Syrien Dutzende Tote bei Luftschlägen in Ost-Ghuta - Giftgasangriff vermutet

Die syrische Stadt Duma soll mit Chemikalien bombardiert worden sein. Rettungskräfte sprechen von Dutzenden Toten und mehr als 500 Verletzten. Das US-Außenministerium gibt Russland eine Mitschuld.

Luftangriffe auf Duma
DPA

Luftangriffe auf Duma


Bei Angriffen auf die syrische Stadt Duma, die letzte verbliebene Rebellenhochburg in Ost-Ghuta, sind Dutzende Menschen getötet worden - laut Rettungskräften durch Giftgas.

Ein Hubschrauber habe am Samstagabend eine Fassbombe mit Chemikalien über der Stadt abgeworfen, berichtete die syrische Hilfsorganisation Weißhelme. Ganze Familien seien in ihren Unterkünften erstickt. Die Zahl der Opfer steige beständig, man gehe von mindestens 150 Toten und mehr als 1000 Verletzten aus.

Auch die Hilfsorganisation UOSSM geht von einem Chemiewaffenangriff aus. Sie sprach zunächst von 25 Toten und mehr als 500 Verletzten. "Das ist eine der schlimmsten chemischen Attacken in der syrischen Geschichte", sagte der UOSSM-Vorsitzende Ghanem Tayara am Samstag.

Das US-Außenministerium teilte mit, es verfolge die "sehr verstörenden" Berichte. Sollte sich der Verdacht eines Giftgasangriffs erhärten, müsse sich auch Russland dafür verantworten. "Es steht außer Zweifel, dass das syrische Regime schon häufiger Giftgas gegen die Bevölkerung eingesetzt hat. Letztlich trägt Russland mit seiner unerschütterlichen Unterstützung für das Regime auch die Verantwortung für die brutalen Angriffe mit chemischen Waffen auf zahllose Syrer", heißt es in dem Statement.

Angriffe von syrischer oder russischer Luftwaffe

Die Luftangriffe wurden laut Beobachtungsstelle von der syrischen oder der russischen Luftwaffe geflogen. Es handelte sich um die ersten Luftangriffe auf Duma seit zehn Tagen. Auch auf dem Boden rücken syrische Truppen vor. Die Regierung versuche "die Schlaufe um Duma von Westen, Osten und Süden her enger zu ziehen", sagte der Leiter der Beobachtungsstelle, Rami Abdel Rahman.

Ein Vertreter der syrischen Regierung wies die Vorwürfe eines Giftgasangriffs als "Farce" zurück. Die Regierungsarmee habe es bei ihrem Vorstoß in der Rebellenenklave Ost-Ghuta "nicht nötig, irgendeine chemische Substanz einzusetzen", sagte er laut der staatlichen Nachrichtenagentur Sana.

Die von Russland unterstützten Truppen von Präsident Baschar al-Assad haben seit Beginn der Offensive auf Ost-Ghuta am 18. Februar 95 Prozent der Enklave erobert. Andere Rebellengruppen akzeptierten nach Verhandlungen unter der Führung Moskaus ihren Abzug aus Ost-Ghuta.

Seit Wochenbeginn verließen auch tausende Kämpfer und ihre Angehörigen in Buskonvois die Stadt Duma in Richtung Nordsyrien. Ein Teil von Dschaisch al-Islam scheint sich jedoch weigern abzuziehen.

Die Verhandlungen zwischen den Rebellen, Moskau und Damaskus gerieten zuletzt ins Stocken. Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Sana weigerte sich Dschaisch al-Islam, Gefangene freizulassen. Andere Beobachter vermuten interne Streitigkeiten unter den Rebellen. Die schieben den Verhandlungsstopp ihrerseits auf Machtkämpfe innerhalb des Regierungsbündnisses.

Insgesamt wurden nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle seit Beginn wochenlangen Armeeoffensive östlich von Damaskus mehr als 1600 Zivilisten getötet.

Syrien war nach einem früheren Giftgasangriff2013 unter starkem internationalem Druck der OPCW beigetreten und hatte der Vernichtung seiner Chemiewaffenbestände zugestimmt. Bis jetzt ist aber unklar, ob Syrien tatsächlich alle Bestände der OPCW übergeben hat. Und Chlorgas fällt nicht unter die verbotenen Chemiewaffen, da es für zivile Zwecke genutzt werden darf. Allerdings ist der Einsatz als Waffe verboten.

koe/vet/dpa/AFP



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