Operation "Muschtarak" Afghanen hissen Nationalflagge über Taliban-Hochburg

Die Nato vermeldet einen Erfolg der Großoffensive "Muschtarak": Über der einstigen Taliban-Hochburg Mardscha weht zwei Wochen nach Beginn der Operation die afghanische Flagge. Die Regierung in Kabul hat die Kontrolle über die Stadt übernommen. Die Radikalen hingegen dementieren das.

Afghanische Flagge in Mardscha: Schwarz-Rot-Grün über der einstigen Taliban-Hochburg
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Afghanische Flagge in Mardscha: Schwarz-Rot-Grün über der einstigen Taliban-Hochburg


Kabul - Über der einstigen Taliban-Hochburg Mardscha weht die afghanische Flagge. Knapp zwei Wochen nach Beginn der Offensive "Muschtarak" in der Provinz Helmand übernahmen am Donnerstag Militär und afghanische Behörden offiziell die Kontrolle über die größte Stadt in der umkämpften Region. Bei einer Zeremonie mit Vertretern der afghanischen Armee und der Nato-geführten Schutztruppe Isaf hissten Regierungsvertreter die schwarz-rot-grüne Nationalflagge auf einem Marktplatz. Mehrere hundert Bewohner sahen zu - bewacht von Scharfschützen der US-Armee.

Das etwa 80.000 Einwohner zählende Mardscha war bis vor wenigen Tagen noch eine Hochburg der Extremisten. "Nun wird es Sicherheit, Arbeit und Regierungsführung geben", erklärte Helmands Gouverneur Gulab Mangal. Ein Sprecher der Provinzregierung in Helmand sagte, die afghanischen Behörden haben mittlerweile wieder die Kontrolle über Mardscha übernommen. Die afghanische Flagge wehe zum ersten Mal seit zwei Jahren über der Stadt. Damals hatten Taliban-Kämpfer und Drogenhändler die Kontrolle über die Region übernommen, in der bis zu 125.000 Menschen leben.

Nach Angaben der Nato haben in Mardscha mittlerweile wieder viele Läden und Kliniken geöffnet, die während der Offensive geschlossen hatten. Neue Geschäfte verkaufen demnach Telefone, Computer und andere Elektrogeräte sowie frisches Obst und Gemüse. Der neue Bezirksverwaltungschef Abdul Sahir überwachte den Angaben zufolge die Verteilung von Reis, Bohnen, Öl und Zucker an die Bevölkerung, viele Flüchtlinge seien bereits in die Stadt zurückgekehrt.

Die Taliban wiesen die Angaben der Nato und der afghanischen Behörden zurück. Abseits des zentralen Basars seien noch viele Aufständische in der Stadt, sagte Taliban-Sprecher Yusuf Ahmadi. "Unsere Mudschahidin sind noch in Mardscha", sagte er. Die Bewohner unterstützten sie dabei, die "eindringenden US-Truppen zu bekämpfen". Laut einem Bericht des arabischen Fernsehsenders al-Dschasira waren nur wenige Stunden vor der Flaggen-Zeremonie mehrere Sprengsätze auf dem Marktplatz entdeckt worden.

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Operation "Muschtarak": Der Kampf um die Stadt Mardscha

Die seit dem 13. Februar in der Provinz Helmand laufende Operation "Muschtarak" ("Gemeinsam") ist die bislang größte Offensive gegen die Taliban seit dem Sturz deren Regimes Ende 2001. Insgesamt sind daran 15.000 afghanische und ausländische Soldaten beteiligt.

Pakistan will Taliban-Vize an Afghanistan ausliefern

In der Hauptstadt Kabul wurde bekannt, dass Pakistan den vor eineinhalb Wochen festgenommenen Vizechef der Taliban, Mullah Abdul Ghani Baradar, an Afghanistan ausliefern will. "Die pakistanische Regierung habe ein Gesuch Afghanistans akzeptiert, Mullah Baradar und andere in Gewahrsam befindliche Taliban zu überstellen", heißt es in einer am Donnerstag in Kabul verbreiteten Erklärung des Präsidentenpalastes. Dies sei während eines Treffens der Innenminister beider Länder am Vortag in Islamabad vereinbart worden. Ein Zeitpunkt für die Auslieferungen wurde nicht genannt.

Mullah Baradar war Anfang vergangener Woche bei einer Operation von pakistanischen und US-Geheimdiensten in der südpakistanischen Hafenstadt Karatschi festgenommen worden. Er gilt als Nummer zwei in der Taliban-Hierarchie und war Teil des Führungsrates der von Mullah Mohammed Omar gegründeten Bewegung. Seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001 soll die Führung der Extremisten von Pakistan aus den Aufstand in Afghanistan organisiert haben.

Bei einem Bombenanschlag im Einsatzgebiet der Bundeswehr im nordafghanischen Kunduz kamen am Donnerstag zwei afghanische Soldaten ums Leben. Nach Regierungsangaben ereignete sich der Zwischenfall im Unruhedistrikt Char Darah.

