Krieg in der Ostukraine Eine Nacht im letzten Nachtklub von Donezk

Während die Granaten in den Vororten von Donezk einschlagen, geht die Party im einzigen Nachtklub des von Separatisten kontrollierten Zentrums weiter. Unser Autor hat mitgefeiert.

S&S Club

Von Jens Malling, Donezk


Die Lichtpunkte der Discokugel flimmern über die Gäste, Frauen mit hohen Absätzen und Männer mit Militäruniformen, Goldketten und breiten Schultern gießen sich in einer Sofaecke den ersten Wodka ein. Es ist Freitagabend in Donezk, kurz vor elf Uhr im Klub S&S, in wenigen Minuten tritt die Ausgangssperre in Kraft. Der Nachtklub ist als einziger übrig geblieben in der vom Krieg zerrissenen Stadt. Die ukrainischen Streitkräfte befinden sich in den Vororten, die Separatisten kontrollieren das Zentrum.

Der Konflikt brach im Frühjahr 2014 aus und hat bereits rund zehntausend Menschen das Leben gekostet. Die Granaten fliegen Tag und Nacht. Zivilisten und Soldaten sterben weiterhin auf beiden Seiten der Frontlinie.

Unter der Discokugel scheint die gefährliche Lage vergessen. Auf einer kleinen Bühne läuft eine Karaoke-Show. Die Stimmung steigt, immer mehr Klubgäste singen die russischen Popklassiker mit. Der Barmann reicht eine beschlagende Flasche Artjomowsk über die Theke.

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Krieg in der Ostukraine: Karaoke im Kriegsgebiet

Trotz der schwierigen Zeiten wird im Club S&S weiter gefeiert. Eine junge elegante Frau stellt sich vor. "Eigentlich mag ich diesen Klub nicht besonders gerne, aber in der jetzigen Situation ist kein anderer offen", sagt sie. "Wenn man feiern gehen möchte, gibt es nur diese Option. Vor dem Krieg gab es in Donezk Klubs und Restaurants für jeden Geschmack. Das Angebot war riesig."

Ihren Namen möchte sie nicht veröffentlicht sehen, wie auch die anderen Gäste nicht. Der Besuch des Klubs kann als Verletzung der Ausgangssperre ausgelegt werden.

"Es gab unzählige Bergwerke und Fabriken, eine gut ausgebaute Industrie, Oligarchen, gehobene Restaurants und Diskotheken. Enorme Geldsummen waren im Umlauf," erinnert sie sich an die Zeit vor dem Frühjahr 2014, als die ersten Schüsse fielen. Seitdem ist der Donbas durch Werksschließungen, Straßensperren, Massenflucht, Bombentrichter, Sandsäcke und Kalaschnikows gekennzeichnet.

"Die politische Macht der Ukraine bestand aus Personen und Clans, die hier aus dem Donbas stammten," fügt die junge Frau hinzu.

Der gestürzte Präsident Wiktor Janukowytsch stammt von hier, ebenso der berüchtigte Oligarch Rinat Achmetow. Letzterer machte sein unvorstellbares Vermögen im Laufe der verdächtigen Privatisierungen des sowjetischen Volkseigentums in den Neunzigerjahren. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde Donezk eine Boomtown, ein wilder Osten, wo die Oligarchen und ihre Entouragen ausgiebig feierten und einen dekadenten und hedonistischen Lebensstil pflegten.

Kognak aus Transnistrien

Über die Ukraine, von der Donezk offiziell immer noch ein Teil ist, schimpft die Klubbesucherin: "Ich liebte die Ukraine, wie sie vorher war. Bevor die USA anfingen, die Waffen der neuen Regierung zu sponsern, und alles sich veränderte."

In der Bar gibt es eine weitere lokale Spezialität: An der Westgrenze der Ukraine liegt die nicht anerkannte Nation Transnistrien, die ausgezeichneten Kognak herstellt. Die Flaschen der berühmten Kvint-Destillerie aus der Hauptstadt Tiraspol strahlen wie große Klumpen Bernstein hinter dem Barmann - doch dort steht nur die dreijährige Variante, die etwas scharf schmeckt. Von seinem Platz auf einem Barhocker fächelt Sergej mit einem anständigen Bündel grüner 1000-Rubel-Scheine und bestellt Weinbrand, den er mit Cola verdünnt.

