Anschlag in Lahore Pakistans Hilflosigkeit gegenüber Extremisten

Im pakistanischen Lahore hat ein Selbstmordattentäter mindestens 70 Menschen getötet. Die Regierung antwortet auch diesmal mit Härte. Doch bisher konnte sie die Islamisten damit nicht stoppen.


Es ist der blutigste Anschlag seit mehr als einem Jahr: Ein Selbstmordattentäter sprengte sich am Ostersonntag in einem Park im pakistanischen Lahore in die Luft und riss mindestens 70 Menschen mit in den Tod. Dabei starben nach Angaben der Polizei auch mindestens 35 Kinder.

In Pakistan verüben radikalislamische Gruppen häufig Selbstmordattentate, mehrere bereits in diesem Jahr. Doch keines hat so viele Opfer gefordert, seit bei einem Angriff auf eine Schule in Peshawar im Dezember 2014 mehr als 150 Menschen starben.

Die Regierung reagiert mit militärischer Härte. Nach dem Anschlag auf die Schule hatte das pakistanische Militär mehrere große Offensiven gegen Extremisten gestartet. Auch auf das Attentat am Ostersonntag soll eine Sonderoffensive in der bislang recht ruhigen Provinz Punjab folgen, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters am Montag.

Die Regierung bereite demnach einen Erlass vor, der Sicherheitskräften in Punjab Sonderbefugnisse einräumen solle, wie Reuters aus dem Umfeld der Regierung und der Armee erfuhr. Details müssten noch geklärt werden. Es gehe auch darum, paramilitärischen Einheiten Razzien und Verhöre zu erlauben.

Auf Twitter verkündete Militärsprecher Asim Bajwa, die Geheimdienste, die Armee und paramilitärische Rangers hätten in Lahore und in den Städten Multan und Faisalabad bereits Razzien durchgeführt und mutmaßliche Terroristen festgenommen sowie ein "riesiges Lager mit Waffen und Munition" ausgehoben. Genauere Angaben machte er dazu nicht.

Das Attentat in Lahore zeigt allerdings wieder, dass diese Strategie des Militärs bisher nicht aufgegangen ist. Im vergangenen Jahr hatte sich die Armee mehrfach damit gebrüstet, dem Extremismus im Land das Rückgrat gebrochen zu haben. Die Zahl der Anschläge und ihrer Opfer ging 2015 auch zurück. Doch allein in den vergangenen Wochen gab es drei große Anschläge. So stürmten Bewaffnete Ende Januar eine Hochschule im Nordwesten des Landes und töteten 22 Menschen.

Zu der Bluttat am Sonntag bekannte sich eine Splittergruppe der Taliban, Jamaatul-Ahrar. Ein Sprecher der Gruppe sagte, die Tat richte sich sowohl gegen die Regierung, als auch gegen Christen. In dem Park in Lahore hatten viele christliche Familien Ostern gefeiert. Nach Angaben der Polizei sollen unter den Opfern mindestens ein Dutzend Christen sein.

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Lahore: Dutzende Tote bei Selbstmordanschlag in Pakistan
Die Tat soll ein 28-jähriger Mann aus Süd-Punjab begangen haben, der zur Extremistengruppe Jamaat-ul-Ahrar gehörte, berichteten Medien. Er soll Lehrer an einer Religionsschule gewesen sein. Sein Sprengstoffgürtel sowie ein Rucksack mit Explosivstoffen waren nach Polizeiangaben zusätzlich mit Schrauben und Muttern gefüllt. Die schossen unter dem Druck der Explosion durch den Park und verletzten Menschen in einem weiten Umkreis.

Jamaat-ul-Ahrar ist eine der aktivsten und brutalsten Extremistengruppen des Landes. Die sunnitischen Islamisten verüben landesweit Anschläge gegen den Staat, aber auch gegen Christen und andere Nichtmuslime. Vor fast genau einem Jahr hatten sie Selbstmordattentäter in zwei katholische Kirchen in Lahore geschickt. 15 Menschen starben.

Jamaat-ul-Ahrar agiert in wechselnden Allianzen. Sie hatte sich von den pakistanischen Taliban 2014 zunächst abgespalten und der vor allem in Syrien und im Irak aktiven Terrormiliz "Islamischer Staat" die Treue geschworen. Aus nicht geklärten Gründen schloss sie sich aber vor einem Jahr wieder den Taliban an.

Am Osterwochenende demonstrierten radikale Muslime auch in anderen Landesteilen Stärke. Anhänger des hingerichteten Islamisten Mumtaz Qadri hielten in der Hauptstadt Islamabad einen Sitzstreik ab. Mehrere Tausend Demonstranten, einige mit Stöcken bewaffnet, harrten am Montag im Regierungsviertel aus, nachdem sie der Regierung einen Forderungskatalog übergeben hatten. Sie verlangen unter anderem die Einführung der Scharia.

Der frühere Polizist Qadri war Ende Februar für die Ermordung von Punjabs Gouverneur Salman Taseer gehängt worden. Qadri hatte Taseer 2011 getötet, weil dieser für eine Lockerung des umstrittenen Blasphemie-Gesetzes eingetreten war.

lov/AFP/dpa/Reuters



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