Kiew vs. Moskau Ein Kirchenstreit, der den Krieg befeuern wird

Die Ukraine hat ihre kirchliche Unabhängigkeit von Moskau errungen - ein Ereignis von solcher Sprengkraft, dass es die gesamte orthodoxe Christenheit spalten könnte. Und neue Kämpfe im Land auszulösen droht.

Patriarch Kirill
Sergey Vlasov / Russian Orthodox Church Press Service / AP

Patriarch Kirill

Von , Moskau


Kirchen zerfallen nicht so leicht wie Staaten. Die Katholische Kirche zum Beispiel hat den Untergang des Römischen Reiches unbeschadet überstanden - der Papst segnet noch heute vom Petersplatz aus die Welt, als wäre Rom ihr Mittelpunkt.

Und so wie das Römische Imperium in kirchlicher Form weiterlebt, so ist es auch mit dem Russischen Imperium. 27 Jahre schon sind Weißrussland und die Ukraine unabhängige Nationalstaaten, aber kirchlich unterstehen sie immer noch Moskau. Das Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche, Patriarch Kirill I. von Moskau, ist anerkanntes Oberhaupt auch der Gläubigen in Kiew und Minsk.

Jedenfalls galt das bis zur vergangenen Woche. Jetzt allerdings wird der Zerfall der Sowjetunion in einzelne Nationalstaaten auch auf kirchlichem Gebiet nachgeholt. Die Ukraine hat gerade ihre kirchliche Unabhängigkeit von Moskau errungen, und das ist ein Ereignis von solcher Sprengkraft, dass es die gesamte orthodoxe Christenheit spalten könnte.

Vor allem aber könnte die kirchliche Unabhängigkeit neue Gewalt in der Ukraine auslösen, befeuert von einem missgünstigen Kreml. Schon hat Russlands Präsident Wladimir Putin durch seinen Sprecher erklären lassen, man werde die Interessen der Gläubigen in der Ukraine verteidigen. Das klingt wie eine neue Rechtfertigung, sich im Nachbarland einzumischen.

Man muss, um den Streit zu erklären, ein wenig ausholen. Religion, Nationalismus, Politik sind darin eng verflochten, es wird gekämpft um Wählerstimmen, um attraktive Immobilien, um geopolitischen Einfluss und darum, wie die Orthodoxie sich zum Rest der Christenheit positioniert. Um das Seelenheil des Einzelnen geht es da bloß am Rande.

Fangen wir an mit den Protagonisten des Streits. Es sind die zwei prominentesten Anführer der Orthodoxie. Da ist zum einen Patriarch Kirill, Oberhaupt von 150 Millionen Christen und damit der Hälfte aller Orthodoxen der Welt. Kirill ist Herr einer reichen Kirche, und er genießt außerdem die Unterstützung Putins, so wie Putin wiederum die Wahlkampfhilfe des Patriarchen genießt. Beide sehen Russland als konservative Bastion im Kampf mit dem verirrten Westen.

Der Gegner in Konstantinopel ist nur Erster unter Gleichen

Kirills Gegenspieler heißt Bartholomäus und ist der griechische Patriarch in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul. Im Vergleich zu Kirill ist Bartholomäus arm wie eine Kirchenmaus. Er hat wenig Geld und wenig Gläubige, schließlich ist die Türkei ein muslimisches Land, die christliche Minderheit vertrieben oder geflohen. Aber dafür hat Bartholomäus einen ehrwürdigen Titel. Er ist "Ökumenischer Patriarch", das heißt zuständig für die gesamte Welt.

Konstantinopel war einmal das Zentrum des orthodoxen Christentums. Mag es auch 1453 von den Türken erobert worden sein, die dortige Kirche tut so, als wäre damals nichts geschehen.

Anders als der Papst, der über eine geeinte katholische Kirche herrscht, ist der Ökumenische Patriarch bloß der angesehenste von einem Dutzend orthodoxen Kirchenführern, ein Erster unter Gleichen. Aber wenn irgendjemand den Orthodoxen der Ukraine ihre Unabhängigkeit geben kann, dann er. Schließlich war es Konstantinopel, das einst auch Moskaus kirchliche Unabhängigkeit bestätigt hat und später die Unterordnung Kiews unter den Moskauer Patriarchen.

