Pakistan: Anti-Drohnen-Aktivist vor Reise nach Deutschland entführt

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  Kareem Khan (Archivfoto): Der Anti-Drohnen-Aktivist ist verschwunden  Zur Großansicht
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Kareem Khan (Archivfoto): Der Anti-Drohnen-Aktivist ist verschwunden

Bei einem US-Angriff verlor Kareem Khan seinen Bruder und einen Sohn. Er verklagte die CIA und wurde zur Stimme der Drohnenopfer in Pakistan. Jetzt wollte er vor Abgeordneten in Berlin sprechen - doch seit einer Woche ist er verschwunden.

Es war alles geplant: ein Treffen mit Bundestagsabgeordneten in Berlin Anfang kommender Woche, unter anderem mit Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele und Regierungsvertretern, Gespräche mit Parlamentariern in den Niederlanden, ein Termin beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, anschließend Weiterreise nach Großbritannien.

Der Journalist Kareem Khan, 46, schwarzer Bart bis zur Brust, immer einen Turban auf dem Kopf, eine imposante Erscheinung, würde wieder in seinem Element sein: den zivilen Drohnenopfern aus den pakistanischen Stammesgebieten eine Stimme zu verleihen, ihnen weltweit Gehör zu verschaffen.

Doch daraus wird nichts. Am vergangenen Mittwochmorgen tauchten etwa 20 Männer vor seinem Haus in Rawalpindi auf, brachen das Schloss des Tors auf, traten die Haustür ein und entführten ihn vor den Augen seiner Frau und der Kinder. Etwa acht Männer hätten Polizeiuniformen getragen, die anderen waren in Shalwar Kameez gekleidet, dem traditionellen knielangen Hemd und Baumwollhose.

Gericht soll Verschwinden Khans aufklären

Einen Haftbefehl hatten die Männer nicht. Jetzt behaupten die Polizei und die pakistanischen Geheimdienste, sie hätten Khan nicht verhaftet. Der Anti-Drohnen-Aktivist ist also verschwunden, gekidnappt, von ihm fehlt jede Spur. Auf Nachfrage sagen Sprecher von Polizei, Armee und Militärgeheimdienst, sie wüssten nichts über den Verbleib Khans und hätten mit der Sache nichts zu tun.

"Das ist leider typisch für unser Land", sagt Anwalt Shahzad Akbar, der seit Jahren ebenfalls als Aktivist gegen den US-Drohnenkrieg in Pakistan arbeitet und Khan vertritt. "Tausende Menschen verschwinden in Pakistan, wenn sie irgendjemandem nicht passen, ohne Gerichtsverfahren, ohne Rechtsgrundlage. Das sind Methoden eines Polizeistaats, der seinen Bürgern fundamentale Rechte vorenthält." Offensichtlich habe jemand so große Angst vor Khan und davor, dass er in Deutschland, in den Niederlanden und in Großbritannien seine Geschichte erzählt, dass er es für nötig erachte, ihn verschwinden zu lassen.

Akbar hat im Auftrag von Khans Familie eine gerichtliche Untersuchung des Vorfalls durchgesetzt. Die Sicherheitsbehörden sollen nun vor einem Richter erklären, warum und auf welcher rechtlichen Grundlage sie Khan in Gewahrsam genommen haben. Wahrscheinlich ist aber, dass sie weiterhin bestreiten werden, hinter der Sache zu stecken.

Grünen-Abgeordneter Ströbele sagt, er sorge sich um Khan und hoffe, "dass er sehr bald wieder freikommt". Ob ein Zusammenhang zwischen dessen geplanter Reise nach Europa und seinem Verschwinden bestehe, sei unklar. "Aber es kommt einem doch verdächtig vor", sagt er. Im Bundestag gebe es jedenfalls entsprechende Vermutungen. In einem Brief an Premierminister Nawaz Sharif bittet Ströbele die pakistanische Regierung, den Vorfall so schnell wie möglich aufzuklären.

Khan verlor Bruder und Sohn durch Drohnenangriff

Beobachter halten es auch für möglich, dass die CIA ihre Finger im Spiel hat. Denn Khan hat den US-Geheimdienst extrem verärgert. Im November 2010 machte er den geheim gehaltenen Namen des Chefs der CIA-Vertretung in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad bekannt, indem er ihn verklagte.

