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03. Mai 2012, 16:56 Uhr

Terrororganisation al-Qaida

USA veröffentlichen Bin Ladens letzte Aufzeichnungen

Es sind die letzten Dokumente Osama Bin Ladens, die jetzt in den USA veröffentlicht wurden. Sie zeigen: Dem Terrorchef ist die Kontrolle über das Terrornetzwerk al-Qaida vor seinem Tod weitgehend entglitten. Zugleich war er begeistert vom Arabischen Frühling.

Washington - Es sind die letzten Aufzeichnungen des getöteten Qaida-Chefs: Die US-Armee hat am Donnerstag 17 Dokumente veröffentlicht, die bei der Erstürmung von Osama Bin Ladens Haus im pakistanischen Abbottabad entdeckt wurden. Die Unterlagen sollen zwischen September 2006 und April 2011 entstanden sein.

Zu den Dokumenten gehören zum einen Briefe von Bin Laden an andere Qaida-Anführer, aber auch Botschaften von Mitgliedern des Terrornetzwerks an den Terrorchef.

Die Unterlagen scheinen zu belegen, dass Bin Laden die Kontrolle über die verschiedenen Qaida-Filialen, etwa auf der Arabischen Halbinsel oder im Irak zusehends entglitt. Innerhalb der Führungsriege gab es Streit darüber, wie die Spitze des Netzwerks mit den verschiedenen Gruppen zwischen Mauretanien und Pakistan umgehen solle, die sich zu al-Qaida bekannten. Während einige Mitstreiter von Bin Laden schriftlich verlangten, sich von diesen Gruppen zu distanzieren, sahen andere in der Entwicklung eine Stärkung der Organisation.

Der Qaida-Chef selbst warnte den Anführer der al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (Aqap) davor, eigenmächtig zu handeln und etwa einen islamischen Staat im Jemen auszurufen. Stattdessen solle sich die Gruppe auf den wahren Feind, die USA, konzentrieren. Außerdem forderte er seine Unterstützer auf, nicht die Fehler der Qaida-Filiale im Irak zu wiederholen, die dem Ansehen seiner Bewegung schwer geschadet hätten.

Im Jahr 2010 notierte Bin Laden: "Ich plane eine Erklärung abzugeben, dass wir eine neue Phase einleiten, um die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren." Zu viele Muslime hätten unter Angriffen der Dschihadisten gelitten, konstatierte Bin Laden.

Die Unterlagen belegen auch, dass die US-Drohnenangriffe im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet das Netzwerk zusehends in Bedrängnis brachten. So finden sich in den Dokumenten mehrere Kondolenzbekundungen für getötete Qaida-Kader und die Anweisung an seine Anhänger, größere Vorsicht vor Luftangriffen walten zu lassen. Auch alternative Rückzugsgebiete wurden offenbar innerhalb der Qaida-Führung diskutiert.

Einen seiner Untergebenen wies Bin Laden an, zwei Einheiten zu bilden, die den Auftrag hatten, US-Präsident Obama oder den damaligen Isaf-Kommandeur General David Petraeus bei einem ihrer Besuche in Afghanistan zu töten. Die Tötung Obamas würde seinen "unvorbereiteten" Vize Joe Biden an die Macht bringen und der Tod des Armeegenerals den "Verlauf des Krieges ernsthaft beeinflussen".

In einer seiner letzten Aufzeichnungen aus dem April vergangenen Jahres bezeichnete Bin Laden den Arabischen Frühling als "großartiges Ereignis". Al-Qaida solle sich künftig auf Medienarbeit und "Führung" konzentrieren, um die Menschen "zur Rebellion gegen die Herrschenden" anzustacheln.

Bis dato hat das US-Militär knapp 200 der insgesamt etwa 6000 Seiten umfassenden Unterlagen freigegeben. Weitere Teile sollen in den kommenden Wochen folgen, vieles soll aus Sicherheitsgründen jedoch dauerhaft unter Verschluss bleiben.

syd

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