Ostukraine Die Nacht der Provokateure

Am Anfang war es eine friedliche Demonstration - dann eskalierte die Lage plötzlich, es gab Tote und Verletzte: Was genau ist am Mittwochabend vor der Militärstation Mariupol geschehen? Eine Spurensuche in der Ostukraine.

Aus Mariupol berichtet


Alexander Kalinitschenka macht keinen Hehl aus seinen Gedanken. Jedes Mal, wenn der Vize-Kommandant der Militärbasis von Mariupol die Menschenmenge erwähnt, die sich am Vorabend vor seiner Basis versammelte, schnaubt er spöttisch: "Die angeblich friedliche Demonstration."

Tatsächlich eskalierten die Proteste vor der Militärbasis am Mittwochabend schon nach wenigen Stunden. Laut ukrainischem Innenministerium gab es in der Reihe der Demonstranten drei Tote und Dutzende Verletzte. Nur scheint diese Eskalation mit der ursprünglichen Kundgebung wenig zu tun gehabt zu haben.

Die Regierung in Kiew steht wegen der Lage in der Ostukraine massiv unter Druck. Einerseits muss sie versuchen, dort die öffentliche Ordnung wiederherzustellen. Selbsternannte Volksmilizen machen in manchen Orten, was sie wollen. Andererseits darf die Regierung nicht zu hart vorgehen, damit nicht weite Teile der Bevölkerung in der Ostukraine sich mit den Aufständischen solidarisieren. Ein Vorfall wie der von Mariupol mit getöteten Kiew-Gegnern ist brandgefährlich. Er kann die angespannte Situation schnell noch viel weiter eskalieren lassen - und erschwert so die ohnehin schon problematischen diplomatischen Verhandlungen an diesem Donnerstag in Genf. Es scheint nun aber so, dass hinter den Toten von Mariupol absichtliche Provokationen militanter Gegner der Übergangsregierung stecken.

Unbekannte Maskierte griffen die Militärbasis an

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Ostukraine: Die Nacht von Mariupol
Sowohl die Soldaten als auch Anwohner und Demonstranten beschreiben den Vorfall gleich: Ab 20 Uhr gab es vor der Militärbasis eine Protestaktion als Solidaritätsbekundung mit den Kiew-Kritikern, die derzeit in vielen Orten in der Ostukraine Barrikaden errichten. Doch zwischen 22 und 23 Uhr kippte die Situation plötzlich.

"Maskierte Männer mit Waffen kamen angestürmt", berichtet Irina, 50, eine Anwohnerin, die ihren Nachnamen nicht nennen will. "Sie haben versucht, die Militärbasis zu stürmen. Und sie haben angefangen zu schießen."

Zu diesem Zeitpunkt flohen viele Demonstranten. Auch Tatjana, 60, eine Anwohnerin, eilte schnell zurück in ihre Wohnung. "Die Soldaten haben aus der Basis gerufen, wir sollen sofort weggehen", berichtet sie. Doch die maskierten Männer gingen nicht. Sie hoben das Tor des Militärstützpunkts aus den Angeln. Dahinter hatten die Soldaten zwei Lastwagen geparkt, um den Eingang zu versperren. Die Maskierten fingen an, die Fahrzeuge wegzuschieben.

"Die Soldaten gaben Warnschüsse ab", sagt Militärchef Kalinitschenka. "Aber ich kann nicht ausschließen, dass dabei die Angreifer verletzt wurden." Nach Angaben des ukrainischen Innenministers Arsen Awakow töteten die ukrainischen Soldaten drei Angreifer und verletzten 13 von ihnen. Rund 50 Meter vor der Militärbasis sind noch am Tag danach drei Blutlachen zu sehen. "Von den Soldaten wurde niemand getötet oder verletzt", sagt Kalinitschenka.

Die Provokation verstärkt den Ärger über Kiew

Wer waren die maskierten Männer?

