Bevölkerungswachstum in Pakistan Menschenskinder!

In kaum einem anderen Land wächst die Bevölkerung so rasant wie in Pakistan. Noch in diesem Jahrhundert könnte die Milliardengrenze überschritten werden. Jetzt warnt selbst der Oberste Gerichtshof.

AFP

Von , Islamabad


Waheed Ahmad ist vor zwölf Jahren mit seiner Frau und vier Kindern von Kaschmir nach Sheikhupura gezogen, eine Stadt mit etwa einer halben Million Einwohnern im Osten von Pakistan. In Kaschmir, erzählt der 38-Jährige, habe er in einem Dorf gelebt. "Da gab es kaum Arbeit, keinen Strom, kein fließend Wasser."

Dann kam das Erdbeben 2005, schätzungsweise 90.000 Menschen starben, mehr als drei Millionen verloren ihre Häuser. "Unser Dorf blieb wie durch ein Wunder stehen, aber wir wussten, dass wir hier keine Zukunft mehr hatten."

Wie die meisten Pakistaner hatte Ahmad schon lange mit dem Gedanken gespielt, in eine Stadt zu ziehen. Nach dem Beben hielt ihn nichts mehr. Freunde waren schon nach Sheikhupura gezogen und hatten ihm von den Möglichkeiten dort erzählt: Geschäfte, Restaurants, Handwerksbetriebe, kleine Fabriken - Tausende Jobmöglichkeiten.

"Wenn wir alt sind, werden unsere Kinder für uns sorgen"

Die Ahmads packten ihre Habseligkeiten und zogen in die Stadt. Ahmad fand eine Arbeit als Verkäufer in einem Schreibwarenladen. "Obwohl ich gar nicht lesen und schreiben kann", sagt er und lacht. Die Familie kann sich jetzt eine Mietwohnung leisten. Von der Wand bröckelt der Putz, aber es gibt immerhin drei Zimmer, Toilette und Dusche auf dem Flur.

Ahmad hat inzwischen neun Kinder: vier Söhne und fünf Töchter. Seine Frau ist wieder schwanger. "Nummer zehn soll das letzte sein", sagt er. Die zwei ältesten Söhne, 17 und 15 Jahre, sind schon berufstätig. Als Bauarbeiter tragen sie zum Familieneinkommen bei. "Wenn wir alt sind, werden unsere Kinder für uns sorgen", sagt er.

In einem Land wie Pakistan, das keine staatliche Renten- und Krankenversicherung kennt, ist die Familie das einzige soziale Netz. Kinder werden als Absicherung gegen Lebensrisiken gesehen. Am besten Söhne, da sie schon früh Geld verdienen können und, anders als Mädchen, mit ihren künftigen Familien bei den eigenen Eltern bleiben.

Wozu ein solches System führt, wird in Pakistan deutlich:

  • Bei der Staatsgründung 1947 hatte das Land 27 Millionen Einwohner.
  • 2017, bei der letzten Volkszählung, lebten bereits knapp 208 Millionen Menschen in Pakistan; die Zahlen der Weltbank weichen davon nur geringfügig ab. Damit hat die Bevölkerung sich im Schnitt alle 25 Jahre verdoppelt.
  • Pakistan ist heute das sechstbevölkerungsreichste Land der Welt, 2030 dürfte es auf Platz vier sein.
  • Wenn die Entwicklung anhält, überschreitet das Land noch in diesem Jahrhundert die Milliardengrenze.

Die Themen Verhütung und sexuelle Aufklärung sind im konservativen Pakistan heikel. Kaum ein Politiker wagt sich daran. Das Gesundheitsministerium in Islamabad räumt ein, es sei nicht in der Lage, "effektive Maßnahmen zu treffen".

"Wachsende Bevölkerung ist eine Belastung für die Ressourcen des Landes"

Mian Saqib Nisar, Richter am Obersten Gerichtshof, wagte im Januar ein mutiges Statement: "Die wachsende Bevölkerung ist eine Belastung für die Ressourcen des Landes. Es geht um die Zukunft der nächsten Generation. Es wäre bedauerlich, wenn das Bevölkerungswachstum nicht kontrolliert würde." Er empfahl Paaren, es bei zwei Kindern zu belassen.

Die meisten Geistlichen sehen es anders. Sie propagieren Kinderreichtum als religiöse Pflicht. "Jedes Kind vergrößert die Weltgemeinschaft der Muslime", sagt Mullah Nasir ul-Haq, der in einer Moschee am Stadtrand von Islamabad predigt. "Schaut euch den Westen an. Eure Bevölkerung schrumpft", sagt er.

