Eingekesselte Rebellen Separatisten-Chef bietet Waffenruhe in Donezk an

Die prorussischen Separatisten in der Ostukraine sitzen in der Falle, ihre Hochburg Donezk ist eingekesselt. Ihr Anführer bietet einen Waffenstillstand an. Sollten die Regierungstruppen aber einmarschieren, werde man um jedes Haus kämpfen.

Ukrainische Soldaten vor Donezk: Bereit zum Einmarsch
DPA

Ukrainische Soldaten vor Donezk: Bereit zum Einmarsch


Donezk - Die ostukrainische Stadt Donezk ist nach Angaben der örtlichen Separatisten komplett von den Regierungstruppen belagert. Donezk sei "eingekesselt" und drohe, "ein neues Stalingrad" zu werden, erklärte der Regierungschef der selbsterklärten Volksrepublik Donezk, Alexander Sachartschenko, am Samstag.

"Wir sind zu einem Waffenstillstand bereit, um die zunehmende humanitäre Katastrophe abzuwenden", erklärte Sachartschenko auf der Rebellen-Webseite. Zugleich betonte er, dass die Aufständischen bereit seien, die Stadt unter Einsatz ihres Lebens zu verteidigen, wenn die ukrainische Armee dort einmarschiere. "Der Kampf wird um jedes Straße, um jedes Haus, um jeden Meter unseres Lands geführt", warnte Sachartschenko, der erst seit Donnerstag die Separatisten von Donezk anführt.

Die Regierungstruppen sind nach eigenen Angaben bereit, in die Industriestadt einzumarschieren. Vor den Kämpfen lebten dort eine Million Menschen, inzwischen sind viele geflohen. Während der vergangenen Tage hatte die Armee die Stadt zunehmend unter Beschuss genommen.

Luhansk von drei Seiten umstellt

Die Armee versucht, auch andere Rebellenhochburgen zurückzuerobern, darunter die Großstadt Luhansk. Auf einer Landkarte, die vom ukrainischen Militär veröffentlicht wurde, bewegen sich ukrainische Truppen von drei Seiten auf die Stadt zu. Nur in Richtung Süden gibt es demnach noch eine Verbindung zu Separatistengebieten. Die humanitäre Lage in Luhansk hat sich zuletzt immer mehr verschlechtert.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko ist nach eigenen Angaben bereit, einen Hilfskonvoi nach Luhansk zu lassen. Bedingung dafür sei, dass die Mission von einem internationalen Team ohne militärische Begleitung geführt werde, sagte Poroschenko in einem Telefonat mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Poroschenko sagte, er sei deswegen bereits im Gespräch mit dem Präsidenten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), Peter Maurer.

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Szenen aus Donezk: Zerbombte Häuser, vernagelte Läden

Das IKRK bestätigte derweil, dass aus Russland eine Anfrage für die Organisation humanitärer Konvois eingegangen sei. Es habe diese aber nicht beantwortet. Die Führung in Kiew hatte zuvor berichtet, eine als Hilfskonvoi getarnte russische Militärkolonne an der Grenze gestoppt zu haben. Es bestehe "Grund zur Annahme, dass der Konvoi dazu hätte genutzt werden können, die Spannungen weiter zu verschärfen". Moskau wies die Vorwürfe zurück.

20.000 russische Soldaten an der Grenze zur Ostukraine

Im Westen wächst die Furcht vor einem russischen Einmarsch. Russland soll bereits rund 20.000 Soldaten an der Grenze zur Ostukraine zusammengezogen haben. Russlands Außenminister Sergej Lawrow forderte die USA in einem Telefonat mit US-Außenminister John Kerry auf, das russische Projekt einer "humanitären Mission in Koordinierung mit allen zuständigen internationalen Organisationen" zu unterstützen. Kerry sagte, Russland dürfe nicht "unter dem Deckmantel eines humanitären Konvois" in die Ostukraine einmarschieren.

Nach Telefonaten mit dem britischen Premierminister David Cameron und Merkel machte auch US-Präsident Barack Obama deutlich, dass "alle russischen Interventionen, auch unter dem Vorwand der humanitären Hilfe, ohne ausdrückliche und formale Zustimmung Kiews nicht hinnehmbar" seien. Auch Merkel stützt diese Position nach Angaben einer Sprecherin der Bundesregierung.

In Donezk waren am Samstag den ganzen Tag über Mörsergeschosse und Explosionen zu hören. Die Armee verzeichnete in den eigenen Reihen 13 Todesopfer. Am Freitag waren bereits 15 Soldaten getötet worden.

ssu/AFP/dpa/Reuters

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insgesamt 26 Beiträge
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Epikurus 10.08.2014
1. Die ukrainische Armee u. Nationalgarde hat unter großen
Verlusten Teile des Donbass erobert. Allerdings haben sie die drei Großstädte Donezk, Lugansk u. Gorliwka nicht erobern können. Poroschenko läuft die Zeit davon. In drei Monaten beginnt in diesem Gebiet der Winter. Die notwendigen Reparaturen von Wohnhäusern, Infrastruktur, etc. würden nach einem Sieg kaum vor dem Winter abgeschlossen werden. Eine weitere Flüchtlingstragödie bahnt sich an. Ob die Einwohner des Donbass Poroschenkos Kämpfer als "Befreier" sehen, ist äußerst zweifelhaft. Die Atmosphäre in diesem Gebiet ist vergiftet.
Ishibashi 10.08.2014
2. Baldiges Ende ?
erstaunlich dass immer noch Zivilisten durch Korridore Donetsk verlassen können. Ohne die zivilen Schutzschilde berauben sich die Separatisten selbst jeden Schutz und Putin hat weniger Gründe ein zumaschieren.
cbhb 10.08.2014
3. Geiselnahme
"Entweder ihr lasst uns hier weiter Regierung spielen oder wir legen diese Stadt in Schutt und Asche" - Geiselnahme nennt man so was!
horst krautwurm 10.08.2014
4. UN Mission
Wäre sinnvoll um schnellstmöglich Den Donbass zu befrieden. Aber das will Poroschenko nicht, er braucht den brachialen Sieg um bis zu den Wahlen im Herbst irgendetwas vorweisen zu können. Aber was kommt dann? Die von Igor Mosiychuk bereits angekündigten Säuberungen? Eine Katastrophe wird sich nur verhindern lassen indem die Uno unbeteiligte Blauhelme schickt.
Halcroves 10.08.2014
5. kämpft sich schlecht ohne Nachschub aus Russia
und der Nachschub wird kommen, Waffen - Soldaten - Raketen und alles getarnt als humanitäre Hilfe. Helfen wird es den Menschen dort nicht.
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