Nato fährt Nachteinsätze in Afghanistan zurück

Die Nato will ihre nächtlichen Einsätze in Afghanistan künftig einschränken. Eine entsprechende Anweisung habe der Oberbefehlshaber der Nato- und der US-Truppen, Stanley McChrystal, im vergangenen Monat gegeben, sagten Vertreter des US-Verteidigungsministeriums am Mittwoch in Washington. Demnach sollten künftig zunächst afghanische Truppen nachts Häuser nach Aufständischen durchsuchen. Soldaten der Nato-geführten Isaf-Truppe sollten erst dann einschreiten, wenn es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen komme. Ziel sei es, eine größere Unterstützung durch die afghanische Zivilbevölkerung zu erreichen.

Am Wochenende waren mindestens 27 afghanische Zivilisten, darunter vier Frauen und ein Kind, bei einem Nato-Luftangriff ums Leben gekommen. McChrystal hatte sich bei Präsident Hamid Karzai und der afghanischen Bevölkerung für den Vorfall entschuldigt.

Im vergangenen Jahr starben nach Uno-Angaben fast 350 Kinder bei Gewalttaten in Afghanistan. 131 von ihnen seien bei Luftangriffen getötet worden, sagte die Uno-Sondergesandte für Kinder in bewaffneten Konflikten, Radhika Coomaraswamy, am Mittwoch bei einem Besuch in Kabul. Weitere 22 Kinder seien bei Durchsuchungsaktionen von Sondereinsatzkräften ums Leben gekommen, 128 seien von Aufständischen, einschließlich Selbstmordattentätern, getötet worden. Coomaraswamy zeigte sich auch besorgt darüber, dass zahlreiche Kinder für den Kampf gegen die internationalen Truppen rekrutiert würden.

ffr/dpa/AFP

insgesamt 874 Beiträge
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Seite 1
Palmstroem, 13.02.2010
1. Bush-Taktik
Zitat von sysopDas US-Militär korrigiert seine Kriegsführung in Afghanistan. 15.000 Soldaten kämpfen in der Operation "Muschtarak" um die Taliban- und Opiumhochburg Mardscha, doch diesmal sollen sie sich nach der Befreiung nicht zurückziehen - sondern eine zivile Machtstruktur zementieren. Ein Modell für den Sieg?
Was ist daran neu. Bush hat das im Irak erfolgreich vorgemacht. Nur, wenn man 2011 wieder abziehen will, werden die Taliban das bei einer Wasserpfeife aussitzen.
ayamo, 13.02.2010
2. Ja, ja
und nochmals ja. Falls es der NATO wirklich erst sein sollte eine ordentliche CI Operation durchzuführen könnte diese neue Offensive wirklich die Wende (auf dem sehr langen Weg zum Sieg) in Afghanistan einläuten). Clear, hold and build ... diese drei Grundpfeiler einer CI Operation wurde von der NATO bisher sträflich vernachlässigt. Wenn jetzt zu dem übglichen clear auch noch hold und build hinzukommen könnte der Distrikt in Helmand in einigen Jahren wirklich als Modelerfolg gelten - ob die NATO allerdings dren Atem dazu hat diese auch in allen anderen Provinzen durchzuführen bezweifle ich.
Willie, 13.02.2010
3.
Zitat von sysopDas US-Militär korrigiert seine Kriegsführung in Afghanistan. 15.000 Soldaten kämpfen in der Operation "Muschtarak" um die Taliban- und Opiumhochburg Mardscha, doch diesmal sollen sie sich nach der Befreiung nicht zurückziehen - sondern eine zivile Machtstruktur zementieren. Ein Modell für den Sieg?
"...fuer den Sieg" stellt einen Anspruch, der an einen Krieg zwischen Laendern und unifomierten Armeen anlehnt. Solches halte ich fuer ueberzogen in einem Nationbuilding Prozess, der sehr vielmehr "Grau in Grau" als "Schwarz und Weiss" Kontraste enthaelt. "...fuer den Erfolg" waere meiner Meinung nach passender fuer das was versucht wird. Ob die Strategieaenderung nuetzt, bleibt abzuwarten -moeglich ist es. Aber Voraussagen zum jetzigen Zeitpunkt vom den SPON Leser haben genau so viel faktisches Fundament wie das Voraussagen von Lottozahlen.
Willie, 13.02.2010
4.
Zitat von PalmstroemWas ist daran neu. Bush hat das im Irak erfolgreich vorgemacht. Nur, wenn man 2011 wieder abziehen will, werden die Taliban das bei einer Wasserpfeife aussitzen.
Bush hat ueberhaupt nichts vorgemacht. Der hat nur Konflikte begonnen. Das moegliche beenden hat er sehr wohl seinem Nachfolger ueberlassen.
ayamo, 13.02.2010
5. Der
Zitat von PalmstroemWas ist daran neu. Bush hat das im Irak erfolgreich vorgemacht. Nur, wenn man 2011 wieder abziehen will, werden die Taliban das bei einer Wasserpfeife aussitzen.
derzeitige US-Vizepräsident würde Ihnen da ganz energisch widersprechen, werter Palmstroem ... sagte er doch erst vor wenigen Tagen das die Erfolg im Irak auf das Konto der Obama-Administration gehen und mit Sicherheit zu deren "legacy" beitragen werden - ich für meinen Teil habe selten so herzlich gelacht. Was die Reaktion der Taliban angeht haben sie aber mit Sicherheit Recht. Es sei denn die NATO geht aggressiv genug vor um den Taliban keinen Platz mehr zu lassen um diese Wasserpfeife zu rauchen - nur dürfte da wirklich der Zeitplan im Wege stehen.
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