Amerikas Homosexuelle nach Tat in Orlando "Wenn Angst das Ziel war, akzeptieren wir das nicht"

Für viele Schwule und Lesben ist das Attentat von Orlando ein Schlag gegen ihre Lebensart - und eine grausige Erinnerung an die oft blutige Geschichte ihrer Bewegung.

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Aus Chicago berichtet


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Boystown war das erste offizielle Schwulenviertel Amerikas. Bis heute ist der schmucke Bezirk in der Chicagoer North Side stolz darauf: Das ganze Jahr über hängen Regenbogenflaggen an den Fassaden, an den Balkons, in den Fenstern der Restaurants und Läden, vor allem in der North Halsted Street, der Hauptstraße des Viertels.

Am Montagabend erhält die Geschichte der US-Schwulenbewegung hier ein weiteres denkwürdiges Kapitel. Hunderte strömen zum LGBT-Zentrum in Boystown. Sie bringen Blumen, Kinder haben einen Klapptisch mit Teelichtern und Buntstiften in ein Mahnmal verwandelt. "We love you, Orlando", haben sie darauf geschrieben und: "Ruht in Frieden, Freunde."

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Orlando Attentat: Trauer und Solidarität

Es ist schon Chicagos dritte Solidaritätskundgebung seit dem Massaker von Orlando, bei dem in der Queer-Disco Pulse 49 Menschen getötet wurden. Doch während die Politik über eine mögliche Verbindung zu islamistischem Terror spekuliert, bewegt Amerikas Schwule, Lesben und Transgender die viel persönlichere Bedrohung.

Drinnen werden Reden gehalten, draußen hören sie nur Bruchstücke, die reichen aber: "Diskriminierung", "Kampf um Freiheit", "unser Marsch zum Fortschritt". Die Menge jubelt, einige wischen sich Tränen aus den Augen.

Trauer und Angst zum "Gay Pride"-Monat Juni

Solche Szenen spielen sich derzeit überall in den USA ab: Tausende betrauern die Opfern, bekunden Solidarität mit Homo- und Transsexuellen. Zugleich verstärkt die Polizei landesweit Patrouillen vor LGBT-Zentren und entlang von Gay-Pride-Paraden, die gerade in vielen US-Städten stattfinden.

"Diese Tragödie hat unsere Gemeinschaft so tief getroffen wie keine zuvor in unserer Geschichte", sagt Chad Griffin, der Präsident der Human Rights Campaign (HRC), der größten schwul-lesbischen US-Bürgerrechtsgruppe, am Montag. Er verweist dabei vor allem auf das perfide Timing des Attentats.

Video: Attentat in Orlando

Denn der Juni ist in den USA "Gay Pride Month", inzwischen sogar offiziell vom Präsidenten verkündet. Und diesmal wollten sie ganz besonders feiern: Der 26. Juni markiert den ersten Jahrestag der Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe durch den Supreme Court - der wohl dramatischste Moment in der Geschichte der US-Schwulenbewegung.

Statt Feierlaune herrschen nun Entsetzen, Trauer - und Trotz. "Es wird uns nicht stoppen", schwört Sarah Kate Ellis, die Vorsitzende der LGBT-Organisation GLAAD. "Wenn Angst das Ziel war, dann akzeptieren wir das nicht. Wir werden weiter vorwärts marschieren, wie wir es seit Langem tun."

Obwohl die Motive des mutmaßlichen Attentäters Omar Mateen weiterhin ebenso ungeklärt bleiben wie seine angeblichen Terrorverbindungen, lassen Schauplatz und Zeitpunkt kaum Zweifel: Die schlimmste Massenschießerei in der US-Geschichte sei auch "ein vernichtender Schlag gegen Amerikas LGBT-Community" gewesen, klagt Jonathan Capeheart, ein schwuler Starkolumnist der "Washington Post" - zumal diese Community die früher üblichen Gewalttaten gegen sie gerade erst zu überwinden begonnen hatte.

