Pakistan "Die Taliban verbreiten Angst und Schrecken in Peshawar"

Die Taliban rücken vor - die Staatsmacht zieht sich zurück: So beschreibt der Journalist Ismail Khan die beängstigende Lage im nordwest-pakistanischen Peshawar. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE zieht der Lokal-Chef der Zeitung "Dawn" eine vernichtende Bilanz der Regierungspolitik.


SPIEGEL ONLINE: Steht Peshawar kurz vor der Eroberung durch die Taliban?

Anschlagsopfer in Peshawar: Der pakistanische Staat kapituliert vor den Taliban
AP

Anschlagsopfer in Peshawar: Der pakistanische Staat kapituliert vor den Taliban

Ismail Khan: Nein. Und ich sehe auch nicht die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Stadt überhaupt angreifen werden. Dafür ist die Militärpräsenz in Peshawar zu groß, auch die der Polizei und paramilitärischer Truppen - und die Taliban sind wiederum zu schlecht organisiert. Dennoch verbreiten die Taliban Angst und Schrecken in und rund um die Hauptstadt der nordwestlichen Provinz.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Khan: Weil sie immer mehr in die Stadt einsickern. Es gab in den vergangenen Wochen zahlreiche Anschläge, beispielsweise mit Autobomben, Entführungen, andere Gewalttaten. Zuletzt ist eine Gruppe von Christen gekidnappt worden. Der Staat scheint dagegen machtlos - es ist wie ein schleichendes Gift.

SPIEGEL ONLINE: Peshawar ist eine Drei-Millionen-Metropole - wie konnte es so weit kommen?

Khan: Die Stadt ist zu drei Seiten von Stammes-Gegenden umgeben, das ist eine Erklärung des Problems. Zu Beginn haben sich die Taliban nur in die Außenbezirke Peshawars getraut, aber jetzt rücken sie immer näher. Teilweise hat die Polizei ihre nächtlichen Kontrollen aus Angst vor ihnen aufgegeben. Von staatlichem Gewaltmonopol kann hier keine Rede mehr sein.

SPIEGEL ONLINE: Warum reagiert die Regierung nicht?

Khan: Die Hauptverantwortung trägt in meinen Augen Präsident Pervez Musharraf. Er ist laut Verfassung für die pakistanischen Stammesgebiete verantwortlich - aber er interessiert sich nicht mehr dafür, auch nicht für Peshawar. Er hätte schon längst die Initiative ergreifen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin hat er seinen Premierminister und weitere Regierungsvertreter jetzt nach Peshawar geschickt, zu einem Treffen mit der Armee- und Polizeiführung...

Khan: ...aber solche Treffen hat es in der Vergangenheit mehrfach gegeben. Natürlich hoffe ich, dass diesmal wirklich Konsequenzen gezogen werden. Ich gehe tatsächlich davon aus, dass es in den kommenden Tagen zu militärischen Aktionen gegen die Taliban in den Stammesgebieten kommen wird. Es ist höchste Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Zuletzt hatte die Regierung eine eher weiche Linie gegen die Stammesführer verfolgt - ist diese Strategie damit gescheitert?

Khan: Es ist grundsätzlich richtig, dass unsere Regierung friedliche Mittel verfolgt und auf die Stammesführer zugeht. Niemand - außer den Taliban - kann daran interessiert sein, dass man sich innerhalb Pakistans bekämpft. Aber im Moment hilft uns das hier in Peshawar nicht weiter.

Das Gespräch führte Florian Gathmann



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