob sich die Radikalen auf Routineaktionen beschränken würden, die allein dazu dienen, das Gesicht zu bewahren. Israel rief die Bewohner des Süden des Landes zur Vorsicht auf. Einwohner sollten sich in der Nähe von Schutzräumen aufhalten. Für Donnerstag wurde schulfrei gegeben.

Beide Seiten haben kein Interesse an einer Eskalation

Ob es trotz der Truppenverlegungen seitens Israel und der markigen Rhetorik seitens der Hamas tatsächlich zu einer Neuauflage des Gaza-Krieges vom Jahreswechsel 2008/2009 kommen würde, war am Abend noch unklar. Im Prinzip haben beide Seiten kein Interesse an einer Eskalation ihres seit Jahres schwelenden Konflikts: Die Hamas ist militärisch nicht in der Lage, einen offenen Krieg mit Israel zu gewinnen. Und Israel müsste den Gaza-Streifen komplett besetzen, um den dort herrschenden Islamisten beikommen zu wollen.

Eine groß angelegte Bodenoffensive dürfte jedoch mehr Opfer auf israelischer Seite fordern als der Gaza-Krieg, der als "Operation Gegossenes Blei" in die Geschichte einging. Dies wird die politische Führung in Jerusalem vermeiden wollen. 2008/2009 kamen während dreiwöchiger Kampfhandlungen 1400 Palästinenser, aber nur 13 Israelis ums Leben. Es ist anzunehmen, dass in den Gaza-Streifen vorrückende israelische Truppen heute auf wesentlich mehr und effektivere Hindernisse stoßen würden: Mit Sprengstoff gespickte Tunnel, verminte Häuser und Scharfschützen könnten auf israelische Soldaten warten.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu steht angesichts des anhaltenden Raketenbeschusses vor einem Dilemma. Weil für Ende Januar Neuwahlen angesetzt sind, ist er unter enormem Druck, dem Raketenbeschuss aus Gaza Einhalt zu gebieten. Andererseits kann er es sich just wegen des anstehenden Urnengangs aber nicht leisten, Israel in einen Krieg mit hohen Verlusten zu führen: Ihm muss daran gelegen sein, den Raketenbeschuss aus dem Gaza-Streifen zu unterbinden, ohne sich in einen offenen Krieg hineinziehen zu lassen.

Die Hamas-Führung zieht sich in ihre Bunker zurück

Noch am Dienstag hatten sowohl Israel als auch die Hamas in von Ägypten vermittelten Waffenstillstandsgesprächen Kompromissbereitschaft signalisiert. Aus Verhandlungskreisen hatte es geheißen, weder die Palästinenser noch die Israelis wollten den Konflikt erneut zu einem Krieg eskalieren lassen. Ausgelöst wurden die jüngsten Auseinandersetzungen durch den Beschuss einer israelischen Patrouille durch radikale Islamisten. Israel griff daraufhin in der vergangenen Woche Ziele im Gaza-Streifen an und tötete mehrere Palästinenser. Die Hamas feuerte daraufhin Raketen und versetzte Israelis im Süden in Angst und Schrecken.

Im Gaza-Streifen selbst herrschte am Abend Panik. "Wir haben große Angst, dass das der Beginn eines neuen Krieges ist", sagte ein palästinensischer Journalist, der anonym bleiben wollte, am Telefon. Gaza-Stadt werde von Luftangriffen erschüttert, die Krankenhäuser versorgten Dutzende Verwundete. Die Führung und der Mittelbau der Hamas habe sich angesichts der anhaltenden Angriffe in ihre Bunker zurückgezogen - die Zivilbevölkerung sei den Angriffen Israels derweil schutzlos ausgeliefert.

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insgesamt 85 Beiträge
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1. Unglaublich
soscha 14.11.2012
Zitat von sysopREUTERSNach der Tötung von Hamas-Kommandeur Dschabari eskaliert die Lage im Gaza-Streifen - obwohl beiden Seiten nicht an einem Waffengang gelegen sein dürfte: Israels Premier Netanjahu kann sich vor den Wahlen keinen verlustreichen Feldzug leisten, die Hamas einen Krieg nicht gewinnen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/operation-gegen-hamas-menschen-in-gaza-fuerchten-sich-vor-neuem-krieg-a-867324.html
2. Und täglich grüßt das Murmeltier..
Nebuuuu 14.11.2012
Und weiter geht der Teufelskreis.. Der Eine mordet den Anderen, gibt nen ****** aufs eigene Volk. Solange auf beiden Seiten solche Personen an der Macht sind, wird es keinen ernsthaften Friedensversuch geben. Die Eskalation ist gewollt, immer wieder und wieder..seit Jahrzehnten schon. Es tut mir aufrichtig leid für das israelische und palästinensische Volk.
3. Palästinenser fürchten neuen Krieg
eulenspiegel_neu 14.11.2012
Solange diese Leute von der Hamas weiterbomben, wird es Palestina in der UNO versagt bleiben, einen eigenen Staat zu bilden. Diese Dummköpfe lassen sich von Israel zur Aggression verleiten und stoßen das palestinänsiche Volk noch weiter in die Armut und in das tiefe Leid. Solange die Hamas ihre Bombenbauer gewähren läßt, wird der Rückhalt für Palestina immer kleiner. Wenn das Volk nicht dagegen angeht, wird es Stück für Stück dezimiert, wobei der Gewinner dann Israel sein wird. Die Kurzsichtigkeit der Hamas kostet Blut und Leben ...
4. Mitleid
hardoncollider 14.11.2012
Mein Mitleid mit der Hamas hält sich gelinde gesagt, sehr in Grenzen. Interessant finde ich hingegen die folgende Passage aus dem Artikel: "Fraglich ist jedoch, ob es sich dabei um einen massiven Raketenhagel handeln würde - oder ob sich die Radikalen auf Routineaktionen beschränken würden, die allein dazu dienen, das Gesicht zu bewahren." Nach Ansicht der Autorin sind also Routineaktionen, wie der ständige Raketenbeschuss also ok. Wenn Israel aber von diesen "Routineaktionen" genug hat und einen Gegenangriff startet, dann ist es natürlich wieder mal ganz schlimm.
5. Lassts doch bleiben!
spon-facebook-10000120895 14.11.2012
Ach Leute, kommt schon. Lassts bleiben und habt euch lieber lieb. Hört auf mit den sinnlosen Kriegereien. Und wir Deutsche müssen jetzt aufpassen, dass wir nicht in eine noch paranoidere Haltung den islamischen Ländern gegenüber verfallen.
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Israels gezielte Tötungen: Raketen, Gift und Schokolade


