Osama Bin Ladens Tod: Wenig Fakten, viel Phantasie

Von Yassin Musharbash und , Berlin und Abbottabad

Was geschah wirklich in Abbottabad? Auch am Tag drei nach Bin Ladens Tod kennt die Welt nur die Darstellung des Weißen Hauses. Das lässt Raum für wilde Spekulationen, besonders die Seebestattung des Terrorpaten sorgt für Irritationen. In Pakistan beginnt bereits die Legendenbildung.

Demonstranten in Abbottabad beten für Bin Laden: "Osama ist unser islamischer Held" Zur Großansicht
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Demonstranten in Abbottabad beten für Bin Laden: "Osama ist unser islamischer Held"

Die Bürger von Abbottabad haben dieser Tage viele Fragen. Wurde hier in ihrer Mitte wirklich Osama Bin Laden gestellt und getötet? War es wirklich der mit großem Aufwand gejagte Staatsfeind Nummer eins, der hier in ihrer Stadt lebte? Und dann nicht nur für ein paar Tage, sondern gleich für " fünf bis sechs Jahre", wie es nun aus dem Weißen Haus heißt?

"Unmöglich", sagt Zubair Gul, der wenige hundert Meter von dem Haus entfernt wohnt, in dem Osama Bin Laden von einem US-Sonderkommando getötet wurde. Er kann nicht glauben, dass der Terrorpate hier den Tod fand. "Abbottabad liegt in einem Tal, hier hört man jeden Hubschrauber sofort. Wer soll glauben, dass Bin Laden in seinem Haus saß und nichts von den ankommenden Helikoptern mitbekam?"

Gul ist deutscher Staatsbürger, in Damme bei Osnabrück betrieb er zwei Restaurants. Er stammt aus Peschawar und ist 1998 mit seiner deutschen Frau nach Abbottabad gezogen. "Wegen des guten Klimas und weil es hier immer friedlich zuging." Die Schüsse in der Nacht zu Montag und die Explosion haben dieses Bild zerstört.

Nazar Abbasi, Apotheker in Abbottabad, sagt, er habe sich gefreut über die Nachricht, Bin Laden sei tot. Aber dann wunderte er sich, dass keine Bilder von der Leiche als Beweis gezeigt wurden und stattdessen gefälschte Fotos kursierten. "Als es dann hieß, die Amerikaner hätten den Leichnam ins Meer geworfen, wusste ich: Das ist alles nur eine ganz große Show."

So wie Gul und Abbasi denken viele in Abbottabad. Obama sei eben im Wahlkampf, außerdem solle der Ruf Pakistans beschädigt werden, sagen die Menschen hier. Dass die pakistanische Regierung nichts gewusst oder Bin Laden sogar geholfen habe, halten die Menschen in der Garnisonsstadt für ausgeschlossen. "So blöd können unsere Armee und unser Geheimdienst doch nicht sein", sagt Maqbool Shah, ein Händler. "Nein, das war ganz sicher nicht Bin Laden."

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Zugriff in Abbottabad: Tödliche Jagd auf den Terrorfürsten
Zweifel am Hergang der Kommandoaktion

Oder war es doch Bin Laden - aber der Ablauf des letzten Gefechts des Qaida-Gründers war in Wahrheit ganz anders? Der TV-Sender al-Arabiya berichtete am Mittwoch, dass eine zwölfjährige angebliche Tochter Bin Ladens ausgesagt habe, ihr Vater sei zunächst festgenommen und dann erschossen worden. Das Mädchen sei bei der Stürmung des Gebäudes anwesend gewesen. Die Quelle des Senders: ein nicht genannter pakistanischer Geheimdienstoffizier.

Angesichts des noch ausstehenden ultimativen Beweises für den Tod des Qaida-Chefs und der Tatsache, dass Washington sich schon einmal selbst korrigieren musste, was die Frage der Bewaffnung Bin Ladens anging, sprießen die Spekulationen nun munter ins Kraut. Es ist eine gute Zeit für Verschwörungstheoretiker.

So sieht sich Pakistan dem Verdacht ausgesetzt, dass Teile des Nachrichtendienstes den Aufenthaltsort Bin Ladens vielleicht die ganze Zeit über kannten. Pakistan streitet das vehement ab - aber auch hierfür wird jedes noch so kleine, angebliche Indiz aufgesogen und verbreitet. Der "Christian Science Monitor" etwa berichtet, ein Reporter habe etwas Merkwürdiges festgestellt: Während Volkszählungsbeauftragte überall in der Nachbarschaft eine Notiz an den Häusern hinterlassen hatten, dass sie innerhalb der vergangenen zwei Monate dort gewesen seien, fehle ein solcher Hinweis an dem Bin-Laden-Versteck.

Seebestattung, weil die Leiche "geschändet" war?