Poroschenko setzt auf das Kirchenthema

Deshalb hat sich das ukrainische Parlament mit der Bitte um kirchliche Unabhängigkeit an Bartholomäus gewandt. Und vor allem Präsident Petro Poroschenko treibt die Sache voran. Das hat profane Gründe. 2019 wird gewählt, Poroschenkos Umfragewerte sind mies. Was er nach der Maidan-Revolution 2014 versprach, hat er nicht gehalten - die Reformen stocken, die Korruption blüht, der Krieg im Donbass schwelt. Deshalb setzt der Präsident jetzt auf Patriotismus und Symbolpolitik - "Armee, Sprache, Kirche" heißt sein Wahlslogan.

Patriarch Filaret
REUTERS

Patriarch Filaret

Das Hauptargument für eine neue Kirche ist, dass die Orthodoxen in der Ukraine ohnehin schon gespalten sind, und dass Bartholomäus sie nun einen könnte. Denn von der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats - der größten Gemeinschaft mit gut 10.000 Gemeinden - hat sich schon 1992 ein selbsternanntes Kiewer Patriarchat abgespalten. Dessen Anführer, Patriarch Filaret, ist ein machthungriger Funktionär wie Kirill in Moskau, nur mit einer umgekehrter Ausrichtung. Er gibt sich eisern prowestlich und antirussisch, den Maidan hat er nach Kräften unterstützt. Weder Moskau noch Konstantinopol haben ihn bisher anerkannt.

Der Gedanke, aus den Gemeinden von Kiewer und Moskauer Patriarchat und anderen Splittergruppen eine einheitliche, von Moskau unabhängige Nationalkirche zu zimmern, ist populär unter Kiewer Politikern. Die Moskauer lässt er schaudern. Schließlich gilt Kiew als Wiege des Christentums und der Staatlichkeit im späteren russischen Reich, der gemeinsame Glauben als einigendes Band. Und weil die Ukrainer religiöser sind als die Russen, hätte das Moskauer Patriarchat auch praktisch viel zu verlieren: Ein Drittel aller seiner Gemeinden liegt in der Ukraine, außerdem wichtige Heiligtümer wie das Kiewer Höhlenkloster.

Den letzten, wichtigsten Schritt ging er (noch) nicht

Kein Wunder also, dass die Moskauer Kirchenführung allergisch reagiert hat, als Bartholomäus den Kiewer Bitten nachkam. Im September schickte Bartholomäus zwei Bischöfe - ethnische Ukrainer aus Nordamerika - nach Kiew, um Gespräche zu führen. Und im Oktober erklärte er offiziell, nicht Moskau, sondern Konstantinopel habe in der Kirchenprovinz Kiew das Sagen. Eine anderslautende Abmachung von 1686 sei unwirksam.

Schließlich hob er auch noch einen Kirchenbann auf, mit dem der selbsternannte Kiewer Patriarch Filaret belegt worden war. Kurz: Bartholomäus unternahm alles, um die Gründung einer neuen Nationalkirche vorzubereiten. Einzig den entscheidenden letzten Schritt - die Verkündung der "Autokephalie", der Unabhängigkeit - unterließ er.

Petro Poroschenko, Erzbischof Daniel von Pamphilon (USA), Bischof Ilarion von Edmonton (Kanada)
AP

Petro Poroschenko, Erzbischof Daniel von Pamphilon (USA), Bischof Ilarion von Edmonton (Kanada)

Das Moskauer Patriarchat antwortete mit Sanktionen. Es verbietet seit dieser Woche seinen Gläubigen, an Gottesdiensten der Konstantinopoler Kirche teilzunehmen. Damit droht nun ein regelrechtes Schisma, eine dauerhafte Spaltung der orthodoxen Christenheit. Die große Frage ist, wem die anderen orthodoxen Kirchen der Welt folgen werden. Moskau steht für einen konservativen Kurs, gestützt auf den Kreml, auf viel Geld und viele Gläubige. Bartholomäus steht für einen westorientierten Kurs, gestützt auf einen alten Titel und sonst nichts.

Mit weiteren Konflikten muss man wohl rechnen

Vor allem aber ist die Frage, was die Gläubigen und die Priester in der Ukraine wollen. Denn ohne eine große Zahl an Überläufern aus dem Moskauer Patriarchat wird die neue Nationalkirche ein Papiertiger bleiben. Die Versuchung ist groß, mit Druck auf einzelne Gemeinden nachzuhelfen - wobei der Druck vom ukrainischen Staat, aber auch von rabiaten Nationalisten kommen kann. Die rechtsextreme Gruppe C14, bekannt zuletzt für Gewalttaten gegen Angehörige der Roma-Minderheit, hat mehrfach im Kiewer Höhlenkloster demonstriert, das sie als Moskauer Fremdkörper betrachtet. Neue Konflikte sind absehbar.

