Unternehmer Osman Kavala Erdogans Feldzug gegen den türkischen George Soros

Für seine Fans ist er ein Philanthrop, der viel Geld in die türkische Zivilgesellschaft steckt. Das Regime von Präsident Erdogan sperrte ihn als Putschisten weg - schon vor einem Jahr. Doch die Anhänger von Osman Kavala geben nicht auf.

Osman Kavala (2014)
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Osman Kavala (2014)

Von , Istanbul


Für einen Moment scheint im Cezayir, einem Lokal und Ausstellungsraum in Istanbul, alles so wie früher - wie in den kurzen, glücklichen Jahren, nachdem die Militärherrschaft in der Türkei endete und bevor neue Repressionen einsetzten: Künstler diskutieren mit Akademikern, ein Regisseur erzählt von seinem Filmprojekt. Aus den Boxen schallt Jazz-Musik. Die Stimmung ist entspannt, fast fröhlich.

Die Kulturmanagerin Asena Günal unterbricht das Treiben, erinnert ihre Gäste, warum sie an diesem Oktoberabend zusammengekommen sind: Sie wollen auf das Schicksal des Istanbuler Unternehmers und Mäzens Osman Kavala aufmerksam machen. Am nächsten Tag wird dieser 61 Jahre alt - seit einem Jahr sitzt er im Gefängnis.

Die Gruppe schießt Fotos, die sie Kavala zukommen lassen will, entrollt ein Plakat: "Alles Gute zum Geburtstag, Osman Kavala. Auf viele gemeinsame Jahre in Freiheit."

Kavala hat viele der Intellektuellen, die sich im Cezayir versammelt haben, zusammengebracht. Sein Vater wurde mit einem Tabakhandel reich, gründete einen Mischkonzern, den der Sohn 1982 übernahm. Kavala zog sich irgendwann aus dem operativen Geschäft zurück und wurde hauptberuflich Philanthrop.

Er unterstützte türkische und kurdische Künstler, ein armenisch-türkisches Jugend-Symphonieorchester, eine armenisch-türkische Kinoplattform. Kaum eine Kulturinitiative in Istanbul, an der er nicht beteiligt ist. Ausländische Regierungschefs wie Kanzlerin Angela Merkel suchten das Gespräch mit ihm.

Kavala repräsentiert diese "andere" Türkei wie kaum jemand

Für Künstler, Musiker, Autoren in der Türkei ist Kavala ein Förderer und Freund. Für Präsident Recep Tayyip Erdogan ist er ein Terrorist. Kavala war gerade auf dem Rückweg aus Gaziantep, einer Stadt an der türkisch-syrischen Grenze, wo er gemeinsam mit dem Goethe-Institut an einem Projekt arbeitete, als er am 18. Oktober 2017 am Istanbuler Flughafen festgenommen wurde.

Zugang zum Silivri-Gefängnis
REUTERS

Zugang zum Silivri-Gefängnis

Seither befindet er sich in Untersuchungshaft in Silivri, jenem Hochsicherheitstrakt, in dem auch der Berliner Menschenrechtler Peter Steudtner und der Journalist Deniz Yücel festgehalten wurden.

Die Behörden werfen ihm vor, die regierungskritischen Proteste im Istanbuler Gezi-Park 2013 "organisiert" zu haben und an dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 beteiligt gewesen zu sein. Die Staatsanwaltschaft hat noch immer keine Anklageschrift vorgelegt. Erdogan bezeichnete Kavala als den "türkischen Soros", da er, wie der US-Milliardär George Soros, Bürgerrechtsorganisationen finanziert.

Erdogan beherrscht in der Türkei die Schlagzeilen. Die Zivilgesellschaft ist jedoch nach wie vor äußerst lebendig. Überall im Land setzen sich Menschen für Demokratie und Meinungsfreiheit ein. Kaum jemand repräsentiert diese "andere" Türkei so sehr wie Kavala. Der Milliardär ist kein Lautsprecher. Aber er hat rastlos dafür gekämpft, dass Menschen durch Kultur zusammenfinden. Seine Verhaftung solle die Zivilgesellschaft weiter einschüchtern, glaubt Kulturmanagerin Asena Günal: "Wenn Osman nicht sicher ist, dann ist es niemand mehr in diesem Land."

