Taktische Nuklearwaffen Pakistans Traum von der Mini-Atombombe

Pakistan will einen Angriff Indiens notfalls mit kleinen Atomwaffen stoppen. Die Strategie stammt aus dem Kalten Krieg - und hätte im Ernstfall Deutschland verwüstet. Pakistan würde es wohl nicht anders ergehen.

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Pakistanische "Nasr"-Kurzstreckenrakete: Nukleare Drohung gegen Indien
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Pakistanische "Nasr"-Kurzstreckenrakete: Nukleare Drohung gegen Indien


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Es wirkte beinahe wie das Treffen zweier alter Freunde. Der eine war gerade in der Gegend und fragte, ob er spontan vorbeischauen soll. Der andere schien begeistert und lud prompt zum Tee ein. Zur Begrüßung umarmten sie sich, anschließend liefen sie Händchen haltend nebeneinander her.

Bei den beiden älteren Herren handelte es sich um niemand anderes als Indiens Premier Narendra Modi und Pakistans Ministerpräsidenten Nawaz Sharif. Die beiden werden sonst mindestens als Rivalen, wenn nicht gar als Erzfeinde bezeichnet. Entsprechend groß war die Überraschung in Indien, Pakistan und im Ausland.

Doch so spontan, wie es offiziell hieß, war das Treffen am ersten Weihnachtstag wohl nicht. Schon einen Tag später hieß es, Pakistans Militär habe die Ouvertüre vorbereitet. Es wäre ein dringend benötigtes Signal der Entspannung zwischen den beiden Nuklearmächten, denn zuletzt schien sogar der Einsatz von Atomwaffen nicht mehr ausgeschlossen. Pakistan habe nahe der Grenze zu Indien eine "Infrastruktur" aufgebaut, um einen indischen Angriff "mit Atomwaffen geringer Sprengkraft" zu stoppen, sagte Pakistans Außenminister Aizaz Ahmad Chaudhry Ende Oktober.

Pakistans Atomarsenal: Das explosive Risiko

Pakistans Atomarsenal bereitet westlichen Sicherheitsexperten schon seit Jahren Sorge: Es umfasst derzeit 120 bis 130 Sprengköpfe, wächst so schnell wie kein anderes auf der Welt und es gilt als eines der unsichersten. Zu den größten Risiken zählen laut dem vielbeachteten "Nuclear Materials Security Index" Radikale innerhalb des Militärs, korrupte Beamte sowie an Atommaterial interessierte islamistische Terrorgruppen. Hinzu kommen teils haarsträubende Zustände ausgerechnet beim Transport von Nuklearmaterial.

Zwar hat Pakistan mit finanzieller Hilfe aus den USA seine strategischen Atomwaffen inzwischen besser vor Missbrauch geschützt, wie US-Beamte vor dem Kongress in Washington zuletzt zu Protokoll gaben. Doch die kleinen taktischen Nuklearwaffen seien leichter zu stehlen und auch leichter von Unbefugten zu benutzen. "Es reicht ein Kommandeur mit radikalen Sympathien, und man hat ein großes Problem", sagte ein ehemaliger US-Beamter der "New York Times".

Seit 2011 entwickelt Pakistan die "Nasr"-Rakete, eine Mini-Atomwaffe mit einem Durchmesser von nur 30 Zentimetern, einer Reichweite von 60 Kilometern und einer Sprengkraft von 0,5 bis 1,5 Kilotonnen TNT - also höchstens einem Zehntel der Hiroshima-Bombe. Seit November 2013 soll die "Nasr" einsatzbereit sein.

Indiens neue Doktrin der schnellen Vergeltung

Die Entwicklung nahm ihren Lauf, als islamistische Terroristen im Dezember 2001 das indische Parlament angriffen und neun Menschen töteten. Die Regierung in Neu-Delhi beschuldigte Pakistan, hinter der Attacke zu stecken, und ordnete eine umfassende Mobilisierung des Militärs an. Am Ende verzichtete Indien auf einen Vergeltungsschlag.

In der Folge strukturierte Indien seine Streitkräfte so um, dass sie schneller zuschlagen und pakistanisches Gebiet erobern können - bevor die internationale Gemeinschaft reagieren kann, und ohne dass Pakistan mit seiner nuklearen Keule zurückschlägt. Diese sogenannte "Cold Start"-Doktrin betrachtet wiederum Pakistan als Bedrohung.

Man habe Indiens "offensive Doktrin" nicht ignorieren können, sagte der pakistanische General Khalid Kidwai im März 2015 auf einer Konferenz in Washington. Um Indien von der Umsetzung der "Cold Start"-Doktrin abzuschrecken, habe Pakistan "verschiedene Kurzstrecken-Atomwaffen mit geringer Sprengkraft entwickelt". Sie hätten "den Weg zu ernsthaften Militäroperationen beider Seiten versperrt", erklärte Kidwai, der von 2000 bis 2014 für Pakistans Atomwaffenprogramm verantwortlich war.