Die Darstellungen der US-Regierung über die Abläufe werden auch außerhalb Pakistans in Zweifel gezogen. Man dürfe nichts glauben; das Weiße Haus sei schließlich Kriegspartei. Erst wenn al-Qaida den Tod bestätigt habe, dürfe er als wahr gelten - so der Tenor auf Qaida-nahen Web-Seiten, aber auch unter moderaten Islamisten. Die Qaida-Sympathisanten halten sich mit Verschwörungstheorien einstweilen zurück: Sollte das Terrornetzwerk den Tod des Anführers bestätigen, wären diese hinfällig.

Einige wütende Bin-Laden-Verehrer arbeiten sich deswegen an einem Detail ab, es geht um die Bestattung Bin Ladens. Der Leichnam hätte nicht, wie es die USA nach eigenen Angaben getan haben, gewaschen werden dürfen - dies gehöre sich nicht bei einem "Märtyrer". Die anschließende Seebestattung kritisieren indes auch andere islamistische und fromme Kreise. Laut der ägyptischen Zeitung "al-Masri al-Youm" verurteilte sogar der Groß-Imam Ahmad Tayyeb der renommierten Azhar-Hochschule in Kairo diese Praxis als unislamisch. Ein größeres Echo findet diese Kritik bisher aber nicht.

Zentralasiatische Dschihadisten veröffentlichten im Internet unterdessen die Theorie, die US-Soldaten hätten Bin Ladens Leiche womöglich "geschändet" und deswegen im Meer entsorgt - oder der Qaida-Chef sei eben doch nicht erschossen worden. Eine über Twitter verbreitete angebliche Nachricht ist derweil so abstrus, dass sich nicht erkennen lässt, ob sie ernst gemeint ist: " Al-Qaida schickt Taucher, um den Leichnam zu bergen."

In den wichtigen arabischen Nachrichtensendern und Zeitungen spielen Verschwörungstheorien keine Rolle. Die panarabische Zeitung "al-Schark al-Ausat" titelte am Dienstag lakonisch "Der Mörder wurde getötet". In vielen Kommentaren quer durch die arabischen Staaten verwiesen die Autoren auf die große Zahl von Qaida-Opfern in der islamischen Welt. So gut wie einhellig begrüßten sie den Tod Bin Ladens.

Etliche Kommentatoren kamen auch zu dem Schluss, der Tod Bin Ladens keine große Sache: Sein Netzwerk sei schon zuvor auf dem absteigenden Ast gewesen. Die Ideologie al-Qaidas würde zudem angesichts der aktuellen Revolten in der arabischen Welt zusehends unwichtiger.

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Forum - Der Tod Bin Ladens - ein nachhaltiger Schlag gegen den Terror?
insgesamt 7414 Beiträge
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1. Bin Laden
HansOch 02.05.2011
na, da müsste die Welt ja friedlicher werden H.
2. Profile
woener 02.05.2011
Zitat von sysopEr war der meistgesuchte Mann der Welt: Osama Bin Laden, der Anführer des Terrornetzwerks al-Qaida, ist tot. US-Spezialkräfte haben ihn bei einer Kommandoaktion in Pakistan getötet. Wir die weltweite Terrorgefahr nun geringer?
Es ist ein Name, was hinter diesem Namen alles verborgen ist, das wird verborgen bleiben. Der einzig authentische Zeuge ist tot. Selbst die SPD hat über Herrn Wiefelspütz schon vermelden lassen, dass die Gefahr noch nicht beseitigt ist und die "Terrorschutz - Notstandsgesetze" erhalten bleiben. Ob man in der CDU dann gleich zur umfassenden Einführung aller Notstandsgesetze greift? Die Bespitzelungsgesetze werden nun aber zur Bewährungsprobe für die FDP werden können, eine neue Chance zur Profilierung?
3.
Greg84 02.05.2011
Schlag gegen den Terror? Eher nicht. Ich glaube kaum, dass bin Laden noch an der Spitze der al-Qaida stand, vielleicht hatte er sich auch komplett aus dem "Geschäft" zurück gezogen. Das einzige was der Schlag gegen bin Laden gebracht hat ist die Schaffung eines weiteren Märtyrers. Für Obama hätte der Zeitpunkt allerdings kaum besser sein können. Politisch läuft es für verdienten Träger des Friedensnobellpreises nicht grade perfekt, da hilft so ne positive Nachricht schon unheimlich weiter.
4. Mission beendet
endbenutzer 02.05.2011
Hat George W. Bush eigentlich schon der Familie Bin Laden sein Beileid ausgesprochen? Unter alten (Geschäfts-) Freunden ist das doch so üblich. Oder lebt Bin Laden doch noch und man wollte eigentlich nur die nunmehr fast genau 10-jährige Mission „Krieg gegen Terror“ zum bürgerfreundlichen Abschluss bringen? Merkwürdig: Gerade jetzt, da Obama und die gesamten USA in punkto Staatsverschuldung praktisch mit dem Rücken zur Wand stehen, wird für den amerikanischen Otto Normalverbraucher wieder einmal ein toller Grund geliefert, die Fahne zu schwingen und mit der Hand auf dem Herzen die Nationalhymne zu singen. Super Drehbuch...
5. weder noch
G_Schwurbel 02.05.2011
Zitat von sysopWir die weltweite Terrorgefahr nun geringer?
Die Welt wird durch seinen Tod weder sicherer noch unsicherer. Al Quaida ist ein Netzwerk, es würde mich wundern, gäbe es für Bin Laden keinen Nachfolger (seinen Tod hat er schließlich einkalkuliert). Vielleicht hat er auch vorher als Rache für seine Tötung den Auftrag erteilt, direkt danach Attentate zu verüben? Alles denkbar...
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Osama Bin Laden über...
 
