Aus Budapest berichtet Christina Hebel
Balázs Paszicsnyeks Problem misst 49 Quadratmeter. Seine Zwei-Zimmer-Wohnung liegt im fünften Stock einer dieser großen grauen Wohnblöcke im Nordosten Budapests, schnell hochgezogen in den sechziger Jahren - Betonplatte auf Betonplatte. In den kleinen Flur zur Küche hat der 29-Jährige einen Tisch und zwei Stühle hineingezwängt. Auf einem rutscht er unruhig hin und her.
Paszicsnyek ist es unangenehm, über seine Situation zu sprechen. Wie Zehntausende Ungarn hat er den Fehler gemacht, sich von einem damals günstigen Schweizer-Franken-Kredit locken zu lassen. Doch seitdem der ungarische Forint dramatisch gefallen ist, drückt Paszicsnyek die Schuldenlast Monat für Monat mehr - so sehr, dass er nicht weiß, wie lange er noch in seiner Wohnung leben kann.
Damals 2008, als er und seine Mutter die Immobilie kauften, lag die monatliche Rate bei 60.000 Forint (etwa 190 Euro), mittlerweile sind es 100.000 Forint (etwa 320 Euro) geworden - und Paszicsnyek hat kein Einkommen mehr. Beim ungarischen Staatsfernsehen wurde der Cutter entlassen - wegen Umstrukturierungen, wie es hieß. Hilfe von Politikern, Ministerpräsident Viktor Orbán eingeschlossen, erwartet der junge Mann nicht: "Es ist doch alles nur Zirkus, was in unserem Land veranstaltet wird." Er sucht nun verzweifelt nach einem neuen Job, wie Zehntausende andere auch.
"Riskantes Spiel"
Was Paszicsnyek als "Zirkus" bezeichnet, nennen Wirtschaftsexperten wie Zoltán Árokszállási "ein sehr riskantes Spiel". Er sitzt in einem Besprechungsraum der österreichischen Ersten Bank in Budapest. Árokszállási ist Makroökonom. Der 27-Jährige schreibt Analysen über Ungarns Zustand, entscheidet so mit, ob sein Geldinstitut im Land investiert oder sich zurückhält.
Seine Berichte fallen seit Monaten immer unfreundlicher aus. Seitdem treibt Orbán mit der Europäischen Union (EU) und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) sein Spiel. Mal will er verhandeln, dann wieder nicht - das Ergebnis: Der Forintkurs sank dramatisch. Allein seit Juli vergangenen Jahres hat er gegenüber dem Euro mehr als 14 Prozent an Wert verloren. Viele Ungarn haben ihr Erspartes inzwischen auf Euro-Konten überwiesen.
Die ungarische Wirtschaft lahmt, kaum einer traut sich noch zu kaufen oder zu investieren. Dabei ist derzeit vieles günstig zu bekommen: Grundstücke, Häuser und Autos, überall hängen Schilder mit der Aufschrift "Eladó" - zu verkaufen. Die Arbeitslosenquote liegt mittlerweile bei knapp elf Prozent, vor sieben Jahren waren es noch 6,6 Prozent. Orbán hat angekündigt, die Gesamtstaatsverschuldung senken zu wollen, doch die wächst - allein im dritten Quartal 2011 von 75 auf über 82 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Ungarn braucht dringend neue Kredite, um alte Schulden abzulösen - mindestens zehn, wenn nicht 20 Milliarden Euro, sagen Ökonomen. Die Rating-Agenturen haben die ungarischen Staatsanleihen mittlerweile auf Ramschniveau runtergestuft. Wenn sich die Regierung heute Geld leihen will, muss sie dafür zehn Prozent Zinsen bezahlen.
Investoren verunsichert
Es sei in Ungarn lange noch nicht so schlimm wie in Griechenland, auch wenn das Land schwer unter der Finanz- und Wirtschaftskrise leide, sagt Árokszállási. Die Situation sei noch "zu managen". Aber: "Das große Problem ist die Art, wie Orbán und seine Regierung handeln und kommunizieren." Bisher hat sich der Regierungschef strikt jedwede Einmischung von außen verboten.
Das hat die Investoren "massiv verunsichert", sagt der Analyst. Genauso wie die einschneidenden Änderungen der Verfassung und Gesetze, die Orbán seit Amtsantritt 2010 mit der Zweidrittelmehrheit seiner Fidesz-Partei durchsetzt. Etwa der Versuch, die bisher unabhängige Zentralbank zu entmachten. Dies verärgert Brüssel und Washington besonders.
Brüssel droht Ungarn nun sogar mit einem Verfahren wegen Verletzung von EU-Recht. Am Dienstag entscheidet die EU-Kommission, ob sie juristisch gegen das Land vorgeht. Mittlerweile schlägt Orbán etwas leisere Töne an, hinter den Kulissen versuchen seine Leute über die rechtliche Lage "aufzuklären", in Washington, Brüssel - und in dieser Woche auch in Berlin.
