Bin Ladens letztes Versteck In der Stadt der Schande

Was geschah wirklich in jener Nacht, als Navy Seals in Abbottabad den Terrorfürsten Osama Bin Laden erschossen? Auch ein Jahr danach bezweifeln die Einwohner der nordpakistanischen Garnisonsstadt die offizielle Version des Einsatzes. Besuch in einem Ort, der sich abgeschottet hat.

Aus Abbottabad berichtet

REUTERS

Man könnte meinen, es wäre die Geschichte ihres Lebens, die sich im vergangenen Mai ereignete. Eine Geschichte wie ein Agententhriller: Ein US-Spezialkommando der Navy Seals kommt heimlich mitten in der Nacht mit Hubschraubern, tötet Osama Bin Laden, den meistgesuchten Menschen der Welt, und verschwindet wieder. Zurück bleiben Familienangehörige des Terroristen, außerdem das Wrack eines Helikopters, der bei der Aktion abgestürzt ist.

Mitten in ihrer Stadt! In diesem verschlafenen Nest, das sonst nur Aufmerksamkeit erregt, wenn wieder ein neuer Jahrgang Kadetten die Militärakademie verlässt und Menschen aus dem ganzen Land anreisen, um ihre uniformierten Söhne und Töchter zu feiern.

Madni Ihjaz Jadoon, Lokalredakteur in Abbottabad, hat nichts über Bin Ladens Tod geschrieben. Keine einzige Zeile. Jadoon lehnt sich zurück in seinem gelb gestrichenen Büro, hinter ihm ein Werbeplakat seiner Zeitung Nada-i-Khalq, "Stimme des Volkes". Das Volk in Abbottabad, scheint es, will nichts mehr wissen über Bin Laden und das Haus. "Wir hoffen, dass wir dieses Kapitel bald abschließen können", sagt Jadoon.

Es ist ein unangenehmes, ein peinliches Kapitel für die Stadt, die seit dem 2. Mai 2011 in der ganzen Welt bekannt ist als das letzte Versteck von Osama Bin Laden. Die Regierung, die Armee, die in Abbottabad mehrere Kasernen unterhält und eben jene Akademie, der Geheimdienst, sie alle standen entblößt da: als Kollaborateure des Terroristenchefs oder, alternativ, als Versager, die keinen blassen Schimmer hatten, dass Bin Laden direkt vor ihrer Nase lebte.

Wenig Fakten und viele Heldengeschichten

"Aber was wissen wir wirklich?", fragt Jadoon, ein freundlicher Mann, der viel lacht und Gäste nicht gehen lässt, bevor sie wenigstens eine Tasse Tee getrunken haben. "Wir durften nicht in das Haus, wir dürfen nicht mal in die Nähe des Grundstücks. Worauf wir uns verlassen, worauf alle Berichte basieren, sind Verlautbarungen aus Washington und Islamabad. Wir glauben, Dinge zu wissen. Aber wir wissen nichts wirklich."

Jadoon spricht aus, was die meisten Journalisten hier denken. Kaum eine Stadt in Pakistan hat mehr Lokalzeitungen als Abbottabad, es gibt 13 täglich erscheinende Titel und zwei Wochenzeitungen. Sie alle räumen dem Thema Osama Bin Laden nur wenig Platz ein.

Belegbare Fakten gibt es tatsächlich kaum. Die Leiche wurde nie gezeigt, ein Foto vom toten Bin Laden bald als Fälschung enttarnt. Mehrere Bücher und Artikel darüber, was genau in jener Nacht in Abbottabad geschah, tun nur so, als seien es originalgetreue Rekonstruktionen der Bin-Laden-Tötung. Demnächst kommen in den USA zwei Spielfilme heraus, auch sie am Ende nur Spekulationen.