Der Anschlag von Orlando habe "die Gay-Bar, die früher eine Zuflucht für Homosexuelle war, in eine Todeskammer verwandelt", schreibt die "New York Times". In der Tat nahm Amerikas Schwulenbewegung 1969 ihren symbolischen Anfang in einer Kneipe im New Yorker Greenwich Village, dem "Stonewall Inn". Auch dort kamen am Montagabend Hunderte zu einer Mahnwache zusammen und skandierten: "Kein Hass! Kein Hass! Kein Hass!"

Ein Attentat auf das offene und freie Amerika

Doch Parolen können die schleichende Angst kaum eindämmen, die viele Gays hier plötzlich ergriffen hat. Es ist ja nicht nur der Horror von Orlando. Er fügt sich nahtlos ein in eine beklemmendere Geschichte, nämlich den wachsenden Widerstand gegen die Ausweitung ihrer Rechte - und immer mehr gegen sie selbst - durch die US-Konservativen.

Darüber können auch die Worte von Präsident Barack Obama nicht hinwegtäuschen: "Der Ort, an dem sie angegriffen wurden, ist mehr als ein Nachtklub. Es ist ein Ort der Solidarität und der Selbstermächtigung, an dem Leute zusammenkamen, um ein Bewusstsein zu schaffen, sich frei zu äußern und für ihre Bürgerrechte zu kämpfen." So etwas sei ein Angriff "auf uns alle und die Grundwerte der Gleichheit und Würde, die unser Land definieren".

Vielleicht war es ja genau das, was der mutmaßliche Todesschütze erreichen wollte - ein Attentat auf die Offenheit Amerikas, wie sie sich nicht zuletzt in den relativen Freiheiten von Schwulen und Lesben in den USA ausdrückt.

Dabei geraten diese Freiheiten auch so schon umso stärker ins Visier, je mehr sie sich im US-Mainstream verankern - ob durch Urteile, legislative Schritte, Volksabstimmungen oder Exekutivanordnungen des Präsidenten.

Angst vor dem Aufstand der Ewiggestrigen

Es ist ein letzter Aufstand der Gestrigen. LGBT-Gruppen vermelden neue Übergriffe gegen Gays. Transsexuelle werden zu Mordopfern. Einzelne US-Staaten versuchen, den Fortschritt zurückzudrehen oder Minderheiten durch Maßnahmen wie das "Klo-Gesetz" North Carolinas auszugrenzen - eines von rund 200 schwulenfeindlichen Gesetzen der vergangenen sechs Monate.

Nach Orlando kursierten homophobe Hassbotschaften im Internet. "Ich bin so glücklich, dass jemand endlich mal Perverse erschossen hat anstelle unschuldiger Menschen", schrieb einer namens Jonathan Howell auf Twitter.

Für ältere Schwule und Lesben ist das alles ein grausiges Déjà-vu. Die langwierige Durchsetzung von Rechten für Homosexuelle in den USA hatte - wie auch der Bürgerrechtskampf der Afroamerikaner - viele gewalttätige Rückschläge. Der bisher tödlichste war ein Brandanschlag auf die Schwulenbar "Upstairs Lounge" 1973 in New Orleans, bei dem 32 Menschen umkamen. Orlando hat diese eigentlich bewältigt geglaubte Geschichte wieder aufleben lassen.

Am Sonntag findet in den USA eine der nächsten Gay-Pride-Paraden statt - in Chicago. "Wenn es je ein Jahr gab, die Regenbogenflagge zu hissen", ruft bei der Versammlung in Boystown eine Rednerin, "dann ist es dieses Jahr!"


Zusammengefasst: Amerikas Homosexuelle zeigen sich nach dem Angriff auf den Nachtklub in Orlando geschockt - und trotzen der Gewalt mit Paraden in vielen Städten. Doch bei allem Widerstand: Die Minderheit bangt um ihre mühsam erkämpften Freiheiten und Rechte. Von den erstarkenden Konservativen im Land fühlen sie sich eingeschränkt und drangsaliert.

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