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"Operation Odyssey Dawn": Krieg ohne Strategie

Von , New York

Die Luftangriffe westlicher Staaten lassen Gaddafis Gegner hoffen - aber was kommt nach den Erstschlägen mit Kampfjets und Raketen? Für Präsident Obama wird die Mission zum Problem. Die USA spielen ihre Rolle bei den Militärschlägen herunter - dabei führen sie im Moment noch das Kommando.

REUTERS

Der erste US-Marschflugkörper schlägt gegen 21.00 Uhr Ortszeit ein. Es ist ein sechs Meter langer BGM-109 Tomahawk mit einem 450 Kilogramm schweren Sprengkopf, abgeschossen eine Stunde zuvor von einer US-Marinefregatte im Mittelmeer, präzise gesteuert per GPS-Laser. Das Ziel: ein Luftabwehrsystem an Libyens Westküste. Dem Tomahawk folgen mehr als 110 weitere. Und es ist nur die erste Salve. "Die erste Phase einer wahrscheinlich mehrphasigen Militäroperation", wie es Vizeadmiral William Gortney ausdrückt, der Kommandeur der US-Seestreitkräfte im Nahen Osten und Direktor des Generalstabs.

So haben die USA am Samstag die "Operation Odyssey Dawn" gegen den libyschen Machthaber Muammar al-Gaddafi begonnen. Es ist Barack Obamas erster selbstverantworteter Krieg. Ein "breiter Koalitionseinsatz" zwar, so versichert der Präsident mehrfach. Trotzdem übernimmt das technologisch am höchsten gerüstete US-Militär zunächst die Führung - jedenfalls bis Libyens Luftabwehr vollends ausgeschaltet ist ( Aktuelle Infos finden Sie im Liveticker).

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Es ist ein ferngesteuerter Krieg. Als die Tomahawks zu fliegen beginnen, sind die US-Strippenzieher über drei Kontinente verstreut: Obama in Brasilien, Pentagon-Chef Robert Gates in Washington, doch auf dem Sprung nach Russland, Außenministerin Hillary Clinton in Paris - und der Kommandeur der "Operation Odyssey Dawn", Admiral Sam Locklear III., im Mittelmeer an Bord der "USS Mount Whitney", dem Flaggschiff der United States Sixth Fleet. Es scheint überdies ein Krieg mit einer klaren Auftaktmission - doch ohne Endstrategie.

Die ersten Schritte zeichnen die US-Militärs zwar mit ihrer typisch-stolzen, chirurgischen Präzision nach. Was aber anschließend kommen soll, nach der Zerstörung der libyschen Luftkampfkraft - davon kein Wort. "Wir alle wissen doch, dass die Probleme andauern, solange Gaddafi da ist", sagt Ex-Nato-Oberkommandeut Wesley Clark auf CNN.

Clark war im US-Generalstab während des Bosnien-Kriegs, der ähnlich begonnen hatte. Sprich: Militärschläge allein dürften auch diesmal wohl nicht reichen. Soll Gaddafi also entmachtet werden? Wie weit ist die Koalition wirklich zu gehen bereit? Und wer managt die politischen Konsequenzen? Fragen, die am Wochenende nur wenige stellen - und bisher keiner offiziell beantwortet hat. Stattdessen bemüht sich Obama mit Blick aufs Heimpublikum, die Beteiligung der USA herunterzuspielen.

Die Kommandozentrale kreuzt im Mittelmeer

In einem Luxushotel in der brasilianischen Hauptstadt Brasília tritt er vor einen schwarzen Vorhang. Die Militäraktion sei "beschränkt", sagt er, und sie diene nur "der Unterstützung internationaler Bemühungen". Die USA agierten im Rahmen einer "breiten Koalition" - und völlig wider Willen: "Ich will, dass das amerikanische Volk versteht, dass der Einsatz von Gewalt nicht unsere erste Wahl war."

Zuvor hat Clinton Washingtons Rolle ebenfalls zurückgeschraubt, bei einem Auftritt nach dem entscheidenden Treffen der Koalitionspartner in Paris: "Wir haben von Anfang an gesagt, dass arabische Führungskraft und Teilnahme an diesem Einsatz entscheidend sind."

Welche arabischen Staaten nun aber aktiv am Auftaktbombardement teilnehmen, das sagt keiner. Doch diese Beteuerungen sind reine Kosmetik, um die nunmehr dritte Exkursion von US-Truppen in ein islamisches Land seit 2001 zu kaschieren. Spätestens als Vizeadmiral Gortney im Pentagon erscheint, ist klar: Die militärische Einsatzleitung haben die USA - ohne sie würde die "Operation Odyssey Dawn" nicht existieren.

Die Kommandozentrale ist an Bord der "USS Mount Whitney", die im Mittelmeer kreuzt, begleitet von 24 weiteren Kriegsschiffen aus den USA, Frankreich, Großbritannien, Italien und Kanada. Abschussbasen der Tomahawks sind zwei US-Zerstörer sowie drei U-Boote. Gortney nennt die Tomahawks die "Speerspitze" der Operation: Sie sollen erstens die Angriffe der Gaddafi-treuen Truppen auf die Rebellen vor allem in Bengasi beenden; und zweitens die libysche Luftabwehr zerstören - der erste Schritt zu einer Flugverbotszone.