Im Gegensatz zu den Heldengeschichten aus Hollywood steht die Meinung in Abbottabad. Dort glaubte die Mehrheit unmittelbar nach Bin Ladens Tod, es sei in Wahrheit gar nicht der Qaida-Chef gewesen. Niemand habe ihn je im Ort gesehen. Außerdem sei er, krank und schwach, doch schon vor Jahren gestorben.

Ein "Bühnenstück", ein "Drama"

Aber dann tauchte das Bild von Bin Laden im Fernsehen auf. Und die Menschen in Abbottabad fragten: "Ist das wirklich Bin Laden?" Von den drei zurückgelassenen Witwen plauderte eine und erzählte den pakistanischen Ermittlern vom Weg ihres Mannes von den Höhlen im afghanischen Tora Bora bis nach Abbottabad "Hat irgendjemand die Witwen gesehen oder gar gesprochen", fragten die Menschen in Abbottabad. Selbst al-Qaida schwor Rache und räumte damit ein, dass der "Sheikh", wie sie Bin Laden nannten, in Abbottabad getötet worden sei. Und die Menschen in Abbottabad fragten: "Sagen die das nicht nur, um einen Grund für neuen Terror zu haben?"

Auf Bin Laden angesprochen, schweigen die Menschen oder greifen auf Verschwörungstheorien zurück. Der gesamte Einsatz, sagt ein Journalist, der namentlich nicht genannt werden will, sei "ein Bühnenstück" gewesen, "ein Drama", inszeniert von den Amerikanern, um einen Anlass zu haben, sich aus Afghanistan zurückzuziehen und behaupten zu können, man habe al-Qaida besiegt und der Krieg sei ein Erfolg gewesen. Die ganze Geschichte sei "genauso erfunden wie die Mondlandung", meint ein anderer.

Imtiaz Shah seufzt. "Was passiert ist, ist passiert", sagt der Chef der Stadtverwaltung. "Es war auch für mich ein Schock. Aber wozu der Hype? Warum wird der Ruf der Stadt Abbottabad beschädigt?" Es handele sich um einen "Medienkrieg", sagt er. Das Thema werde "gemolken". Aber, räumt er ein, die Regierung in Islamabad habe den Fehler begangen, die Aktion der Amerikaner nicht zu loben, sondern sich über die Verletzung der staatlichen Souveränität zu beschweren.

Je länger man mit den Menschen in Abbottabad spricht, desto mehr drängt sich der Eindruck auf: Es ist eine schwärende Wunde in dieser hübschen Stadt mit ihren gepflegten Parks und manikürten Rasenflächen zwischen all den Kasernen. Mit den vielen Checkpoints ist der Ort eine Festung.

Rückzugsort pensionierter Offiziere

Wegen des milderen Klimas war Abbottabad, in 1200 Metern Höhe gelegen, zu Zeiten der Kolonialherrschaft Rückzugsort der britischen Offiziere und ihrer Familien. Benannt ist die Stadt nach Major James Abbott, der sich Mitte des 19. Jahrhunderts in diesem Tal niederließ.

Heute leben hier etwa eine halbe Million Menschen, davon viele pensionierte pakistanische Offiziere, die im Laufe ihrer Karriere mal in Abbottabad stationiert waren und sich in den Ort verliebt hatten. Die Bäume entlang den Straßen sind unten an den Stämmen weiß gestrichen, als trügen sie wie Soldaten Gamaschen. Es gibt Universitäten, die Studenten aus ganz Pakistan anziehen. Die Stadt lebt - oder besser: lebte - auch vom Tourismus.

Seit der Sache mit Bin Laden bleiben die Reisenden aus. "Wir hoffen, dass es diesen Sommer wieder Besucher aus den wärmeren Teilen des Landes gibt", sagt Saima Khan von der staatlichen Tourismusförderung der Provinz Khyber-Pakhtunkhwa. Mit Ausländern rechnet sie jedoch kaum - die benötigen für einen Besuch der Stadt eine Genehmigung des Innenministeriums. "Aus Sicherheitsgründen", wie es heißt. Die Bearbeitung des Antrags dauert Tage, manchmal Wochen.

