Korruptionsskandal in Pakistan Verräterische Schriftzeichen

Pakistans Premier Sharif steht in der Kritik, weil seine Familie Steuern hinterzogen haben soll. Jetzt wird seine Tochter zum Gespött der Nation - sie versuchte, ihre Unschuld mit gefälschten Papieren zu beweisen.

Maryam Nawaz Sharif, Tochter des pakistanischen Regierungschefs
T. MUGHAL/ EPA/ REX/ Shutterstock

Maryam Nawaz Sharif, Tochter des pakistanischen Regierungschefs

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Die Veröffentlichung der Panama Papers im April 2016 durch ein internationales Journalistenteam hat in Pakistan ein politisches Erdbeben ausgelöst, das seit einem Jahr andauert. Die Familie von Premierminister Nawaz Sharif soll im großen Stil Steuern hinterzogen haben, indem sie unwahre Angaben über ihre Vermögensverhältnisse machte und Geld im Ausland parkte.

Konkret sollen drei seiner vier Kinder, die Söhne Hassan und Hussain sowie seine Tochter Maryam über vier Offshore-Firmen im Jahr 2006 Luxusimmobilien in London erworben haben. Von Anfang an stand der Verdacht im Raum, die Familie besitze Vermögen, das nicht durch ihre offiziell deklarierten Einkünfte erwirtschaftet worden sein könne.

Pakistanische Medien schreiben, durch die unvollständige Angabe seiner finanziellen Verhältnisse habe der Premierminister Steuern hinterzogen. "Wenn die Regierenden schon zögern, ihr Geld nach Pakistan zu bringen, warum sollten dann andere hier investieren?", fragt der Journalist Ansar Abbasi in der Zeitung "News".

Premierminister Nawaz Sharif
REUTERS

Premierminister Nawaz Sharif

Die Opposition spricht davon, Sharif habe die Reichtümer durch Korruption angehäuft. Imran Khan, Oppositionspolitiker und ehemaliger Cricket-Star, brachte die Angelegenheit vor den Obersten Gerichtshof in Islamabad. Es ist ein ernster Vorwurf, denn Pakistan ist ein armes Land, in dem sich nahezu alle Wohlhabenden davor drücken, Steuern zu zahlen.

Drei von fünf Richtern sahen im April zwar Unregelmäßigkeiten, bemängelten aber, die Beweislage für eine Amtsenthebung Sharifs sei "unzureichend". Man könne also nicht nachweisen, dass er gelogen oder falsche Angaben gemacht habe. Die anderen beiden Richter sahen das anders und waren für eine Entlassung des Premierministers. Als Kompromiss ordnete das Gericht an, dass ein unabhängiges Ermittlerteam den Vorwürfen weiter nachgehen sollte.

Dieses Team bestätigte Anfang der Woche in einem 275-seitigen Bericht den Verdacht, dass der Reichtum der Familie Sharif aus Einnahmen stamme, die sie nicht erklären könne. Daher seien Sharif und seine Kinder juristisch zur Rechenschaft zu ziehen. Außerdem habe Tochter Maryam dem Obersten Gerichtshof gefälschte Papiere als Beweise für die Unschuld der Familie vorgelegt.

"Ich bin eine Treuhänderin & NICHT die Besitzerin"

Ein Schriftstück, das angeblich aus dem Jahr 2006 stammt, führt die Tochter als "Treuhänderin", nicht als "Besitzerin" der Londoner Immobilien auf. Maryam Nawaz Sharif verbreitet das Papier per Twitter mit dem Kommentar: "Ich bin eine Treuhänderin & NICHT die Besitzerin. Beweis anbei. #DieWahrheit". Doch die Schrifttype, in der das Dokument verfasst ist, nämlich die zu Microsofts Betriebssystem Windows gehörende Calibri, wurde offiziell erst 2007 eingeführt. Das Papier könne daher nicht echt sein, fand ein Londoner Labor im Auftrag der pakistanischen Ermittler heraus.

Die Fälschung sorgt in Pakistan nun für Spott. "Leg dich nicht mit Calibri an", schreibt ein Twitter-Nutzer, ein anderer: "Mit Times New Roman wäre das nicht passiert!" Oder: "Wer hätte das gedacht? Was die Opposition nicht schafft, erledigt eine Schriftart!"

"Calibri-Gate" nennen die Gegner der Sharifs den Skandal. Sharifs Anhänger hingegen verweisen darauf, dass die Schriftart schon 2004 existierte. Tatsächlich gab es sie da schon, stand jedoch normalen Computernutzern nicht zur Verfügung. Dass jemand bereits 2006 die Betaversion kopiert und in einem offiziellen Dokument genutzt habe, sei "extrem unwahrscheinlich", sagte der Schöpfer dieser Schriftart, Lucas de Groot, der pakistanischen Zeitung "Dawn".

"Legal, unnötige Steuern mithilfe von Offshore-Firmen zu vermeiden"

Nawaz Sharif nennt die Vorwürfe gegen ihn eine "Verleumdung". Bislang konnte ihm persönlich keine Beteiligung an einer Offshore-Firma nachgewiesen werden, aber schon in den Neunzigerjahren, als er zweimal Premierminister war, wurde ihm Korruption vorgeworfen. Sein Sohn Hussain findet, seine Familie habe "nichts Falsches" getan. "Diese Wohnungen gehören uns, und die Offshore-Firmen gehören uns ebenfalls", sagt er. Es sei "gemäß britischen Gesetzen und den Gesetzen anderer Länder legal, unnötige Steuern mithilfe von Offshore-Firmen zu vermeiden".

Tochter Maryam Nawaz Sharif, der nachgesagt wird, sie wolle ihren Vater politisch beerben, postet im Internet seit Monaten Zeitungsartikel und Äußerungen von Fans, die ihrer Meinung nach als Beleg für die Unschuld der Sharifs dienen. Mal bezeichnet sie erdrückende Beweise als "Müll", dann wieder seien die Vorwürfe "fehlerhaft" oder "basieren auf Missverständnissen".

Die Sharifs beschäftigen hochbezahlte Anwälte und versuchen, Kritiker, Ermittler und Juristen zu diskreditieren. Nur eines ist ihnen bislang nicht gelungen: die Vorwürfe zu entkräften.



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Seite 1
degraa 16.07.2017
1.
[...] Mal bezeichnet sie erdrückende Beweise als "Müll", dann wieder seien die Vorwürfe "fehlerhaft" oder "basieren auf Missverständnissen". [...] Die Donaldisierung der Welt.
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