Bei einem US-Drohnenangriff am 31. Dezember 2009 in dem Dorf Machikhel, in der von Taliban beherrschten Region Nordwaziristan, waren Khans Bruder und einer seiner Söhne getötet worden. Khan machte den CIA-Mann für den Tod seiner Angehörigen verantwortlich. Wie er dessen Namen herausfand, verriet er nicht. Amerikanische Diplomaten vermuteten damals, Khan habe Helfer beim pakistanischen Geheimdienst. Die CIA musste ihren Bürochef daraufhin aus Pakistan abziehen.

Seit neun Jahren führt die CIA ihren Drohnenkrieg im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet. US-Präsident George W. Bush hatte mit den Einsätzen der unbemannten Flugzeuge im Nordwesten Pakistans begonnen, Barack Obama hatte sie ausgeweitet. Heimlich unterstützt die Regierung in Islamabad den Drohnenkrieg: Die Extremisten werden bekämpft, ohne dass die pakistanische Armee sich die Hände schmutzig machen muss. Offiziell aber verurteilt die Regierung die Luftschläge als "Missachtung der pakistanischen Souveränität".

Erfolg der Drohneneinsätze umstritten

Die US-Regierung kommentiert den Drohnenkrieg nicht, da er offiziell als geheim gilt. Doch in Hintergrundgesprächen halten sich Regierungsvertreter zugute, hochrangige Extremisten ausgelöscht zu haben, darunter im August 2009 den lange gesuchten pakistanischen Taliban-Anführer Baitullah Mehsud und im November 2013 dessen Nachfolger Hakimullah Mehsud.

Mehrere Untersuchungen gehen davon aus, dass durch die Drohnenschläge Hunderte von Zivilisten ums Leben kommen. Andere Studien deuten eher auf eine geringe Zahl von zivilen Opfern hin. Eine unabhängige Überprüfung ist kaum möglich, da die Stammesgebiete in weiten Teilen von Extremisten kontrolliert werden. Journalisten erhalten vom Militär keine Genehmigung, die Region zu bereisen.

Kareem Khans Anwalt Akbar will am Wochenende nun ohne seinen Mandanten nach Deutschland reisen, um über die Lage der Drohnenopfer zu sprechen. Begleiten wollen ihn Noor Khan, der mit Kareem Khan nicht verwandt ist, der allerdings seinen Vater durch einen Drohnenangriff verloren hat, sowie der Fotograf Noor Behram, der mehrere Orte nach Drohnenschlägen fotografiert hat. Seit dem Verschwinden von Kareem Khan haben sie aber Angst, dass auch sie entführt werden könnten.

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insgesamt 101 Beiträge
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1. Die Geheimdienste
raphaela45 11.02.2014
haben für ihre Auftraggeber (eine weltweit agierende "Elite") ein weiteres Beispiel dafür geliefert, daß sie vor NICHTS zurückschrecken... Echte Demokratie gibt es wohl nur noch in der Schweiz (wogegen Herr Schulz ja NOCH NICHT losschlagen will). Da, wo die "freiheitlich-westlichen" Demokratien Einfluß besitzen ist jedes Recht pervertiert: Geheimdienste können JEDEN PC nicht nur komplett überwachsen, sondern auch jederzeit manipulieren: "Beweise", die auf Dateien beruhen, sind keine mehr. Genauso können Wahlen jederzeit manipuliert werden, technisch ist das für NSA und Co ein Klacks...Und wer der Weltordnungs-Maschinerie in den Weg gerät, der kann jederzeit und für immer verschwinden...Aber Hauptsache, die braven Schafe, die ihren Herrn ohne Aufmucken in den Schlachthof folgen, haben "nichts zu verbergen"...
2. optional
DrGrey 11.02.2014
der sitzt bestimmt jetzt schon in Guantanamo. Da kanns keiner feststellen.
3. Selbstverteidigung
nickleby 11.02.2014
Die Drohnenangriffe auf Taliban und andere Terroristen sind nichts anderes als Fortführung des Krieges mit anderen Mitteln. Man bemüht sich, die Kollateralschäden so niedrig wie möglich zu halten. Im Zweiten Weltkrieg haben die Alliierten Deutschland bombardiert,aber ohne auf die Nebenwirkungen zu achten. Die Taliban sind Mörder und Terroristen und als solche zu behandeln
4. Hier ist alles so offensichtlich
redbayer 11.02.2014
dass jedes Gericht die Beweislage eindeutig zuordnen würde. Die Amerikaner führen den Drohnenkampf gegen die pakistanische Bevölkerung. Wenn ein Islamist davon betroffen ist und gar noch vom Bundestag nach Deutschland eingeladen wird, dann ist für die Amerikaner sicher Gefahr im Verzug. Abgeordnete wie Herr Ströbele sind vermutlich auch schon auf der "black list". Wer sich werbewirksam mit Herrn Snowden trifft und andererseits Islamisten einläd, dürfte wohl auf den NSA-Folien schon in der Tabelle für "wanted" stehen.
5. Opfer oder Täter?
referee84 11.02.2014
Kennt man die Ideologie der Menschen, die getroffen wurden? Wenn es allerdings wirklich nur normale Menschen waren, die Ihr Leben ohne kranke Absichten führten, dann sollten sich die USA auch dafür verantworten.
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Die wichtigsten Drohnentypen
"MQ-1 Predator"
Die "MQ-1 Predator" war im Jahr 1995 die erste Drohne, die bei der US-Luftwaffe zum Einsatz kam.