Den 11. September
"Wir berechneten im Voraus, wie viele Verluste der Feind erleiden würde. Wir nahmen als Grundlage die Position des Turms und errechneten, wie viele getötet werden würden. Wir schätzten, dass ungefähr drei bis vier Stockwerke getroffen werden würden. Ich war besonders optimistisch ..., weil ich auf diesem Gebiet bereits Erfahrung habe. Ich vermutete, das brennende Benzin würde die Eisenträger des Gebäudes schmelzen. Aber ich dachte nur, dass die Einschlagstelle und die Stockwerke darüber einstürzen würden. Mehr wagten wir nicht zu hoffen."

November 2001, zitiert nach: Abou-Taam/Bigalke: "Die Reden des Osama Bin Laden"
Den Irak-Krieg
"Ich jubele darüber, dass Amerika in den Schlammlöchern des Tigris und Euphrat steckengeblieben ist... Bush glaubt, der Irak und sein Öl seien leichte Beute, und nun steckt er durch die Gnade Gottes fest und kann weder vor noch zurück. Amerika schreit aus voller Kehle, während es vor den Augen der Welt auseinanderbricht."

Oktober 2003, zitiert nach: Coll: "Die Bin Ladens. Eine arabische Familie"
Amerika
Im September 2007 wandte sich Osama Bin Laden "an die Amerikaner": "So wie ihr euch zuvor aus der Sklaverei der Mönche, Könige und Feudalherren befreit habt, so solltet ihr euch jetzt von den Irreführungen ... des kapitalistischen Systems befreien."

Politische, geschichtliche und moralische Erörterungen vermischend, zeichnet Bin Laden das Bild einer Nation, die auf der Verliererstraße ist. Obwohl militärisch übermächtig, könnten die Amerikaner im Irak nicht gewinnen - weil sie zwar moralisch argumentierten, in Wahrheit aber nur den Interessen internationaler Konzerne folgten.

Das Ansehen der USA sei deswegen ruiniert. Um "den Krieg zwischen uns" zu stoppen, gebe es zwei Möglichkeiten: Entweder die Mudschahidin stellten die Kampfhandlungen ein, was aber nicht gehe, weil sie eine Pflicht erfüllten. Oder die USA sähen endlich ein, dass sie die Verlierer im Irak seien. Es sehe aber so aus, als würden sie die eigenen Fehler aus dem Vietnam-Krieg und die der Sowjets aus dem Afghanistan-Feldzug wiederholen und sich vor der besseren Einsicht drücken.

Es gebe allerdings einen Ausweg, sagte Bin Laden weiter: Die Amerikaner sollten "nach einem alternativen, aufrechten Weg suchen", in dem es nicht darum gehe, andere zum eigenen Nutzen zu unterdrücken. Natürlich hat dieser Weg auch einen Namen: Die Amerikaner sollen zum Islam konvertieren.
Die Europäer
"Unsere Aktionen sind nur eine Antwort auf eure Aktionen - eure Zerstörung und und euren Mord an unseren Leuten, ob in Afghanistan, im Irak oder Palästina... Nach welchem Glauben sind eure Toten wertvoll und unsere wertlos? Nach welcher Logik zählt euer Blut als echt und unseres als Wasser? Vergeltung ist Teil von Gerechtigkeit, und der, der feindliche Akte zuerst begeht, ist der, der unrecht handelt. Ich rufe alle Männer, insbesondere Gelehrte, die Medien und Geschäfstleute dazu auf, eine permanente Kommission einzuberufen, um in Europa das Bewusstsein für unsere gerechten Gründe zu stärken... Ich mache einen Friedensvorschlag, der im Kern die Verpflichtung darstellt, alle Operationen gegen jeden Staat einzustellen, der sich verpflichtet, keine Muslime oder islamischen Staaten anzugreifen. "

April 2004, zitiert nach: Lawrence: "Messages to the World. The Statements of Osama Bin Laden"
Den "Kampf der Kulturen"
"Ohne jeden Zweifel (glaube ich an den Kampf der Kulturen). Das heilige Buch erwähnt ihn klar. Die Juden und Amerikaner haben das Lügenmärchen vom Frieden auf Erden erfunden. Das ist nur ein Märchen für Kinder."

Nach dem 11. September 2001 auf al-Dschasira. Zitiert nach: Coll: "Die Bin Ladens. Eine arabische Familie"