Ostukraine Russische Soldaten kämpfen an der Seite der Separatisten

Es mehren sich Indizien, dass Moskau sich direkt mit Truppen in den ostukrainischen Bürgerkrieg einmischt: In dem umkämpften Gebiet wurden russische Militärs gefasst, in einer russischen Garnison Soldaten beigesetzt, die wohl dort gefallen sind.

Von , Moskau


Pskow liegt im Westen Russlands, nahe der estnischen Grenze, die Stadt ist ein eher verschlafenes Provinznest. Dennoch kennt jedes Kind in Russland Pskow: Erstens wegen der gut erhaltenen Burganlage aus dem Mittelalter, zweitens wegen Pskows landesweit berühmter Garnison.

In Pskow ist die 76. Gardedivision der russischen Luftlandetruppen stationiert, eine Eliteeinheit. Soldaten der Truppe waren im Kosovo, im Krieg gegen Georgien 2008 und während der Annexion der Krim im Einsatz. Die Hinweise verdichten sich nun, dass Männer der 76. Gardedivision verdeckt in einem weiteren Konflikt kämpfen: in der Ostukraine an der Seite der Separatisten.

Auf einem Friedhof bei Pskow liegen zwei frische Gräber. "Vom Personal der Luftlandekräfte" steht auf einem der Kränze. Darunter ruhen Leonid Kitschatkin und Alexander Osipow, zwei junge Soldaten der russischen Armee, gestorben am 19. und 20. August. Viel spricht dafür, dass beide bei Gefechten in der Ostukraine getötet wurden. Kitschatkins Name findet sich in Militärunterlagen der Rebellen, die vor einigen Tagen der ukrainischen Armee in die Hände fielen. Es handelt sich um eine Liste, auf der die Separatisten die Namen ihrer Kämpfer aufführen, Kitschatkin steht an Stelle 15.

Reporter der Lokalzeitung "Pskowskaja Gubernija" haben die Gräber der getöteten Soldaten fotografiert und den Fall öffentlich gemacht. Sie dokumentierten auch das Begräbnis am Montag. Die Kapelle war umstellt von Militärs. Noch am Montagabend veröffentlichte die Zeitung einen Bericht auf ihrer Webseite. "Russland versucht zu verschleiern, dass es seine Söhne in den Krieg schickt, wie sie sterben und wo sie bestattet werden", heißt es da. Inzwischen ist das Internetportal von "Pskowskaja Gubernija" nicht mehr zu erreichen.

Kitschatkins Witwe hat im Internet die Einladung zur Beerdigung ihres Leonid gelöscht. Der sei im Gegenteil "gesund und munter", schreibt sie jetzt. Anrufe auf ihr Mobiltelefon beantwortet inzwischen ein Unbekannter, der sich als ihr Mann Leonid ausgibt.

"Zufällig" ukrainisches Territorium betreten

Der Fall ist ein Hinweis darauf, dass Moskau offenbar dazu übergeht, die Separatisten in der Ostukraine gezielt mit Armeeangehörigen zu verstärken. Die Rebellen waren in den vergangenen Wochen in die Defensive geraten. Die ukrainische Armee hat die Großstädte Luhansk und Donezk eingekesselt. Am Samstag allerdings starteten die Separatisten völlig überraschend Gegenangriffe.

Ein verdeckter Einsatz der Luftlandetruppen im Donbass könnte auch erklären, warum Präsident Wladimir Putin der 76. Gardedivision aus Pskow gerade erst den Suworow-Orden verliehen hat, eine Auszeichnung, die - darauf weisen russische Medien hin - in der Regel für erfolgreiche Kampfeinsätze verliehen wird.

Auch Soldaten anderer Einheiten bewegen sich in der Ostukraine. Die Regierung in Kiew meldete am Dienstag die Gefangennahme von zehn russischen Militärs. Die Soldaten der 98. Gardedivision hätten auf Seiten der Separatisten gekämpft. Der ukrainische Geheimdienst veröffentlichte Video-Mitschnitte von Verhören der Männer.

Man habe ihnen gesagt, sie rückten zu einem Manöver in Südrussland aus, sagt einer der Männer. Sie hätten erst verstanden, "dass wir in der Ukraine sind, als ein ukrainischer Panzer begann, auf uns zu schießen".