Hersteller: General Atomics Aeronautical Systems
Stückpreis: rund 4.5 Millionen Dollar
Bewaffnung: zwei Luft-Boden-Raketen "AGM-114 Hellfire"
Maße: 8,23 m lang, 14,84 m Flügelspannweite
Reichweite: 3704 km
Flughöhe: max. 7620 m
Steuerung: Fernsteuerung durch einen Piloten
"MQ-9 Reaper"
Die "MQ-9 Reaper"(früher "Predator B") basiert technisch gesehen auf der "MQ-1 Predator". Sie ist aber für den Angriff optimiert, da sie die zehnfache Waffenlast im Vergleich zum Ursprungsmodell befördern kann. Eingesetzt wird sie von der US-Marine und Luftwaffe.

Hersteller: General Atomics Aeronautical Systems
Stückpreis: 10,5 Millionen Dollar
Bewaffnung: bis zu 1361 kg
(z.B. Raketen der Typen "AGM-114 Hellfire" und "AIM-9 Sidewinder" oder Bomben der Typen "GBU-12 Paveway II" und "GBU-38 DAM")
Maße: 10,97 m lang, 20,12 m Flügelspannweite
Reichweite: 5926 km
Flughöhe: max. 15.400 m
Steuerung: Fernsteuerung durch einen Piloten
"RQ-7 Shadow 200"
Die "RQ-7 Shadow 200" dient bei der US Army und dem US Marine Corps zur Aufklärung. Sie ist seit 2003 im Einsatz und kann keine Ziele angreifen.

Hersteller: AAI Corporation
Stückpreis: 275.000 Dollar
Bewaffnung: keine
Maße: 3,4 m lang, 3,9 m Flügelspannweite
Reichweite: 125 km
Flughöhe: max. 4600 m
Steuerung: autonom, mit GPS
"RQ-4 Global Hawk" / "Euro Hawk"
Die "RQ-7 Global Hawk" wird als Langstrecken-Aufklärungsdrohne eingesetzt. Sie existiert in zwei Versionen. Die spätere (RQ-4B) wurde auch von der Bundeswehr als "Euro Hawk" eingeführt, ausgestattet mit Sensoren der deutschen EADS. Die Drohne ist wesentlich größer als "Predator", "Reaper" und "Shadow" und mit einem Strahltriebwerk ausgestattet.

Hersteller: Northrop Grumman
Stückpreis: 35 Millionen Dollar
Bewaffnung: keine
Maße: 13,53 m lang, 35,42 m Flügelspannweite (RQ-4A) bzw. 14,50 m lang, 39,89 m Flügelspannweite (RQ-4B)
Reichweite: 25.000 km (RQ-4A) bzw. 22.780 km (RQ-4B)
Flughöhe: max. 19.800 m
Steuerung: autonom, mit GPS
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