"Unsere Mission ist es, den Kampfraum zu formen", sagt Gortney dazu. Klartext des Soldatenslangs: Die US-Tomahawks schießen den Bomberjets der Koalition den Weg frei. Danach, so betont das Pentagon, werde das Kommando an die anderen übergeben. Das US-Militär würde aber weiter mit Logistik und Kommunikation "unterstützend" dienlich sein.

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insgesamt 270 Beiträge
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1. was kommt
blaudistel 20.03.2011
das weiss sogar ich. Nach dem Irak und Afghanistan kommt Dauerkrieg Nummer 3 - und spätestens im Sommer Dauerkrieg Nummer 4 - der Iran. Oder sind Sie anderer Meinung?
2. Krieg und dann?
Hubert Rudnick, 20.03.2011
Zitat von sysopDie Luftangriffe westlicher Staaten lassen Gaddafis Gegner hoffen - aber was kommt nach den Erstschlägen mit Kampfjets und Raketen? Für Präsident Obama wird die Mission zum Problem. Die USA spielen ihre Rolle bei den Militärschlägen herunter - dabei führen sie im Moment noch das Kommando. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,752038,00.html
Und was kommt nach diesem Krieg, ob das dies mal die Allierten schon wissen? HR
3. Wenn Gaddafi und sein Clan verschwindet,
Nörgelkopf 20.03.2011
muß dem Volk eine freie Wahl gegeben werden. Die Bürger werden sich erinnern wer diese erste freie Wahl ermöglicht hat. Gaddafi darf aber nicht die Möglichkeit bekommen wieder politisch tätig zu werden.
4. Déja vu
tschort 20.03.2011
Zitat aus dem Artikel: "Wir alle wissen doch, dass die Probleme andauern, so lange Gaddafi da ist", sagt Ex-General Wesley Clark auf CNN." Es kommt mir bekannt vor. Das gleiche Lied haben die Amerikaner vor dem Iraq-Krieg gesungen. Ich frage mich nur: sind alle Probleme im Iraq nach Saddam Husseins Tod gelöst?
5. Danach ?
Legacy 20.03.2011
Um das zu wissen reicht es sich an den Irakkrieg zu erinnern und was heute, als Ergebnis dort geschieht. Auch wird man sich an die us-amerikanische Argumentation erinnern, die von Massenvernichtungswaffen sprach, die nie gefunden wurden. Auch jetzt spricht man von Giftgaswaffen, die von Gaddafi möglicherweise gegen sein eigenes Volk eingesetzt werden könnten. Es gibt viele Gemeinsamkeiten vergleicht man die Anfänge des Irakkrieg mit den jetzigen Geschehnissen in Libyen. Dieser Einsatz des Westens mag für Gutes stehen aber am Ende dafür sorgen, das man sich noch mehr Feinde gemacht hat in der Region. Zulange hat der Westen in vermeindlich guten Zeiten mit Gaddafi gute Geschäfte gemacht um ihn jetzt ex und hopp abschießen zu können. Das wird nicht ohne Folgen bleiben.
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Was Staaten zum Militäreinsatz in Libyen beitragen
Frankreich
Frankreich verfügt über rund hundert Kampfflugzeuge, vorwiegend vom Typ "Rafale" und "Mirage 2000", sowie Awacs-Flugzeuge zur Luftraumüberwachung. Zunächst kamen 33 Kampfflugzeuge zum Einsatz. Paris schickte zudem den Flugzeugträger "Charles de Gaulle" vom südfranzösischen Hafen Toulon aus in Richtung Libyen. Die Stützpunkte Solenzara auf Korsika und N'Djamena im Tschad können als Basis benutzt werden.
Großbritannien
Großbritannien hat Kampfflugzeuge vom Typ "Tornado" und "Eurofighter" in die Nähe von Libyen, auf den italienischen Stützpunkt Gioia del Colle, verlegt. Dort sind auch Awacs-Maschinen stationiert. Insgesamt sind derzeit 17 Maschinen im Einsatz. Zudem befinden sich die Fregatten "Westminster" und "Cumberland" im Mittelmeer.
USA
Die Vereinigten Staaten haben auf dem Stützpunkt Sigonella auf Sizilien F-15- und F-16 Kampfflugzeuge stationiert. Bisher waren 90 Maschinen an den Einsätzen beteiligt. Der Helikopterträger "Bataan" und zwei weitere Kriegsschiffe sollen am Mittwoch von den USA ins Mittelmeer aufbrechen, wo sie die Helikopterträger "Kearsarge" und "Ponce" ablösen sollen. Zudem befinden sich derzeit die Zerstörer "Barry" und "Stout" im westlichen Mittelmeer. Beide haben Marschflugkörper vom Typ "Tomahawk" an Bord, die am Wochenende eingesetzt werden und auch von U-Booten abgefeuert wurden.
VAE und Katar
Die Vereinigten Emirate (VAE) und Katar beteiligen sich ebenfalls an dem Einsatz. Die VAE entsenden zwölf Kampfflugzeuge zur Durchsetzung des Flugverbots über Libyen. Die jeweils sechs Flugzeuge der Typen F-16 und Mirage sollen sich an Patrouillenflügen zur Überwachung des von den Vereinten Nationen verhängten Flugverbots beteiligen. Katar nimmt mit vier Flugzeugen an dem Militäreinsatz teil.
Italien
Italien hat die Nutzung von sieben Luftwaffenstützpunkten angeboten. Die Luftwaffe hat mit 16 Maschinen in die Libyen-Mission eingegriffen, ein Kriegsschiff kam ebenfalls zum Einsatz.
Spanien
Spanien stellt vier F-18-Kampfjets, ein Flugzeug für die Luftbetankung, ein Marineüberwachungsflugzeug, eine Fregatte und ein U-Boot ab.
Kanada
Kanada hat die Beteiligung von sieben CF-18-Jagdbombern und vier weiteren Maschinen zugesagt, die in Italien stationiert werden. Zudem befindet sich die Fregatte "Charlottetown" in der Region.
Dänemark
Dänemark entsendet vier F-16-Jagdflugzeuge, zwei Reservekampfjets, ein Transportflugzeug auf einen Stützpunkt auf Sizilien.
Norwegen
Norwegen hat sechs F-16-Maschinen zur Durchsetzung der Flugverbotszone über Libyen bereitgestellt.
Belgien
Belgien hat die Beteiligung seiner sechs bei der Nato eingesetzten F-16-Jagdflugzeuge sowie den Einsatz eines Minenjagdboots angeboten.
Niederlande
Die Niederlande beteiligen sich mit sieben Kampfflugzeugen und einem Schiff an der Militäraktion.
Griechenland
Griechenland stellt Stützpunkte, zwei Flugzeuge und ein Kriegsschiff zur Verfügung.
Rumänien und Bulgarien
Aus Rumänien und Bulgarien wurde je ein Kriegsschiff in die Krisenregion verlegt.
Türkei
Die Regierung in Ankara trägt mit sieben Flugzeugen zu der Mission bei, darunter sechs F-16-Jets. Außerdem sind vier türkische Fregatten, ein U-Boot und ein Versorgungsschiff im Einsatz.