Der Kreml hat eine Beteiligung russischer Soldaten an Operationen in der Ostukraine immer vehement bestritten. Allerdings hatte Russlands Präsident auch während der Übernahme der Krim beteuert, bei den vermummten Bewaffneten handele es sich nicht um seine Soldaten, sondern um "örtliche Selbstverteidigungskräfte". Das war - wie Putin inzwischen selbst einräumte - gelogen. Hartnäckig hält sich in Moskau auch das Gerücht, dass der von Moskau in die Ukraine entsandte Hilfskonvoi auf dem Rückweg eine heikle Fracht nach Russland brachte: die Leichen von bei Kämpfen getöteten Russen.

Bei den von Kiew präsentierten Gefangenen handelt es sich allem Anschein nach tatsächlich um Angehörige russischer Militärs. Auf sozialen Netzwerken finden sich Fotos, auf denen sie in Uniform und vor Hubschraubern posieren.

Das Verteidigungsministerium in Moskau räumte zähneknirschend die Gefangennahme seiner Soldaten ein. Die Männer hätten gleichwohl nur "zufällig" ukrainisches Territorium betreten, sie hätten sich auf Patrouille an der Grenze verlaufen.

Bislang waren allerdings auch Äußerungen aus Kiew mit Vorsicht zu bewerten. Seit Ausbruch der Krise im April spricht die Regierung in der ukrainischen Hauptstadt fast täglich von angeblich einrückenden russischen Verbänden und Moskauer Agenten. Beweise blieben allerdings Fehlanzeige. Zuletzt brüstete sich Präsident Petro Poroschenko damit, seine Truppen hätten angeblich einen russischen Militärkonvoi "vernichtet".

"Unter all den Falschmeldungen könnte die Nachricht untergehen, dass Russland wirklich in der Ukraine einfällt", warnt der Kreml-kritische russische Publizist Oleg Kaschin. Und: Womöglich sei "genau das gerade jetzt passiert".

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Einfluss der Separatisten in der Ostukraine(Stand: 12. August)
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Einfluss der Separatisten in der Ostukraine(Stand: 12. August)

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Ylex 26.08.2014
1. Gegenfragen
Wieviele amerikanische und ausländische Söldner kämpfen eigentlich in der Ukraine gegen die Separatisten? Warum kommt es nicht zu einem Waffenstillstand und zu Verhandlungen? - schließlich töten in diesem Bürgerkrieg Ukrainer Ukrainer.
muellerthomas 26.08.2014
2.
Zitat von YlexWieviele amerikanische und ausländische Söldner kämpfen eigentlich in der Ukraine gegen die Separatisten? Warum kommt es nicht zu einem Waffenstillstand und zu Verhandlungen? - schließlich töten in diesem Bürgerkrieg Ukrainer Ukrainer.
Gibt es dafür Hinbweise? Und was wäre schlimm daran, wenn die Ukraine als souveräner Staat andere Staaten um Unterstützung gegen die Separatisten bittet? Nur umgekehrt, wenn Rußland die Separatisten unterstützt, ist dies ein Angriff auf die zugesicherte Souveränität der Ukraine.
Kerlenaa 26.08.2014
3. alles klar?
Nun müsste selbst dem verbohrtesten Putin-Jünger klar werden, welchen Zweck die gelieferten "humanitären Hilfsgüter" hatten: Putin hat gemerkt, dass die Separatisten langsam aber sicher von der ukrainischen Armee zurückgedrängt werden. Nun schickt er vermehrt eigene Truppen ins Land und die wollen ja gut versorgt sein!
bodo@3t.ie 26.08.2014
4. Wieder einmal Putin...
Es werden natürlich wieder die Putin-Freunde sagen das dies kein Beweis ist (die Gräber und die Liste der Separatisten). Es läuft auf genau die gleiche Masche wie auf der Krim hin....nur diesmal kommen die Fakten früher heraus...
ghm20 26.08.2014
5.
Zitat von YlexWieviele amerikanische und ausländische Söldner kämpfen eigentlich in der Ukraine gegen die Separatisten? Warum kommt es nicht zu einem Waffenstillstand und zu Verhandlungen? - schließlich töten in diesem Bürgerkrieg Ukrainer Ukrainer.
Genaues Lesen des Artikels zeigt, dass Russen Ukrainer töten - und umgekehrt. Putin muss endlich aufhören zu zündeln - und die gesamte Ukraine als unabhängigen Staat behandeln.
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