Terrororganisation al-Qaida: USA veröffentlichen Bin Ladens letzte Aufzeichnungen

Es sind die letzten Dokumente Osama Bin Ladens, die jetzt in den USA veröffentlicht wurden. Sie zeigen: Dem Terrorchef ist die Kontrolle über das Terrornetzwerk al-Qaida vor seinem Tod weitgehend entglitten. Zugleich war er begeistert vom Arabischen Frühling.

Bin Laden im Unterschlupf in Abbottabad: "Fehler der Vergangenheit korrigieren" Zur Großansicht
AP

Bin Laden im Unterschlupf in Abbottabad: "Fehler der Vergangenheit korrigieren"

Washington - Es sind die letzten Aufzeichnungen des getöteten Qaida-Chefs: Die US-Armee hat am Donnerstag 17 Dokumente veröffentlicht, die bei der Erstürmung von Osama Bin Ladens Haus im pakistanischen Abbottabad entdeckt wurden. Die Unterlagen sollen zwischen September 2006 und April 2011 entstanden sein.

Zu den Dokumenten gehören zum einen Briefe von Bin Laden an andere Qaida-Anführer, aber auch Botschaften von Mitgliedern des Terrornetzwerks an den Terrorchef.

Die Unterlagen scheinen zu belegen, dass Bin Laden die Kontrolle über die verschiedenen Qaida-Filialen, etwa auf der Arabischen Halbinsel oder im Irak zusehends entglitt. Innerhalb der Führungsriege gab es Streit darüber, wie die Spitze des Netzwerks mit den verschiedenen Gruppen zwischen Mauretanien und Pakistan umgehen solle, die sich zu al-Qaida bekannten. Während einige Mitstreiter von Bin Laden schriftlich verlangten, sich von diesen Gruppen zu distanzieren, sahen andere in der Entwicklung eine Stärkung der Organisation.

Der Qaida-Chef selbst warnte den Anführer der al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (Aqap) davor, eigenmächtig zu handeln und etwa einen islamischen Staat im Jemen auszurufen. Stattdessen solle sich die Gruppe auf den wahren Feind, die USA, konzentrieren. Außerdem forderte er seine Unterstützer auf, nicht die Fehler der Qaida-Filiale im Irak zu wiederholen, die dem Ansehen seiner Bewegung schwer geschadet hätten.

Im Jahr 2010 notierte Bin Laden: "Ich plane eine Erklärung abzugeben, dass wir eine neue Phase einleiten, um die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren." Zu viele Muslime hätten unter Angriffen der Dschihadisten gelitten, konstatierte Bin Laden.

Die Unterlagen belegen auch, dass die US-Drohnenangriffe im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet das Netzwerk zusehends in Bedrängnis brachten. So finden sich in den Dokumenten mehrere Kondolenzbekundungen für getötete Qaida-Kader und die Anweisung an seine Anhänger, größere Vorsicht vor Luftangriffen walten zu lassen. Auch alternative Rückzugsgebiete wurden offenbar innerhalb der Qaida-Führung diskutiert.

Einen seiner Untergebenen wies Bin Laden an, zwei Einheiten zu bilden, die den Auftrag hatten, US-Präsident Obama oder den damaligen Isaf-Kommandeur General David Petraeus bei einem ihrer Besuche in Afghanistan zu töten. Die Tötung Obamas würde seinen "unvorbereiteten" Vize Joe Biden an die Macht bringen und der Tod des Armeegenerals den "Verlauf des Krieges ernsthaft beeinflussen".

In einer seiner letzten Aufzeichnungen aus dem April vergangenen Jahres bezeichnete Bin Laden den Arabischen Frühling als "großartiges Ereignis". Al-Qaida solle sich künftig auf Medienarbeit und "Führung" konzentrieren, um die Menschen "zur Rebellion gegen die Herrschenden" anzustacheln.

Bis dato hat das US-Militär knapp 200 der insgesamt etwa 6000 Seiten umfassenden Unterlagen freigegeben. Weitere Teile sollen in den kommenden Wochen folgen, vieles soll aus Sicherheitsgründen jedoch dauerhaft unter Verschluss bleiben.

syd

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 134 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Nun seht man es mal schwarz auf weiss.
Cocorossa 03.05.2012
"Die Unterlagen scheinen zu belegen, dass Bin Laden die Kontrolle über die verschiedenen Qaida-Filialen, etwa auf der Arabischen Halbinsel oder im Irak zusehends entglitt." Da hat die USA millionen investiert, und eine Menge Menschenleben (auch eigene) vergeudet, um ein grufti zu beseitigen, der praktisch kein Einfluss mehr hat. Welch ein Debakel!
2. Irgendwer muß ja mal anfangen....
DasBrot 03.05.2012
Zitat von Cocorossa"Die Unterlagen scheinen zu belegen, dass Bin Laden die Kontrolle über die verschiedenen Qaida-Filialen, etwa auf der Arabischen Halbinsel oder im Irak zusehends entglitt." Da hat die USA millionen investiert, und eine Menge Menschenleben (auch eigene) vergeudet, um ein grufti zu beseitigen, der praktisch kein Einfluss mehr hat. Welch ein Debakel!
...und die Initiative ergreifen. Maulhelden sitzen in vielen Regierungen.
3.
kuac 03.05.2012
Das original als Text oder pdf Datei kann man hier einsehen. Dokumente von Sept. 2006 - April 2011. http://www.nytimes.com/interactive/2012/05/04/world/asia/04binladen-text.html
4. Sehen Sie es mal
chico 76 03.05.2012
Zitat von Cocorossa"Die Unterlagen scheinen zu belegen, dass Bin Laden die Kontrolle über die verschiedenen Qaida-Filialen, etwa auf der Arabischen Halbinsel oder im Irak zusehends entglitt." Da hat die USA millionen investiert, und eine Menge Menschenleben (auch eigene) vergeudet, um ein grufti zu beseitigen, der praktisch kein Einfluss mehr hat. Welch ein Debakel!
aus der Sicht eines Amerikaners. Die USA haben einen Verbrecher zur Strecke gebracht, der für die Ermordung von 3000 unschuldigen Landsleuten verantwortlich war. Chapeau Navy Seals.
5. OBL und der Arabische Frühling
driftwood1973 03.05.2012
Zitat von sysopEs sind die letzten Dokumente Osama Bin Ladens, die jetzt in den USA veröffentlicht wurden. Sie zeigen: Dem Terrorchef ist die Kontrolle über das Terrornetzwerk al-Qaida vor seinem Tod weitgehend entglitten. Zugleich war er begeistert vom Arabischen Frühling. Osama Bin Ladens Aufzeichnungen veröffentlicht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,831192,00.html)
Das sollte uns allen zu denken geben, daß ausgerechnet OBL begeistert war vom Arabischen Frühling !!! Aber träumt ruhig weiter von einer panarabischen Demokratiebewegung!!!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Osama Bin Laden
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 134 Kommentare

Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Fotostrecke
Tödliche US-Operation: Jagd auf Bin Laden

Erleichterung, Genugtuung, Angst vor Rache

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil

Osama Bin Laden über...
 
Den 11. September
"Wir berechneten im Voraus, wie viele Verluste der Feind erleiden würde. Wir nahmen als Grundlage die Position des Turms und errechneten, wie viele getötet werden würden. Wir schätzten, dass ungefähr drei bis vier Stockwerke getroffen werden würden. Ich war besonders optimistisch ..., weil ich auf diesem Gebiet bereits Erfahrung habe. Ich vermutete, das brennende Benzin würde die Eisenträger des Gebäudes schmelzen. Aber ich dachte nur, dass die Einschlagstelle und die Stockwerke darüber einstürzen würden. Mehr wagten wir nicht zu hoffen."

November 2001, zitiert nach: Abou-Taam/Bigalke: "Die Reden des Osama Bin Laden"
Den Irak-Krieg
"Ich jubele darüber, dass Amerika in den Schlammlöchern des Tigris und Euphrat steckengeblieben ist... Bush glaubt, der Irak und sein Öl seien leichte Beute, und nun steckt er durch die Gnade Gottes fest und kann weder vor noch zurück. Amerika schreit aus voller Kehle, während es vor den Augen der Welt auseinanderbricht."

Oktober 2003, zitiert nach: Coll: "Die Bin Ladens. Eine arabische Familie"
Amerika
Im September 2007 wandte sich Osama Bin Laden "an die Amerikaner": "So wie ihr euch zuvor aus der Sklaverei der Mönche, Könige und Feudalherren befreit habt, so solltet ihr euch jetzt von den Irreführungen ... des kapitalistischen Systems befreien."

Politische, geschichtliche und moralische Erörterungen vermischend, zeichnet Bin Laden das Bild einer Nation, die auf der Verliererstraße ist. Obwohl militärisch übermächtig, könnten die Amerikaner im Irak nicht gewinnen - weil sie zwar moralisch argumentierten, in Wahrheit aber nur den Interessen internationaler Konzerne folgten.

Das Ansehen der USA sei deswegen ruiniert. Um "den Krieg zwischen uns" zu stoppen, gebe es zwei Möglichkeiten: Entweder die Mudschahidin stellten die Kampfhandlungen ein, was aber nicht gehe, weil sie eine Pflicht erfüllten. Oder die USA sähen endlich ein, dass sie die Verlierer im Irak seien. Es sehe aber so aus, als würden sie die eigenen Fehler aus dem Vietnam-Krieg und die der Sowjets aus dem Afghanistan-Feldzug wiederholen und sich vor der besseren Einsicht drücken.

Es gebe allerdings einen Ausweg, sagte Bin Laden weiter: Die Amerikaner sollten "nach einem alternativen, aufrechten Weg suchen", in dem es nicht darum gehe, andere zum eigenen Nutzen zu unterdrücken. Natürlich hat dieser Weg auch einen Namen: Die Amerikaner sollen zum Islam konvertieren.
Die Europäer
"Unsere Aktionen sind nur eine Antwort auf eure Aktionen - eure Zerstörung und und euren Mord an unseren Leuten, ob in Afghanistan, im Irak oder Palästina... Nach welchem Glauben sind eure Toten wertvoll und unsere wertlos? Nach welcher Logik zählt euer Blut als echt und unseres als Wasser? Vergeltung ist Teil von Gerechtigkeit, und der, der feindliche Akte zuerst begeht, ist der, der unrecht handelt. Ich rufe alle Männer, insbesondere Gelehrte, die Medien und Geschäfstleute dazu auf, eine permanente Kommission einzuberufen, um in Europa das Bewusstsein für unsere gerechten Gründe zu stärken... Ich mache einen Friedensvorschlag, der im Kern die Verpflichtung darstellt, alle Operationen gegen jeden Staat einzustellen, der sich verpflichtet, keine Muslime oder islamischen Staaten anzugreifen. "

April 2004, zitiert nach: Lawrence: "Messages to the World. The Statements of Osama Bin Laden"
Den "Kampf der Kulturen"
"Ohne jeden Zweifel (glaube ich an den Kampf der Kulturen). Das heilige Buch erwähnt ihn klar. Die Juden und Amerikaner haben das Lügenmärchen vom Frieden auf Erden erfunden. Das ist nur ein Märchen für Kinder."

Nach dem 11. September 2001 auf al-Dschasira. Zitiert nach: Coll: "Die Bin Ladens. Eine arabische Familie"