"Es ist an der Zeit, dass wir ihm etwas zurückgeben"

Günal sitzt am Morgen nach der Geburtstagsfeier für Kavala im Büro der Nichtregierungsorganisation "Anadolu Kültür", die Kavala 2002 gegründet hat, und mit der er unzählige Kulturprojekte angeschoben hat. Sie leitet "Depo", ein Istanbuler Kunst- und Kulturzentrum, das durch progressive, politische Ausstellungen, Panels und Filmvorführungen immer wieder für Aufsehen gesorgt hat. Seit Kavalas Verhaftung führt sie zudem die Geschäfte bei "Anadolu Kültür". "Osman hat so viel für uns getan. Nun ist es an der Zeit, dass wir etwas zurückgeben", sagt sie.

Kavala sitzt in Einzelhaft. Immerhin: Seit dem Ende des Ausnahmezustands im Juli dürfen ihn seine Anwälte, Ehefrau und einzelne Bekannte häufiger sehen. Die Anwälte drängen die Justiz, endlich die Anklageschrift vorzulegen. Spätestens dann, so glauben sie, müsse Kavala freikommen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg hat dem Fall inzwischen Priorität eingeräumt.

Kavala selbst, sagt Günal, sei ungebrochen. Als sie ihn vor einigen Wochen im Gefängnis besuchte, wollte sie mit ihm über die Haftbedingungen sprechen, über sein Befinden. Kavala habe jedoch nur die Arbeit im Sinn gehabt, erzählt sie. "Er hat mich gefragt: 'Welche Projekte gehen wir an?'"



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saftfrucht 09.10.2018
1. Misslungener Vergleich
Man tut dem Mann keinen Gefallen, wenn man ihn mit George Soros gleichsetzt. George Soros finanziert nicht die Zivilgesellschaft, sondern er finanziert ultralinke Gruppen, die sich durch bezahle Demonstranten medial so darstellen, als seien sie die Mehrheit. Das sind Gruppen der Marke Antifa und andere radikale, wie die Geistesgestörten die am Wochenende versucht haben, die Türen des Supreme Court mit ihren Händen aufzuklauen. Das ist das genaue Gegenteil der Zivilgesellschaft. Das sind Anarchisten und Chaoten. Wer Kavala mit Soros gleichsetzt, der setzt implizit auch Trump gleich mit Erdogan und dessen Unterminieren der rechtsstaatlichen Ordnung. Das ist grundlegend falsch und verharmlost Erdogan. Trump ist kein Gegner der freiheitlichen Grundordnung. Wer das behauptet macht sich Lächerlich bis auf die Knochen.
frankfurtbeat 09.10.2018
2. ein ...
ein Vergleich mit Soros finde ich nicht korrekt. Soros ist in den Augen vieler Menschen der "Teufel des Kapitalismus" welcher seine persönlichen Ziele mit Geld erkaufen möchte und dabei ohne Rücksicht vorgeht. Für Erdogan ist es schon aus intellektueller Sicht ein Rivale ... er fördert Projekte von "Feinden" Erdogans und ist ihm meines Erachtens geistig und menschlich absolut überlegen.
peterpeterweise 09.10.2018
3. Hat Kavala die türkische Lira abgeschossen?
Der Vergleich mit Soros stimmt nicht ganz. Im Gegensatz zum Spekulanten Soros, der für seinen maximalen Gewinn gegen ganze Volkswirtschaften wettet, um anschließend von deren Absturz zu profitieren, hat Kavala nach seiner wirtschaftlich aktiven Zeit eher Projekte verfolgt, an denen er nicht finanziell profitiert. Wenn Soros Geld an Think Tanks gibt die Studien erstellen, wie man Griechenland mit europäischen Steuergeld retten kann, dann kann man davon ausgehen, dass er vorher billig griechische Anleihen gekauft hat, die er nach der Rettung mit hohem Profit verkaufen kann. Kavala scheint da seine Philanthropie mehr an politischen Zielen als am Geldverdienen ausgerichtet zu haben.
treibgut 09.10.2018
4. Absurd und nicht nachvollziehbar,
wie man auch nur auf die Idee kommen kann, Herrn Kavala mit einem Soros zu vergleichen. Während Herr Kavala an Aufbau interessiert ist, bemüht sich Soros mit alle Macht, Kraft und Geld um Zerstörung.
chrimirk 09.10.2018
5. "Sage mir mit wem Du umgehst....
... und ich sage Dir, wer Du bist"! Mit den "Herrschaften" Orban + Erdogan + Kaczynski und noch einige mehr, sollten wir den Umgang auf unvermeidbares Minimum herunterfaheren. Und in Urlaub nach dort hinfahren/fliegen? Erst, wenn die o.g. "Herrschaften" abgesägt sind!
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