Ausländische Journalisten warten vergeblich auf eine Erlaubnis, sie sind derzeit nicht erwünscht. Regelmäßig werden Reporter in Abbottabad aufgegriffen und nach stundenlangem Verhör aus der Stadt geworfen.

Aufatmen in Bin Ladens Nachbarschaft

Es ist deshalb schwierig, den Informationen von Qaida-Kommandeuren nachzugehen, Bin Laden habe in Abbottabad ein zweites Haus unterhalten. Dort solle sich zum Zeitpunkt des Navy-Seals-Einsatzes sein Sohn Hamza aufgehalten haben. Hamza, Anfang 20 und in führender Position bei al-Qaida, soll mit seinem Vater in Abbottabad gelebt haben. Nach dem Schlag gegen Bin Laden hieß es zunächst, er sei ebenfalls getötet worden. Dann stellte sich heraus, dass es sich bei dem Toten um einen anderen Sohn handelte. Die Flucht, behaupten Qaida-Leute, sei ihm gelungen, weil er sich eben in jener anderen Unterkunft aufgehalten habe.

Das weltberühmte Haus Bin Ladens jedenfalls existiert nicht mehr. Ende Februar dieses Jahres ließen Sicherheitskräfte es abreißen, es sollte "ein Schritt zurück in die Normalität" sein. Für das Militär und den Geheimdienst war das Gebäude Symbol ihrer Schmach, für die Nachbarn ein Ärgernis. "Wir sind froh, dass es weg ist", sagt einer. "Jetzt hoffen wir, dass bald auch die Polizisten, Soldaten und Geheimdienstleute verschwinden und wir uns wieder frei bewegen können, ohne uns ständig ausweisen zu müssen."

Das Thema Bin Laden soll es nicht mehr geben. Krampfhaft versuchten die pakistanischen Behörden, die Witwen Bin Ladens möglichst lange in Arrest zu belassen und sie nicht in ihre Heimatländer Saudi-Arabien und Jemen abzuschieben. Pakistan hat kein Interesse daran, dass die Frauen aller Welt erzählen, wer ihnen in Abbottabad geholfen hat. Nur auf juristischen Druck hin kamen sie jetzt frei. Noch schweigen sie.

Klar ist, dass Bin Laden Helfer hatte. Sicherheitsleute in Pakistan sagen, es seien pensionierte Armee- und Geheimdienstleute gewesen. Das ist die etwas weniger peinliche Version für den pakistanischen Sicherheitsapparat. Die Regierung, betonen führende Politiker wie der Premierminister oder die Außenministerin, habe jedenfalls nichts gewusst von Bin Ladens Aufenthalt in Pakistan. Pakistan habe im Gegensatz zu den USA nicht die technischen Voraussetzungen gehabt, die vielen tausend Telefongespräche zu überwachen und auszuwerten und so Bin Laden auf die Spur zu kommen.

Und Shakil Afridi, jener Arzt, den die CIA engagiert hatte, um per Impfaktion herauszufinden, ob sich wirklich Bin Laden in dem Haus in Abbottabad aufhielt, ist seit Monaten Gefangener des Geheimdienstes. Washington verlangt seine Freilassung und seine Ausreise in die USA, wo sie ihn als Helden feiern wollen. Pakistan würde ihn am liebsten nie mehr laufen lassen.

Einmal mindestens noch droht Abbottabad die Aufmerksamkeit der Welt, wenn die von der Regierung eingesetzte Abbottabad-Kommission ihren Bericht veröffentlicht. Die vier Mitglieder, darunter ein ehemaliger Richter und ein früherer General, haben Politiker, Offiziere und Geheimdienstleute befragt. Der Report soll alle Fakten über Bin Ladens Aufenthalt in Abbottabad enthüllen.

Aber hat Pakistan wirklich ein Interesse daran? Der Bericht war schon für Ende vergangenen Jahres angekündigt. Wann er tatsächlich erscheint, ist unklar.

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