Die Polizei von Mariupol hat die Ermittlungen aufgenommen. Vor der Militärbasis stellte sie Patronenhülsen sicher. Außer Pistolen hatten die Angreifer offenbar auch Maschinengewehre dabei. "Ich kann nicht sagen, wer sie waren", sagt Kalinitschenka. Manche von ihnen hätten Uniformen getragen. "Sie waren extrem aggressiv und wollten offenbar unser Waffenlager plündern."

Es ist jedes Mal dasselbe Szenario, wie schon bei der Erstürmung der Polizeistationen und Verwaltungsgebäude in inzwischen neun ostukrainischen Städten. Wer genau dahinter steckte, blieb jedes Mal offen. Eine Drahtzieherschaft wird Moskau wohl nie hundertprozentig nachzuweisen sein. Doch eindeutig ist, dass es sich um absichtliche Provokationen in einer ohnehin angespannten Lage handelte.

Die ukrainischen Soldaten agieren im Osten des Landes mit extremer Vorsicht. Es grenzt an ein Wunder, dass noch nicht mehr passiert ist, nachdem die Übergangsregierung am Mittwoch gepanzerte Fahrzeuge schickte, um die von Kiew-Kritikern besetzten Gebäude räumen zu lassen - erfolglos. Die ukrainischen Soldaten sahen sich schnell von wütenden Zivilisten umringt.

Am Rande von Kramatorsk zogen am Mittwochabend 15 gepanzerte Fahrzeuge unverrichteter Dinge zurück in ihre Basis ab. Die Besatzung hatte die Munition vorher aus ihren Waffen genommen, offenbar um versehentliche Schüsse auszuschließen.

Doch obwohl unbekannte Maskierte hinter der Provokation von Mariupol stecken, haben einige Bürger der Stadt ihr Urteil über die Vorgänge schon gefällt. Sie sehen sich in ihrem Unmut gegen die neue Regierung in Kiew bestätigt: "Wir werden ja sehen, wie unsere Verletzten behandelt werden", sagt die 60-jährige Anwohnerin Tatjana. "Die Toten vom Maidan werden glorifiziert, aber wir hier sind Kiew egal."

insgesamt 155 Beiträge
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Seite 1
kamei 17.04.2014
1. unfassbar...
die Angreifer? haben Tote und die Angegriffenen kamen wie durch ein Wunder davon. Hört sich an wie: der Radfahrer griff den PKW an & lag danach tot auf der Strasse.
stranger66 17.04.2014
2. Wenn russische Soldaten
tatsächlich im Osten beteiligt wären -wäre der spuk dieser Chaostruppe aus Kiew längst beendet. Das alleine ist schon der Beweis das russische Truppen nicht beteiligt sind. Wo bleiben die Rufe der westlichen Politiker das auf Demomstranten nicht geschossen werden darf?
wohlmein 17.04.2014
3. Russisches Militär wäre wohl nicht mit Baseballschlägern bewaffnet,
Zitat von sysopREUTERSAm Anfang war es eine friedliche Demonstration - dann eskalierte die Lage plötzlich, es gab Tote und Verletzte: Was genau ist am Mittwochabend vor der Militärstation Mariupol geschehen? Eine Spurensuche in der Ost-Ukraine. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ost-ukraine-provokation-in-der-militaerbasis-mariupol-a-965061.html
also eher waghalsige Separatisten, die den Strauchdieben in Kiew genausowenig trauen wie allen , die sich illegal an die Macht putschen.
opel.corsa.opc.nre 17.04.2014
4. +1
Zitat von kameidie Angreifer? haben Tote und die Angegriffenen kamen wie durch ein Wunder davon. Hört sich an wie: der Radfahrer griff den PKW an & lag danach tot auf der Strasse.
Da kann ich nur zustimmen.
sl2014 17.04.2014
5.
Zitat von kameidie Angreifer? haben Tote und die Angegriffenen kamen wie durch ein Wunder davon. Hört sich an wie: der Radfahrer griff den PKW an & lag danach tot auf der Strasse.
Wieso? Beide Seiten hatten Schusswaffen. Die Verteidiger konnten sicher in Deckung gehen und hatten ein freies Schussfeld. Der Dilettantismus der Angreifer spricht sicher nicht für russische Militärangehörige.
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