Disco-Massaker in Orlando "Eine Tragödie für die gesamte Nation"

Ein Mann stürmt mit einer automatischen Waffe in einen Nachtklub und tötet 50 Menschen. Wieder einmal stehen die USA unter Schock. Doch das Massaker von Orlando war offenbar mehr als ein Amoklauf.

Von und , Orlando


Vor dem Pulse ist an normalen Wochenenden viel los. Der Nachtklub liegt an einer großen Verkehrsstraße in der Innenstadt von Orlando. Viele Gäste, die hier bis in den Morgen hinein tanzen, gehen anschließend zum Frühstück gerne ins Dunkin' Donuts oder ins Wendy's nebenan: Donuts und Burger.

An diesem Sonntag jedoch ist die ganze Gegend weiträumig abgesperrt. Streifenwagen blockieren die Zufahrt zum Pulse. Polizisten sichern das Gelände. Roboter werden herangefahren, wohl um Sprengsätze zu sichern.

Ein Beamter sitzt auf dem Bürgersteig und legt schweigend das Gesicht in die Hände. Er steht unter Schock. Das ganze Land steht unter Schock.

Die Bilanz der Nacht offenbart sich erst am Vormittag. Ein Schütze hat die beliebte Disco gestürmt und ein Massaker angerichtet. Als Orlandos Bürgermeister Buddy Dyer übernächtigt vor die TV-Kameras tritt, glaubt man sich erst verhört zu haben: 50 Todesopfer, 53 Verletzte. "Eine Tragödie für die gesamte Nation", sagt Orlandos Polizeichef John Mina.

Es ist der verheerendste Angriff eines einzelnen Schützen in der Geschichte der USA.

"Dies sieht aus wie radikaler Islam"

Schlimmer noch. Je mehr über dieses Blutbad bekannt wird, desto klarer wird: Dies war womöglich viel mehr als der Amoklauf eines Waffennarren.

Erste Erkenntnisse über den mutmaßlichen Täter sickern erstaunlich schnell durch - vor allem über seine mögliche Verbindung zu radikalem Islam. "Wir haben Hinweise, dass das Individuum Neigungen zu dieser spezifischen Ideologie haben könnte", sagt FBI-Bezirkschef Ronald Hopper.

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Massaker in Orlando: Trauer und Stolz

Der Kongressabgeordnete Adam Schiff - ein Demokrat, der im Geheimdienstausschuss sitzt und normalerweise nicht zu politischer Panikmache neigt - sagt auf CNN später, er habe gehört, der mutmaßliche Täter habe der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) einen Treueschwur geleistet. "Dies sieht aus wie radikaler Islam", sagt auch sein republikanischer Kongresskollege Devin Nunes, der gut informierte Vorsitzende des Geheimdienstausschusses.

Fünf Stunden nach dem Blutbad identifizieren die US-Medien den Schützen als Omar Mateen, 29, aus dem 200 Kilometer entfernten Port St. Lucie. FBI-Bezirkschef Hopper bestätigt, dass der mutmaßliche Täter identifiziert sei, ohne jedoch zunächst seinen Namen zu nennen. Die "Washington Post" und die "New York Times" melden, M. sei US-Staatsbürger gewesen, seine Eltern stammten aus Afghanistan. Ein Angehöriger sagt der "Washington Post", die Familie stehe unter Schock und es tue ihnen sehr leid, was passiert sei.

Omar Mateen
Orlando Police

Omar Mateen

Warum der Täter - im Juni, dem "Gay Pride Month" - einen Nachtklub für Schwule und Lesben wählte, bleibt unklar. Das Pulse ist ein populärer Treffpunkt für Homosexuelle, vor allem Latinos. Die Samstagsparty heißt "Upscale Latin Saturday" - drei DJs, eine Drag-Show. "Zeit, zu feiern", lockt die Facebook-Seite des Klubs noch Stunden vor dem Massaker.

Der nächste Facebook-Post folgt um 2.09 Uhr in der Nacht zum Sonntag und klingt plötzlich ganz, ganz anders - ängstlich, chaotisch, panisch: "Everyone get out of pulse and keep running." "Alle raus aus Pulse und weiterrennen."

Augenzeugen schildern dramatische Szenen

Drinnen tobt bereits das Inferno. Sieben Minuten vor dem letzten Facebook-Eintrag, so die ersten Erkenntnisse der Behörden, stürmt der Täter den Club. Er trägt ein AR-15-Sturmgewehr, eine Handfeuerwaffe und etwas, was die Polizei später als "möglichen Sprengkörper" beschreibt. "Es scheint, als sei er organisiert und gut vorbereitet gewesen", sagt Polizeichef Mina.

Obwohl es nur noch knapp eine halbe Stunde bis zur Schließung des Lokals ist, halten sich zu der Zeit noch mehr als 300 Gäste auf der Tanzfläche, an den Bars und in den Sitzecken auf. Die Musik, berichten Zeugen, sei so laut gewesen, dass man die Schüsse erst gar nicht bemerkt habe.

"Zuerst dachte ich, die Schüsse wären Teil der Musik", sagt Club-Besucher Kenneth Melendez der Lokalzeitung "Orlando Sentinel". "Ich fing an zu rennen und sah einen, der am Arm blutete, und dachte, wow, das passiert wirklich." Vier seiner Freunde seien verletzt worden. Das Pulse sei immer eine so sichere Umgebung gewesen, "in der man sich ausleben konnte".

"Ich habe mich fallengelassen und bin rausgekrochen", sagt der Disco-Gast Christopher Hansen. "Die Leute versuchten durch die Rückseite des Klubs zu fliehen." Er habe jemanden auf dem Boden geholfen: "Ich war nicht sicher, ob er tot war oder noch lebte." Er habe sein Kopftuch verknotet und es in die offene Schusswunde im Rücken des Mannes gesteckt, um das Blut zu stillen.

"Alle fielen zu Boden", sagt auch Rosie Feba, die ihre Freundin zum ersten Mal mit ins "Pulse" genommen hatte. "Ich sagte ihr, dass das nicht echt sei, ich hielt es für Musik, bis ich dann sah, wie aus seinem Gewehr Feuer kam."

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Vier Stunden dauert das Massaker

"Die Leute schrien und rannten und suchten ihre Freunde", schreibt der Augenzeuge Anthony Torres auf seiner Facebook-Seite. "Es war surreal."

Hansen und andere berichten von 40 bis 50 Schüssen. Ein Zivilbeamter, der für den Klub arbeitete, habe sich mit dem Schützen ein Feuergefecht geliefert und ihn nach draußen gejagt. Nach einem erneuten Schusswechsel mit weiteren Polizisten sei der Täter wieder in den Klub gerannt und habe Dutzende Geiseln genommen. Schließlich sei ein SWAT-Einsatzkommando angerückt.

Doch erst um fünf Uhr morgens startet das Kommando einen Rettungsversuch. Neun Cops stürmen den Klub mit einem Panzerfahrzeug und detonieren zwei Sprengsätze. Rund 30 Geiseln seien gerettet worden, sagt Polizeichef Mina. Viele hätten sich in Ecken des riesigen Klubs und in einer Toilette versteckt.

Auf der Facebook-Seite von Pulse laufen zahllose Kondolenzbekundungen ein. "Bitte betet für alle, während wir mit diesem tragischen Vorfall fertigwerden", schreibt der Klub. "Danke für eure Gedanken und eure Liebe."

Video: Bluttat in Orlando

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