Resolution 1973
Was erlaubt die Resolution?
Das Papier geht deutlich über das zunächst angestrebte Flugverbot hinaus. Jetzt können auch Luftschläge gegen die Truppen von Diktator Gaddafi geführt werden. Seine Luftwaffe könnte so schon am Boden zerstört werden. Auch Angriffe auf Gefechtsfahrzeuge und Stellungen sind möglich, ebenso auf die Söldner-Kolonnen, die ständig unterwegs sein sollen. Vom Meer aus könnten Kreuzer oder U-Boote Marschflugkörper abfeuern.
Was erlaubt die Resolution nicht?
Definitiv ausgeschlossen ist der Einsatz "einer Besatzungstruppe in jeder Form und in jedem Teil der Republik Libyen". Bodentruppen wird es also nicht geben. Und: Jedes militärische Eingreifen muss dem Schutz von Zivilisten dienen.
Wer darf handeln?
Am Beginn des Einsatzes standen Einsätze von Nato-Flugzeugen aus Frankreich, Großbritannien und Kanada. Sie starteten zur Luftüberwachung. Weitere Staaten haben angekündigt, sich zu beteiligen - unter anderem die USA. In Abstimmung mit der Uno darf aber jedes der 192 Mitgliedsländer handeln, auch allein. Insbesondere die arabischen Nachbarn Libyens sollen miteinbezogen werden.
Sieht die Resolution ausschließlich militärische Schritte vor?
Nein, das ist der kürzeste, wenn auch stärkste Teil von Resolution 1973. Das Papier verschärft auch die Kontrollen des Waffenembargos und verbietet die Versorgung der ausländischen Söldner in Libyen. Zudem sieht es Reisebeschränkungen für die libysche Nomenklatur vor, deren ausländische Konten zudem eingefroren wurden.
Gibt es stärkere Instrumente? Wie sind die Erfolgsaussichten?
Die Autorisierung zu militärischer Gewalt ist die stärkste Waffe des Sicherheitsrates. Die Erfolgsaussichten sind recht hoch - wie die umgehend angekündigte Waffenruhe aus Tripolis zeigte. In der Vergangenheit haben sich solche Resolutionen, etwa in Korea, dem Irak oder Ex-Jugoslawien, oft als wirkungsvoll erwiesen - meist aber erst, nachdem die angedrohte militärische Gewalt auch eingesetzt wurde.

Fläche: 1.676.198 km²

Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt:
Akila Salih Issa

Regierungschef: Fayez al-Sarraj (nominiert)

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