Das sei die Strafe für die Erfindung der Antibabypille. "Solche Pillen befördern außereheliche Beziehungen, die keine Kinder vorbringen. Das ist in jeder Hinsicht schändlich!" Angesprochen auf Probleme wie Lebensmittelknappheit und Wohnraummangel, schüttelt ul-Haq den Kopf. "Gott schenkt uns Kinder. Also sorgt er auch dafür, dass alles Notwendige da ist."

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Rasantes Bevölkerungswachstum: Pakistan wächst und wächst und wächst

Pervez Hoodbhoy rollt mit den Augen, wenn er so etwas hört. "Purer Unsinn ist das!", schimpft er. "Das Bevölkerungswachstum ist Pakistans Feind Nummer eins", sagt der Physiker, der zuletzt mit Aufsätzen über dieses Thema auf sich aufmerksam gemacht hat. "Mehr Menschen bedeuten noch mehr Umweltverschmutzung, noch mehr Verkehr, noch mehr Armut, noch mehr Arbeitslose, noch mehr Koranschulen, noch mehr Extremismus."

Zwar gehe die Geburtenrate leicht zurück, aber das Land steuere dennoch auf eine Katastrophe zu, sagt Hoodbhoy. "Nur ein Wunder kann Pakistan davor retten." Auch in Pakistan seien die Politiker auf Wählerstimmen angewiesen - und die würden sie nicht bekommen, wenn sie den Leuten sagten, sie sollten weniger Kinder bekommen. Das "Wunder", ist Hoodbhoy überzeugt, könne nur in sexueller Aufklärung liegen. Verhütung dürfe kein Tabuthema mehr sein, sondern müsse in Medien und Schulen behandelt werden.

Weit mehr als die Hälfte aller Pakistaner nicht im arbeitsfähigen Alter

Rubina Ali sieht in der Bevölkerungsstruktur aber auch Chancen. "Derzeit sind etwa 65 Prozent aller Pakistanerinnen und Pakistaner noch nicht oder nicht mehr im arbeitsfähigen Alter und damit abhängig vom Einkommen anderer", sagt sie. "Aber der Anteil der Alten ist sehr viel geringer als der der Jungen. In Zukunft wird es also sehr viel mehr arbeitsfähige Menschen geben als nichtarbeitsfähige."

Ali, die Rutgers Pakistan leitete, die pakistanische Filiale einer niederländischen Organisation, die sich um sexuelle Aufklärung kümmert, spricht von einer "möglicherweise großen demografischen Dividende": Voraussetzung sei, "dass die politisch Verantwortlichen klug handeln, damit die jungen Menschen auch für den Arbeitsmarkt taugen. Kümmern die Politiker sich nicht, tappen wir in die demografische Falle." Ein Heer von frustrierten jungen Arbeitslosen würde dann das Land destabilisieren.

Ali ist überzeugt, dass nicht die Knappheit von Gütern das Problem sei, sondern die Verteilungsungerechtigkeit. "Pakistan ist ein reiches Land, aber der Reichtum konzentriert sich auf einige wenige, während andere hungern", sagt sie. Würde man die Ressourcen sinnvoller einsetzen, könnte man in Bildung und in ein besseres Gesundheitssystem investieren.

"Wer leistet sich Kondome, wenn nicht einmal genügend Geld für Essen da ist?"

"Die größte Herausforderung ist, dass Verhütungsmittel kaum verfügbar sind. Und wenn, sind sie zu teuer." Die Hälfte der Bevölkerung lebe unterhalb der Armutsgrenze. "Wer leistet sich Kondome, wenn nicht einmal genügend Geld für Essen oder Kleidung da ist?" Ein weiteres Problem seien fehlende Kenntnisse, zum Beispiel, dass man die Pille regelmäßig nehmen müsse.

Aufklärungsarbeit in Pakistan ist jedoch von politischer Seite nicht gewollt. Im Dezember 2018 musste Rutgers seine Arbeit in Pakistan einstellen, die Regierung entzog der Organisation die Genehmigung. Sobald es um Geburtenkontrolle geht, kann es in Pakistan außerdem lebensgefährlich werden.

Geistliche verbreiteten etwa, dass die Schluckimpfung gegen Polio in Wahrheit ein westliches Programm sei, um Muslime zu sterilisieren. Die Impfhelfer seien Spione, die im Auftrag des Westens verhindern wollten, dass die islamische Gemeinschaft wachse. In den vergangenen zehn Jahren sind deshalb mehr als hundert Impfhelfer in Pakistan ermordet worden.

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