Wühlen in Mülltonnen verboten
"Ein Trauerspiel" nennt Gábor Iványi Orbáns Regierungsstil. Der Methodistenpfarrer sitzt in seinem Büro in der Budapester Josefstadt. Hier landen diejenigen hinter kaputten Fassaden, die ganz unten angekommen sind: die Obdachlosen. Über 20.000 sollen es mittlerweile in der Hauptstadt sein.
An der Bürowand hängt ein handsigniertes Foto von Königin Elizabeth II. Sie hatte Ivánhyi und seiner Kirche bei einem Staatsbesuch die Ehre gegeben, weil sie "unsere Einrichtung schätzt", wie der Pfarrer mit einem Lächeln sagt. Es verschwindet, als er auf die aktuelle Lage zu sprechen kommt: "Es wird immer schlimmer", sagt er und streicht über seinen grauen Bart. Er meint auch die finanzielle Situation seiner Gemeinde. Bisher bekommt die registrierte Glaubensgemeinschaft ein staatliches Entgelt für ihre Einrichtungen: ein Nachtasyl, ein Krankenhaus und eine Wärmehalle, die "beheizte Straße", in der sich die Obdachlosen 24 Stunden lang aufhalten können.
Doch seit die Fidesz regiert, komme das Geld spät: Erst Ende Dezember seien die Mittel für 2010 angewiesen worden, sagt der 61-Jährige. Und nun droht seine Gemeinde nach dem neuen Orbán-Kirchengesetz die Registrierung und damit die Unterstützung zu verlieren. Auch der Umgang mit den Obdachlosen habe sich unter der Orbán-Regierung verschlechtert: Das Übernachten im Freien ist verboten, wer zweimal von der Polizei aufgegriffen wird, muss eine Strafe von umgerechnet 480 Euro zahlen. Außerdem steht das Wühlen in Mülltonnen unter Strafe. "Die Menschen sollen verschwinden", so Iványi. "Wohin? Das ist egal."
Etwa 100 Obdachlose leben in der Wärmehalle mittlerweile dauerhaft, so wie József Németh, der einen schwarzen Koffer hinter sich her zieht und zwei Taschen in der Hand trägt, sein Hab und Gut. Das lässt er lieber stehen, wenn er rausgeht. "Ich versuche mich nirgendwo hinzusetzen, immer in Bewegung bleiben, damit ich keinen Ärger bekomme", sagt der 62-Jährige.
"Die Mitte rutscht ab"
Auf der anderen, besseren Donau-Seite der Hauptstadt, in Buda, sitzt Robert Somogyi in einem gehobenen Restaurant. Die Polster sind goldfarben, Kronleuchter hängen von der Decke, Somogyi trägt ein rot-weißes Einstecktuch. Erst vor kurzem hat der 44-Jährige in einem Luxushotel eines seiner Exklusiv-Events veranstaltet. Eingeladen waren nur Besitzer von Zwölf-Zylinder-Ferraris. Mit ungarischem Nummerschild gibt es davon 30, sagt Somogyi. Er ist Unternehmensberater, seine Firma heißt "World of Luxury".
9600 Reiche gebe es in Ungarn, sagt er. Dazu zähle er die, die eine Million Dollar "nicht in Anlagen, sondern cash haben". Somogyi selbst bezeichnet sich "als nicht arm". Für die Oberschicht habe sich auch jetzt in der Krise "nicht viel verändert".
Die Krise träfe eher die Mittelschicht, sagt Somogyi und formt den Aufbau der Gesellschaft Ungarns nach: Mit seinen Händen zeichnet er vor sich eine "kleine Zwiebel" in die Luft, die Oberen Ungarns. Danach gehen seine Finger fast gerade runter, bis er unten eine "große zweite Zwiebel" malt, die "immer größer" wird - sein Fazit: "Die Mitte rutscht ab." Dabei war Orbán angetreten, um gerade sie zu stärken. Dieses soziale Gefälle tue Ungarn auf Dauer nicht gut, sagt Somogyi: "Die Gesellschaft splittet sich weiter auf, die sozialen Probleme verschärfen sich." Eine zusätzliche Last für das eh angeschlagene Ungarn.
Zurück zur Familie?
Wohnungsbesitzer Paszicsnyek hat Angst vor diesem Abstieg. Bis Ende Februar hat er noch Zeit einen Job zu finden, bis dahin hilft ihm seine Familie finanziell über die Runden. Wenn es ganz schlecht kommt, muss er vermieten und zu seiner Mutter zurückziehen. Mit der Miete könne er dann wenigstens seinen Anteil am Kredit bezahlen.
Bisher sieht es nicht gut aus für den 29-Jährigen: Er habe erst ein einziges Jobangebot bekommen - als Verkäufer für Finanzprodukte, die Entlohnung erfolgt auf Provisionsbasis. Doch wer, fragt Paszicsnyek, solle so was in diesen Zeiten kaufen?
Mitarbeit: Judit Klein
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