Kämpfe in der Ostukraine Putins schleichende Invasion

Russland hat der Ukraine nie den Krieg erklärt, noch am Dienstag versprach Wladimir Putin, "alles zu tun für den Friedensprozess". In Wahrheit schürt der Präsident den Konflikt seit Monaten mit Waffen und Soldaten.

Von , Moskau


Als der ukrainische Präsident Petro Poroschenko vor die Kameras tritt, wirkt er wie ein Getriebener. Er steht auf einem Rollfeld, dicke Regentropfen durchnässen seinen Anzug. Hinter ihm steht ein Flugzeug. Er wollte ins Ausland reisen, zu einem lange überfälligen Besuch in die Türkei, das Land ist ein wichtiger Partner der Ukraine. Daraus ist nichts geworden, die Visite ist abgesagt.

Der Konflikt in der Ostukraine hat Poroschenko einen Strich durch die außenpolitische Routine gemacht. Es ist ein Krieg, den Russland seinem Nachbarn zwar nie erklärt hat, ihn aber dennoch führt. Die Kämpfer der selbsternannten "Volksrepublik Donezk" haben die ukrainische Armee weit zurückgeworfen. Unterstützt werden sie dabei von Putins Soldaten. Einige russische Militärs sind bei den Kämpfen gefallen, einige in ukrainische Gefangenschaft geraten. Von mindestens 1000 russischen Soldaten in der Ostukraine spricht die Nato inzwischen. Es ist eine schleichende Invasion.

Auf Kämpfer folgten Panzer

Erst waren es russische Freischärler, die mit Billigung des Kreml ausrückten in die Ostukraine. Das waren zumeist Kosaken, Freiwillige mit wilden Bärten und wirrem Weltbild. Bewaffnet mit Kalaschnikow-Gewehren und Granatwerfern sickerten sie in die Ukraine ein, und Russlands hochgerüstete Grenztruppen ließen sie passieren. Als Kiews Armee sich dann anschickte, den Aufstand niederzuschlagen, fanden bald auch schwere Waffen den Weg zu den Separatisten, darunter Panzer. Erst ließ der Kreml ihnen vor allem ältere sowjetische Systeme zukommen, die sich theoretisch auch in Arsenalen der ukrainischen Armee finden. Man habe die Waffen "erobert", beteuerten die Separatisten.

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Ihre Panzertruppen wuchsen freilich immer dann, wenn sie gerade an Boden verloren hatten: Der russische Waffennachschub sollte die Front zu stabilisieren. Nach Erfolgen der ukrainischen Armee vor wenigen Wochen tauchten dann wie von Geisterhand moderne Panzerfahrzeuge des Typs BTR-82 auf, die Kiews Truppen nie besaßen.

Putin spielt ein riskantes Spiel. Noch am Dienstag hatte er Poroschenko in Minsk die Hand geschüttelt und versichert, "alles für den Friedensprozess zu tun". Das war genauso gelogen wie die Behauptung im Juli, "Russland sei mehr als jeder andere interessiert an einem Waffenstillstand".

Russlands Präsident blufft - und täuscht seit dem Ausbruch der Krise. Mal zieht er die Partie in die Länge, in der Hoffnung, dass der Westen das Interesse verliert an dem Konflikt und die Geduld mit den Ukrainern. Dann wieder erhöht er plötzlich den Einsatz. Wie wird Putins nächster Zug aussehen? Will er den Donbass annektieren, das umkämpfte Stahl- und Kohlerevier im Osten der Ukraine? Träumt er von einem Vorstoß seiner Truppen bis Odessa im Südwesten? Will er nur die Front der Separatisten stabilisieren - oder will er die Ukraine unterwerfen?

Russen gegen Einmarsch in die Ukraine

In der Ukraine sind sich viele sicher, dass Russland nun vom verdeckten Krieg zum offenen Krieg übergeht. Präsident Poroschenko rief seine Mitbürger auf, "Ruhe zu bewahren". Die Regierung hat am Donnerstag die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht beschlossen.

In Russland gibt es interessanterweise keine Mehrheit für einen Einmarsch. 95 Prozent sind laut einer Umfrage dagegen, eine beeindruckende Zahl angesichts von Schmähberichten des russischen Staatsfernsehens, Ukrainer kreuzigten russische Kinder.

Fjodor Lukjanow, angesehener russischer Außenpolitik-Experte und Herausgeber des Magazins "Russia in Global Affairs", hält einen offenen Krieg für wenig wahrscheinlich. Im Falle einer echten Invasion würde Russland umgehend Großstädte einnehmen und nicht nur ein paar Dörfer an einem kleinen Grenzabschnitt bei Mariupol. Putin wolle den Ukrainern zeigen, dass Kiew diesen Kampf militärisch nicht gewinnen kann. Poroschenko solle so zu Zugeständnissen gegenüber den Separatisten gezwungen werden - und zu der von Moskau geforderten "Föderalisierung des Landes".

Selbst in rechten Kreisen in Moskau, die den politischen Führern der Separatisten nahe stehen, wird vor einem Einmarsch gewarnt. Er wünsche sich zwar auch einen Sieg Moskaus, schreibt etwa ein pensionierter General in einem viel beachteten Grundsatzartikel in seinem Blog. Allerdings sei Russland zu schwach, um "gegen die ganze Welt zu kämpfen". Die Konsequenz, mit der Putin Sanktionen zum Trotz auf Konfrontionskurs bleibt, legt den Schluss nahe, dass der Kreml das womöglich anders sieht.

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ghm20 28.08.2014
1.
Jetzt müssen richtig harte Sanktionen folgen. Das tut uns zwar auch weh, aber einem isolierten Russland viel mehr. Und früher oder später wird Putin dadurch zur Vernunft kommen - oder sein Amt verlieren.
lampenschirm73 28.08.2014
2.
seltsam, ich dachte bisher immer dass es vollkommen ok ist dass ein Land eingreift, wenn eine Regierung schwere Waffen gegen das eigene Volk einsetzt. Zumindest war das u.a. in Libyen oder im Kosovo so.
a.vollmer 28.08.2014
3. Putsch!
Der Putsch der Militärgouverneuer nimmt immer größere Ausmaße an. Der friedliebende Präsident des großen russischen Volkes wurde entmachtet. Aggressive Hardliner im militärisch-industriellen Komplex der Ex-UdSSR respektieren seine diplomatische Art und seine friedliebenden Absichten nicht und ignorieren seine Befehle. Wo wird er hinfliehen, wenn sich die Übergriffe auf Moskau ausweiten?
michael_1976 28.08.2014
4. was jetzt?
Hat der westen wirklich Lust auf Krieg? Klar nicht. Man wird die Ukraine fallen lassen und dann versuchen mit Putin zu verhandeln. Der allerdings hat gar kein Interesse mit dem Westen zu verhandeln. War das nicht mal so vor ca. 80 Jahren?
united for ukraine 28.08.2014
5.
Putin ist gefährlich. Die Folgen seiner Politik sind Tausende von Toten, Hundertausende von Vertriebenen. Alles das passiert in Europa. Endlich sollte Deutschland die Ukraine auch mit Lieferungen von Waffen unterstützen.
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