"Vor dem Krieg arbeitete ich für die ukrainische Polizei. Deshalb vertraute die neue Führung mir nicht. Sie dachten erst, völlig unbegründet, dass ich gegen die Republik war. Deswegen musste ich für einen Monat ins Gefängnis," sagt er. Goldschmuck ziert das Handgelenk und den Hals, Tätowierungen lugen aus den Öffnungen des T-Shirts hervor. "Nun bestreite ich meinen Lebensunterhalt, indem ich Geld tausche," sagt der Ex-Polizist.

Mit dem Taxi durch die Ausgangssperre

Eine Gestalt tritt aus dem Rauch hervor. Mit der olivgrünen Uniform und den Kampfstiefeln sieht Aleksandr aus, als ob er direkt von der Front kommt. Die Vorschriften des Klubs erlauben es eigentlich nicht, Uniform zu tragen, aber der große Goldstern auf jeder seiner Schultern haben wohl die Mitarbeiter beeindruckt. Er scherzt mit den Kellnern und zündet eine Zigarette an. Wo an der Front er gekämpft hat?

"Überall," lautet die kurze Antwort des Offiziers.

"Aber wir sind ganz einfache Leute, die einen schönen Abend mit guten Freunden zu schätzen wissen," fügt er hinzu.

Aleksandr bestätigt ein Gerücht, wonach der berüchtigte Separatistenkommandeur Arsenij 'Motorola' Pawlow hier im S&S Club seine zweite Frau kennengelernt hat. Die Hochzeit wurde im Juli 2014 gefeiert. Das Eheglück der Frischvermählten dauerte allerdings nur kurz.

"Er ist nicht mehr bei uns," sagt der hochrangige Soldat und macht eine kurze Pause, um Respekt zu zeigen - "Motorola" war für seine Brutalität gegen ukrainische Kriegsgefangene bekannt und kam im Oktober 2016 ums Leben, nachdem eine fernausgelöste Bombe im Treppenhaus seiner Wohnung im Zentrum von Donezk explodierte. Die Täter blieben unbekannt. Aleksandr schließt sich wieder seinen Kameraden an, bei denen noch mehrere Getränke warten. Es ist bald drei Uhr, noch zwei Stunden bis zum Ende der Ausgangssperre.

Vor dem S&S Club halten ein paar illegale Taxis. Die Fahrer bringen die Gäste ungesehen an den Nachtpatrouillen vorbei, falls sie doch früher nach Hause möchten. Die Autotür knallt zu, und der junge Mann hinter dem Steuer kriegt die Adresse.

Auf die Frage nach dem Ausgangsverbot sagt er: "Was soll ich machen? Ich muss versuchen, Geld zu verdienen." Der Fahrer drückt auf das Gaspedal und steuert in die Ausgangssperre hinein. Die Laternen werfen einen gelben Schein auf die verödeten Straßen und verschwinden im Hintergrund. Hinter dem Steuer flucht der Fahrer über die Amerikaner. Sie sind für den Krieg verantwortlich und somit für seine prekäre Arbeitssituation. Plötzlich stoppt der Redefluss: Auf einmal blinken blaue Lichter in der Heckscheibe.

"Blin!" - verdammt!

Zwei Ordnungshüter mit dem Logo der Volksrepublik auf ihren Autos steigen aus und erteilen in einem längeren Verfahren eine Geldstrafe. Sie gilt dem Chauffeur. Der Passagier ist ihnen egal. Eine deutliche Erhöhung des vereinbarten Preises sorgt hoffentlich dafür, dass sich das riskante Unternehmen für den Fahrer noch lohnt. Die Ausgangssperre endet bald und damit auch diese Nacht im Vakuum des Krieges in Donezk.



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rwinter77 17.09.2017
1. Boomtown?
Ein bemerkenswert entspannter Artikel über das Leben in der Volksrepublik. Eine neue Elite aus Militärs und Kriegsgewinnlwern feiert trotz Krieg und Zerstörung. Und es kommen Leute zu Wort, die aus dem Donbass stammen und der neuen Ukraine kritisch gegenüber stehen. Die Bezeichnung "Boomtown" passt gar nicht zu Geschichte vom "rust belt" , die häufig über den Donbass erzählt wurde. Die dort ansässige Schwerindustrie erwirtschaftete einen guten Teil des Steueraufkommens, mit dem auch Lwow und andere westukrainische Städte saniert wurden. Der Verweis auf Achmetow und das Oligarchenklüngel passt zu einer anderen Deutung des Maidans als eine Auseinandersetzung zwischen Oligarchenklans, von denen einige den Maidan finanzierten, andere - zumindest am Anfang - die Separatisten.
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