Wie im Kalten Krieg in Europa

Es ist das gleiche Argument, das schon im Kalten Krieg zur Stationierung von taktischen Atomwaffen in Westeuropa und Deutschland führte: Sie sollten die Sowjetunion vor einem Angriff mit ihren überlegenen konventionellen Truppen abhalten. Allerdings gilt es schon lange als gesicherte Erkenntnis, dass die Sowjets kaum gestoppt, dafür aber das angegriffene Gebiet - in diesem Fall Deutschland - verwüstet worden wäre.

Das gleiche droht nun auch Pakistan, wie der Militärexperte Jaganath Sankaran von der University of Maryland vorrechnete. Demnach müsste Pakistan Atombomben mit einer Sprengkraft von 30 Kilotonnen einsetzen, um zumindest die Hälfte einer gepanzerten indischen Einheit zu zerstören. Doch danach wären auch Zehntausende oder gar Hunderttausende Zivilisten tot. Anders ausgedrückt: Pakistan müsste sich selbst in die Luft jagen, um Indien abzuschrecken.

Das führt die Abschreckung ad absurdum, wie die US-Politikprofessorin Christine Fair kürzlich auf der indischen Nachrichtenseite "Quartz" bemerkte: "Welcher indische Militärplaner nähme die pakistanische Drohung ernst, Atomwaffen auf eigenem Gebiet einzusetzen, wenn die Verluste so hoch wären?"

Der US-Politikwissenschaftler Jeffrey McCausland empfiehlt Pakistans Regierung einen Blick in die Geschichtsbücher. Wenn der Kalte Krieg eines gelehrt habe, dann dass "taktische Atomwaffen ein logistischer Alptraum für pakistanische Militärplaner und Frontsoldaten sein werden", schreibt Causland in einem Essay.

Diese Probleme würden mit der Zahl der taktischen Atomwaffen exponentiell zunehmen und deren Abschreckungswert schnell zunichtemachen. "Doch die pakistanische Militärführung", meint McCausland, "scheint geneigt, viele der Fehler zu wiederholen, die US- und Sowjet-Streitkräfte im Kalten Krieg begangen haben."


Zusammengefasst: Pakistan will taktische Atomwaffen an der Grenze zu Indien stationieren, um die überlegenen indischen Streitkräfte von einem Angriff abzuschrecken. Mit der "Nasr"-Kurzstreckenrakete hat Pakistan ein Waffensystem eigens zu diesem Zweck entwickelt. Doch Experten warnen, dass die pakistanische Regierung die Verwüstung des eigenen Landes riskiert.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Markus Becker ist Korrespondent in der Redaktionsvertretung Brüssel.

E-Mail: Markus_Becker@spiegel.de

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Seite 1
Msc 29.12.2015
1.
Zwischen amerikanischen und sowjetischen Streitkräften kam es zu keinem bewaffnetem Konflikt in Europa. Ich sehe da den Fehler nicht.
Layer_8 29.12.2015
2. hmm
Mir scheint immer wieder, dass Pakistan sich maßlos selbst überschätzt. Indien hat schon lange kein Interesse mehr an "nachhaltiger" Eroberung pakistanischer Gebiete. Indiens Hauptaugenmerk gilt dem asiatischen Hauptkonkurrenten China und betrachtet Pakistan eher als lästigen Wadenbeißer. Wogegen Pakistan einen äußeren Feind, Indien, braucht um von seinen immens problematischen inneren Angelegenheiten abzulenken.
jotha58 29.12.2015
3. wäre das ganze Geld
nicht viel besser bei der Entwicklung der Bevölkerung aufgehoben? Bildung für alle, auch für Mädchen und Frauen. Sauberes Wasser und eine lebenswerte Zukunft.
thequickeningishappening 29.12.2015
4. Wenn man sich
strategisch nicht mehr austauschen kann, dann halt taktisch. Frohes Neujahr!
LJA 29.12.2015
5. Wer den
Einsatz taktischer Atomwaffen durch die pakistanische Armee auf eigenem Gebiet bezweifelt, übersieht einen wichtigen Faktor: Pakistan erstickt an Menschen. Das Bevölkerungswachstum in dem relativ kleinem Land ist eines der höchsten auf der Welt. Man muß daher befürchten, daß selbst der Verlust von ein paar Millionen Einwohnern in der Logik der Militärs als akzeptabel gilt. Immerhin gibt es genug Ersatz.
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