Operation in Gaza: Israel startet Angriff auf Hamas - Militärchef Dschabari getötet

Es ist der Beginn einer umfangreichen Militäroperation gegen Top-Funktionäre der Hamas: Israel hat Militärchef Ahmed al-Dschabari bei einem Raketenangriff getötet. Die Operation läuft, auch eine Invasion wäre möglich. Die radikal-islamische Organisation reagierte mit wütenden Drohungen.

AFP

Jerusalem/Gaza - Israel hat den Militärchef der Hamas, Ahmed al-Dschabari, getötet. Dschabari sei am Mittwoch bei einem Raketenangriff ums Leben gekommen, als er in seinem Auto durch Gaza fuhr, sagte ein Hamas-Vertreter. Nach Angaben der radikal-islamischen Organisation ist auch der Sohn des Kommandeurs getötet worden.

Dschabari ist der ranghöchste Funktionär der Hamas, den das israelische Militär seit seiner Invasion des Gaza-Streifens vor vier Jahren getötet hat. Er gilt als einer der führenden Köpfe, immer wieder war er Ziel von Angriffen. Dahinter wird der israelische Geheimdienst Mossad vermutet.

Der Angriff ist nach Angaben von israelischen Vertretern der Beginn einer umfangreichen Operation gegen Hamas-Führer. Diese läuft unter dem Titel "Säule der Verteidigung". Die Kämpfe dürften sich noch Tage hinziehen, sagte ein Militärsprecher in Jerusalem und schloss eine Bodenoffensive nicht aus. Die Armee zog einen Teil ihrer Reservisten ein.

Israel reagiert damit auf den zugenommenen Beschuss südlicher Grenzorte aus dem Gaza-Streifen. In den vergangenen fünf Tagen waren mehr als 100 Raketen auf Israel niedergegangen. "Wir werden keine weiteren Raketenangriffe auf uns mehr erlauben", sagte Israels Armeesprecherin Avital Leibovich.

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Angriff im Gaza-Streifen: Israel tötet Hamas-Militärchef
Die Hamas meldete sich umgehend mit einer Drohung: Der Angriff auf Dschabari habe "die Tore zur Hölle" geöffnet. Der al-Dschasira-Korrespondent in Gaza berichtete von einer Serie von Luftangriffen auf das Küstengebiet. In Gaza stiegen Rauchsäulen auf, wie der Sender zeigte. "Das ist Krieg", sagte der Reporter. Das Militär setze F16-Kampfjets, Apache-Hubschrauber und Drohnen ein. Später feuerten die Israelis auch von Kriegsschiffen aus auf den Küstenstreifen.

20 Ziele im Gaza-Streifen angegriffen

Israels Armeesprecherin Leibovich erklärte, die Luftwaffe habe bisher 20 Ziele im Gaza-Streifen angegriffen. Laut Augenzeugen vor Ort sollen sich die Attacken in erster Linie gegen Polizeistationen gerichtet haben, die mit Hamas-Leuten besetzt sind. Das Verteidigungsministerium twitterte, dass bei den Luftschlägen auch unterirdische Waffenlager und Raketen - auch mit großer Reichweite - zerstört wurden.

Dabei soll es sich um aus Iran stammende Fajr-5-Raketen handeln. Sie können bis zu 75 Kilometer weit fliegen und damit auch den Großraum Tel Aviv erreichen. Bisher wurde Israel nur mit Raketen mit einer Reichweite von bis etwa 30 Kilometern angegriffen.

Der al-Dschasira-Korrespondent in Gaza berichtete, dass bei der Angriffserie bis zum frühen Mittwochabend sieben Menschen getötet und 40 weitere verletzt worden seien. Nach palästinensischen Angaben soll unter den Toten auch ein siebenjähriges Mädchen sein. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon rief die Konfliktparteien zur Zurückhaltung auf.

Israels Verteidigungsminister Ehud Barak sagte am Abend: "Wir stehen am Anfang der Operation, nicht am Ende." Regierungschef Benjamin Netanjahu sagte, Israel sende eine klare Botschaft an die Hamas und alle anderen militanten Gruppen.