Bisher ist von einer Wechselstimmung in der Kirche des Moskauer Patriarchats wenig zu hören. Aber wenn der Einfluss des Moskauer Patriarchats in der Ukraine tatsächlich gebrochen werden sollte, dann hat es sich das selbst zuzuschreiben. Anstatt Frieden zu schaffen zwischen den Nachbarländern, hat es dem Kreml dabei geholfen, seine zynische Antwort auf die Euromaidan-Revolution umzusetzen.

Der Kreml hat die Konflikte innerhalb der ukrainischen Gesellschaft bewusst angeheizt, er hat die Krim annektiert und den Krieg im Donbass losgetreten. Er hat all das im Namen des "Russki Mir" getan, einer mythischen "Russischen Welt", die neben Russland auch die Ukraine und Weißrussland umfasse und auf dem gemeinsamen Glauben basiere. Das Moskauer Patriarchat hat sich dafür willig einspannen lassen. Nun erntet es die Früchte seiner Verfehlungen.



insgesamt 70 Beiträge
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doitwithsed 19.10.2018
1. Zerfall der Kirche? Gut so!
Jahrzehntelang wurde die russische Kirche in der Sowjetunion unterdrückt, u.a. weil sie im zaristischen Repressionssystem aktiv eingebunden war und auf Seiten des unterdrückenden Adels daran mitwirkte. Kaum gewann sie ihre Freiheit wieder, wanzt sie sich an die Putin'sche Autokratie heran, der sie herzlich in seinem Repressionssystem willkommen hieß. Und auch hier schlägt sie sich gegen die Bevölkerung auf die Seite der Mächtigen. Diese "Kirche" hat nichts gelernt und je schneller diese Strukturen verfallen, desto besser ist das.
deklemens 19.10.2018
2. Religionskriege...
Es ist nicht zu fassen, wie hörig doch manche Menschen den Religionsführern sind. Dass sie nur zwecks Macht und Geld, für die Oberen, herhalten müssen, begreifen sie scheinbar nicht. Da hilft nur Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung. Aber diese wird natürlich von "Oben" immer mehr verhindert. Schade um die treuen Seelen, die man so missbraucht.
calinda.b 19.10.2018
3. Who cares?
Kirchen sind so überflüssig wie ein Kropf. In D. ist die Hälfte der Bevölkerung aus der Kirche ausgetreten, der Rest bloss noch nicht weil kein Club eine simple Online-Methode zum Austritt bereitstellt wie in Luxemburg z.B. 2 Drittel der Kinder werden nicht mehr getauft, Abertausende Kirchen sind zugesperrt und verfallen, tausende Priester und Bischöfe sind wegen Vergewaltigung von Kindern 'versetzt' worden von Kirchenfürsten, die sich gegen polizeiliche Aufklärung verschworen haben ... Mit anderen Worten, eine kriminelle Organisation die besser zerschlagen wäre.
arr68 19.10.2018
4. Kirchenführer
Können die eigentlich irgendetwas besonderes? Kann der Papst fliegen oder der Kyrill jemand wieder zum Leben erwecken? Nein, denn diese irdischen Vereinigungen haben nur den Zweck, Gelder anzuhäufen und irgendwelche Verordnungen zu verbreiten, die der sonstigen Welt 200 Jahre hinterherhinken. Und hoffentlich merken immer mehr Menschen, dass sie an ein höheres Wesen und vernünftigen Grundsätzen glauben dürfen, ohne das ihnen das ein selbsterkorener Führer sagt. Ansonsten dürfen wir wohl weitere Kämpfe erwarten wie schon zwischen Christen und Moslems und später zwischen Suniten und Schiiten oder Katholiken und Protestanten. Und das alles im Namen eines friedliebenden Gottes.
Ambrosicus 19.10.2018
5.
Die russ.-orth. Kirche war zu Sowjetzeiten derart vom KGB unterwandert, dass von "Kirche" nicht mehr geredet werden konnte. Auch nach Ende der KPdSU-Herrschaft hat sich personell da nichts verändert, klar, dass diese "Popen" gern mit KGB-Tschekist Putin zusammenarbeiten. Mit Christentum hat das nichts zu tun. Reines Machtstreben.
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