Geschichte Israels
Knackpunkte der Nahost-Gespräche
Sicherheit
Israel betont, es werde keinen Palästinenserstaat geben, solange die Sicherheit des jüdischen Staates nicht garantiert sei. Obwohl es in den vergangenen Jahren kaum noch Selbstmordanschläge palästinensischer Terroristen gibt, fühlen sich die Israelis bedroht.

Die israelischen Grenzstädte werden immer wieder von Raketen der radikalislamischen Hamas beschossen. Schlagen diese Geschosse auf israelischer Seite ein, kommt es regelmäßig zu Vergeltungsschlägen auf palästinensischem Gebiet. Die Palästinenser machen ihrerseits Angriffe durch das israelische Militär geltend.

Flüchtlinge
Als Folge der Kriege 1948/49 und 1967 gibt es in den palästinensischen Gebieten und Israels Nachbarländern 4,8 Millionen registrierte palästinensische Flüchtlinge und ihre Nachkommen.

Die Flüchtlinge beharren auf das Recht, in ihre Heimat im heutigen Israel zurückkehren zu dürfen, Israel verneint dieses Recht und will den Verzicht auf eine Rückkehr in einem Friedensvertrag festschreiben.

Grenzen
Nach dem Willen der Palästinenser soll ihr Staat die 1967 von Israel besetzten Gebiete Westjordanland, Gaza und Ost-Jerusalem umfassen. Israel beansprucht jedoch Teile dieses Territoriums – entgegen internationalem Recht – für sich. Israel hatte den Gaza-Streifen 2005 zwar geräumt, sein Embargo seit der Machtübernahme der Hamas 2007 aber verschärft.

Israel will zudem an Teilen des Westjordanlands festhalten. Dort gibt es rund 120 jüdische Siedlungen mit etwa 300.000 Israelis. In Ost-Jerusalem leben nach Angaben israelischer Menschenrechtler weitere 200.000. Nach internationalem Recht sind diese Siedlungen auf besetztem palästinensischen Gebiet illegal und müssen geräumt werden.

Jerusalem
Der künftige Status der Stadt mit heiligen Stätten von Juden, Muslimen und Christen ist besonders umstritten. Israel beharrt auf dem ungeteilten Jerusalem als Hauptstadt. Die Palästinenser beanspruchen den Ostteil als Hauptstadt ihres künftigen Staates. Im Jahr 2000 scheiterte der Nahost-Gipfel an der Jerusalemfrage.
Golan
Syrien dringt darauf, dass die 1967 besetzten Golanhöhen im Rahmen einer Friedenslösung zurückgegeben werden. Von der 1150 Quadratkilometer großen Hochebene hat Israels Armee einen guten Blick nach Syrien und in den Libanon. Umgekehrt könnten die Syrer vom Golan aus große Teile Israels überwachen. Heute leben in dem Gebiet neben rund 20.000 Syrern auch etwa 20.000 jüdische Einwohner.
Scheba-Farmen
Das 30 Quadratkilometer kleine Gebiet an der Grenze von Syrien, Libanon und Israel ist seit langem umstritten. Die Vereinten Nationen und die USA sind der Ansicht, dass das Territorium als Teil der Golanhöhen zu Syrien gehört. Der Libanon und Syrien haben ihre Ansprüche bislang nicht eindeutig formuliert und wollen den Grenzdisput nach einem israelischen Rückzug klären.
Wasser
Schon vor 20 Jahren wurde vor einem drohenden Nahost-Krieg um Wasserquellen gewarnt. Wegen des Bevölkerungswachstums und der oft rücksichtslosen Ausbeutung der Ressourcen werden die Süßwasservorräte immer knapper. Amnesty International wirft Israel vor, Palästinenser bei der Nutzung der gemeinsamen Ressourcen zu benachteiligen, was die Regierung zurückweist. Die Kontrolle des von Israel genutzten Wassers ist auch ein Streitpunkt im Ringen um die künftige israelisch-syrische Grenze auf den Golanhöhen.

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Israels Regierungschefs: Wechselspiel der Macht