Luftalarm im Süden Israels

Das israelische Militärradio zitierte Brigadegeneral Yoav Mordechai mit den Worten: "Die Armee steht für eine Invasion des Gaza-Streifens bereit, wenn der Befehl dazu kommen sollte." Vorbereitungen würden laufen, einige Armee-Einheiten wurden bereits an die Grenze verlegt. Zuletzt war die Armee 2009 in den Küstenstreifen einmarschiert.

"Wir erwarten Vergeltungsangriffe aus Gaza, aber langfristig werden wir die Terrorgruppen schwächen", sagte ein israelischer Armeesprecher. Im israelischen Privatsender Channel 10 wurden Bewohner der grenznahen Orte aufgefordert, sich in der Nähe von Schutzräumen aufzuhalten. Im Süden Israels gab es wegen neuen Raketenbeschusses aus dem Gaza-Streifen Luftalarm. Am Abend schlugen in der Stadt Beerscheba mehrere Raketen ein und verursachten Sachschaden. Zehn weitere Geschosse wurden abgefangen.

Israels Bildungsminister Gideon Saar gab bekannt, dass am Donnerstag an allen Schulen in 40 Kilometer Umkreis des Gaza-Streifens der Unterricht ausfallen werde.

An Schalits Entführung beteiligt

Der Name von Dschabari stand weit oben auf der Liste der Sicherheitsbehörden in Israel. Das Land wirft dem Kommandeur vor, der zum militärischen Hamas-Flügel - den Kassam-Brigaden - gehört, für Anschläge auf den jüdischen Staat verantwortlich gewesen zu sein. So soll er 2006 an der Planung und Durchführung der Entführung des israelischen Soldaten Gilad Schalit beteiligt gewesen sein. Außerdem habe er den Beschuss Israels mit Kassam-Raketen aus Gaza angeordnet.

Auch an den Verhandlungen über Schalits Freilassung war Dschabari beteiligt. Im vergangenen Jahr eskortierte er den Entführten persönlich zu den ägyptischen Mittelsleuten, die Schalit schließlich den israelischen Offiziellen übergaben. Schalits Vater Noam sagte, Dschabari habe das Blut vieler unschuldiger Israelis an den Händen. Über kurz oder lang müssten Israel und Hamas jedoch eine Verhandlungslösung für den Nahost-Konflikt finden.

Muslimbrüder in Ägypten verurteilen Luftschläge

Seit Jahren lebte der Hamas-Militärchef Dschabari zumeist im Untergrund. Öffentlich tauchte er zuletzt 2011 bei einem Treffen mit dem Exilchef der Hamas, Chalid Maschaal, in Kairo auf.

Das ägyptische Außenministerium verurteilte das Vorgehen und forderte Israel auf, die Angriffe umgehend einzustellen. Die in Ägypten regierenden Muslimbrüder verurteilten den Angriff auf Gaza aufs Schärfste. "Das Besatzungsregime Israel muss lernen, dass der Wandel in der Region nicht länger zulässt, dass die Palästinenser unter der israelischen Aggression leiden müssen", hieß es in einer Erklärung. Die Hamas selbst war in den achtziger Jahren aus dem palästinensischen Arm der Muslimbrüder entstanden. Die ägyptische Regierung hatte in den vergangenen Tagen immer wieder versucht, zwischen der Hamas und Israel zu vermitteln.

Noch am Dienstag hatten beide Seiten die Bereitschaft zu einer Feuerpause signalisiert. Aus Verhandlungskreisen hatte es geheißen, weder die Palästinenser noch die Israelis wollten den Konflikt zu einem Krieg eskalieren lassen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte allerdings gewarnt, wer denke, er könne Israelis gefährden, ohne dafür einen sehr hohen Preis zu zahlen, mache einen Fehler.

Die Hamas kontrolliert den Gaza-Streifen seit 2007. Anders als die im Westjordanland regierende palästinensische Autonomiebehörde erkennen die Islamisten das Existenzrecht Israels nicht an.

heb/syd/Reuters/AP/dpa

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Israels gezielte Tötungen: Raketen, Gift und Schokolade


Geschichte Israels
Knackpunkte der Nahost-Gespräche
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