Paketbomben aus dem Jemen Terrorfahnder lassen Verdächtige frei

Auf der Suche nach den Drahtziehern der vereitelten Paketbomben-Anschläge wurde eine verdächtige Frau festgenommen - und nach kurzer Zeit wieder auf freien Fuß gesetzt. Jetzt führt eine neue Spur nach Ägypten. Aber auch die deutschen Sicherheitsbehörden sind alarmiert.

DPA

Hamburg - Im Fokus der US-Behörden steht der führende saudische Extremist Ibrahim Hassan al-Asiri. Er gilt als ein Hauptverdächtiger im Fall der vereitelten Paketbomben-Anschläge, auch weil er vermutlich mit dem Ableger des Extremistennetzes al-Qaida im Jemen, AQAP, zusammenarbeiten soll.

Als ersten Fahndungserfolg werteten die Behörden im Jemen jedoch die Festnahme einer Medizinstudentin der Universität von Sanaa. Der Studentin wurde vorgeworfen, sie habe die Pakete mit den Sprengsätzen bei einer Filiale eines Luftfrachtunternehmens in Sanaa aufgegeben.

Nun wurde sie von den Fahndern wieder frei gelassen.

Die Verhöre und Befragungen hätten ergeben, dass die 22-jährige Studentin Hanan Mohammad al- Samawi "die falsche Person" gewesen sei, sagte ein Angehöriger des Sicherheitsdienstes im vertraulichen Gespräch mit dpa. "Sie wurde ihrem Vater übergeben", hieß es.

Nach Angaben der jemenitischen Regierung hatte eine bei einer der Bomben gefundene SIM-Karte für Mobiltelefone die US-Ermittler auf die Spur der jungen Frau geführt. Dagegen hatte ihr Anwalt die Ansicht vertreten, dass die junge Frau Opfer eines Identitätsdiebstahls war.

Laut BBC hatte sie ihre Telefonnummer bei einem Frachtunternehmen hinterlegt. Dies mache keinen Sinn, wenn jemand einen Bombenanschlag plane, zitierte die britische "Sunday Times" den Anwalt. Die Polizei im Jemen hatte am Sonntag auch eine Reihe von Bekannten der Studentin festgenommen und überprüft.

Über den Inhalt von 24 weiteren verdächtigen Paketen, die am Samstag von Sicherheitsbehörden in Jemens Hauptstadt Sanaa untersucht wurden, gibt es derweil keine Angaben. Ob sie tatsächlich auch Bomben enthielten oder ungefährlich waren, ist noch vollkommen unklar.

Im "Wall Street Journal" äußerte sich unterdessen der Rabbi der Chicagoer Emanuel-Gemeinde, an die eines der Bombenpakete adressiert war. Er habe erfahren, dass es vier an Synagogen in Chicago adressierte Bomben gegeben habe und nicht nur zwei wie bislang mitgeteilt. Zudem sei seine Gemeinde nicht selbst der Adressat des Pakets gewesen, sondern die speziell für Schwule und Lesben eingerichtete Schwester-Gemeinde Or Chadash, die sich im selben Gebäude wie die Emanuel-Synagoge befinde. Der Web-Administrator der Emanuel-Synagoge habe zudem festgestellt, die Website der Gemeinde sei in jüngster Zeit häufig von Ägypten aus aufgesucht worden. Allein an einem Tag sei sie 83 Mal von jemandem aus Ägypten angeklickt worden.

Keine Luftfracht mehr aus Jemen

Essam Gamal, Sicherheitschef der staatlichen Fluglinie Egypt Air, gab unterdessen bekannt, Sicherheitskräfte hätten am Samstag damit begonnen jedes Frachtgut, das per Flugzeug ins Ausland gehen soll oder aus dem Jemen kommt, von Hand zu inspizieren. Ebenso haben die USA ihre Sicherheitsmaßnahmen verschärft. Großbritannien hat beschlossen, vorerst keine unbegleitete Luftfracht aus dem Jemen mehr ins Land zu lassen oder durch das Land zu transportieren.

Die Bundesregierung hat ihre Haltung zur Verschärfung der Kontrollen von Luftfracht geändert. Während Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) zunächst erklärt hatte, die Sicherheitsmaßnahmen in Deutschland lägen auf einem "hohen und lageangepassten Niveau" und müssten nicht verschärft werden, sagte er der "Bild am Sonntag" am Samstagabend, die Bundesregierung werde sicherstellen, dass ab sofort keine Luftfracht aus dem Jemen mehr in Deutschland ankommt.

Nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums wies das Luftfahrtbundesamt darüber hinaus Luftfahrtunternehmen, Expressdienstleister und andere Unternehmen an, alle vorhandene und lagernde Fracht aus dem Jemen umfassend zu kontrollieren. Dies gelte insbesondere für Transitfracht und Transferfracht. Die Anordnung schließt demnach auch Fracht ein, die auf dem Straßen- oder Schienenverkehr weitertransportiert wird.

Zwischenlandung in Köln/Bonn

Ein Grund für diese Verschärfung der Kontrollen dürfte sein, dass der in England gefundene Sprengsatz auf seinem Weg von Jemen nach Großbritannien auf dem Flughafen Köln/Bonn umgeladen worden ist, wie Innenminister de Maizière am Sonntag bestätigte. Der Paketdienst UPS betreibt auf dem deutschen Flughafen einen sogenannten Hub, also ein Drehkreuz auf dem Fracht aus aller Welt zusammengeführt und für den Weitertransport neu verladen wird.

Wie die "Bild am Sonntag" mit Bezug auf Sicherheitskreise schreibt, habe das Bundeskriminalamt (BKA) aus Saudi-Arabien Hinweise auf das verdächtige Paket erhalten, konnte den Weitertransport vom Köln/Bonner-Flughafen aber nicht mehr stoppen. Erst nachdem das BKA die britischen Behörden informierte, habe die brisante Fracht in England gestoppt werden können.

Bei einem Treffen mit Kanzlerin Angela Merkel sagte der britische Premier David Cameron, die Bombe hätte wahrscheinlich nach den Plänen der Bombenbauer noch im Flugzeug explodieren sollen. Der Polizeichef von Dubai geht davon aus, dass auch der zweite Sprengsatz noch im Flugzeug detonieren sollte. Cameron: "Ein Paket, das im Jemen auf den Weg gebracht wurde, in Deutschland landete, dann in Großbritannien landete, bestimmt für Amerika; das zeigt, wie stark wir zusammenstehen und wie entschlossen wir sein müssen, um den Terrorismus zu besiegen."

jjc/Reuters

Forum - Haben die USA eine Anschlagsserie von Al-Qaida verhindert?
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Gockeline 31.10.2010
1. Fragen sie mal die Bürger,ob sie glauben was man ihnen verkündet?
Jeder denkt: hier ist doch der amerikanische Geheimdienst am Werk? Er will der Welt klar machen,dass Terrorgefahr droht, damit er in Pakistan einmaschieren kann? Wer glaubt denn schon, dass die Saudis es gemerkt haben und gewarnt haben? So blöd sind Terroristen dann auch nicht! Hier wurde schlampig eine Inszenierung veranstaltet.
Hermes75 31.10.2010
2.
Zitat von sysopNach dem Abfangen der an jüdische Organisationen adressierten Bombenpakete aus dem Jemen, fahren die USA ihre Terrorabwehr hoch. Ist die Gefahr damit abgewendet oder drohen den Vereinigten Staaten neue Anschläge?
Ich finde es irgendwie merkwürdig, dass die US-Geheimdienste solche "Erfolge" immer kurz vor wichtigen Ereignissen (wie jetzt der Parlamentswahl) haben. Liegt es daran, dass Al-Qaida sich in die Wahlen einmischen wollte oder dass das Heer der US-Heimatschützer mal wieder seine eigene Wichtigkeit unter Beweis stellen musste? Mal angenommen, die Anschläge wären gelungen, was wäre die Folge gewesen? Würde ich als jüdische Organisation in New York einfach ein Paket von einem unbekannten Absender im Jemen öffnen? Wie haben die Ermittler es geschafft alle Pakete abzufangen? (erstaunliche Leistung)
fintenklecks 31.10.2010
3.
Zitat von sysopNach dem Abfangen der an jüdische Organisationen adressierten Bombenpakete aus dem Jemen, fahren die USA ihre Terrorabwehr hoch. Ist die Gefahr damit abgewendet oder drohen den Vereinigten Staaten neue Anschläge?
Ich befürchte, es gibt Krieg gegen Jemen.
beobachter1960 31.10.2010
4. Wieso verhindert?
Wären die Bomben wirklich explodiert, außer ein paar aufgeregten Polizeiwagen wäre der Effekt der Gleiche. Es ist doch hocheffizient die gegnerische Gesellschaft durch eigene Abwehrmaßnahmen zu zerstören. So ist der Flugverkeht mehr und mehr eingeschränkt, die demokratischen Grundlagen der Gesellschaft zerbröseln usw. usf.. Nach meiner Auffassung ist es genau das was diese Leute wollen. Und sie erreichen Ihr Ziel. Aus lauter Angst demontieren wir uns selber.
iketchup 31.10.2010
5. Dieser so genannte Anschlag
fällt auffallend mit den Wahlen am 2 Nov. in den USA zusammen, schon merkwürdig, aber feiert nur weiter Teaparty.
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