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Getöteter Taliban-Chef Mehsud: Der Feind ist tot, die Gefahr lebt

Von , Istanbul

Eine US-Drohne hat den pakistanischen Taliban-Chef Hakimullah Mehsud getötet. Der Mann war verantwortlich für den Tod vieler US-Soldaten in Afghanistan, aber auch für Anschläge in Pakistan. Trotzdem ist die Regierung in Islamabad nach seinem Ende nun in Sorge.

Ausgerechnet heute hätte eine dreiköpfige Delegation der pakistanischen Regierung Gespräche über einen möglichen Frieden mit den Taliban beginnen sollen. "Jetzt können wir das knicken", sagt ein übel gelaunter Beamter im Innenministerium in Islamabad. Die Stimmung ist schlecht, erstaunlich schlecht, dafür, dass einer der gefährlichsten Terroristen des Landes, der pakistanische Taliban-Chef Hakimullah Mehsud, am Freitag von einer US-Drohne getötet wurde. "Dieser Angriff ist der Versuch, Pakistans Friedensverhandlungen mit den Taliban zu sabotieren", schimpft Innenminister Chaudhry Nisar vor laufenden Fernsehkameras.

Vier Raketen feuerte die Drohne am Freitagabend in Nord-Waziristan ab, über dem Dorf Dandi Darpakhel. Bis zur nächsten Stadt, Miranshah, sind es nur ein paar Kilometer. Die Region in den pakistanischen Stammesgebieten nahe der Grenze zu Afghanistan gilt als Hochburg der pakistanischen Taliban. Nach Angaben eines pakistanischen Geheimdienstmannes trafen zwei Raketen ein Haus, zwei weitere ein Auto, in dem der Taliban-Chef gerade mit mehreren Männern unterwegs war.

Hakimullah Mehsud, lange Haare, pockennarbige Haut, zuletzt etwas pummelig, schätzungsweise erst Anfang dreißig, galt als einer der gefährlichsten Terroristen der Welt. Er soll Hunderte von Anschlägen in Pakistan angeordnet haben, gegen Soldaten, Polizisten, oft auch einfach gegen die Bevölkerung, weil seiner Ansicht nach Pakistan als Partner der USA im Krieg gegen die Taliban mitschuldig sei. Mehr als zuvor ließen die Taliban unter seiner Herrschaft Sicherheitskräfte entführen, hinrichten und die Exekutionsvideos verbreiten.

Kopfgeld von fünf Millionen Dollar

Mehsud soll auch verantwortlich gewesen sein für einen Selbstmordanschlag auf eine CIA-Station in Afghanistan, für den gescheiterten Autobombenanschlag auf dem New Yorker Times Square und für viele Angriffe auf Nato-Soldaten in Afghanistan. Deshalb stand er weit oben auf der Fahndungsliste der USA, die ein Kopfgeld in Höhe von fünf Millionen Dollar auf ihn ausgesetzt hatten.

Mehsud war nach einem internen Machtkampf im Sommer 2009 an die Spitze des losen Bündnisses der pakistanischen Taliban, der Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP), gerückt, nachdem sein Vorgänger und Mentor, Baitullah Mehsud, ebenfalls von einer US-Drohne getötet worden war. Hakimullah Mehsud war bekannt für seine aufbrausende, brutale Art. Er galt als emotional, aber auch als charismatisch.

Mehrmals entkam er knapp Drohnenangriffen, einmal soll er lebensgefährlich verletzt worden sein. Meldungen, er sei tot, erwiesen sich jedoch immer als falsch. Diesmal bestätigten Geheimdienst- und Militärangehörige sowie Mitglieder der TTP unabhängig voneinander, Mehsud sei tot. Auch US-Geheimdienstquellen erklärten, sie hätten die Bestätigung, Mehsud sei tot. Am Samstag berichtete die Zeitung "Express Tribune" mit Verweis auf namentlich nicht genannte Quellen, Mehsud sei bereits in der Nacht auf Samstag beerdigt worden. Ursprünglich war seine Bestattung für heute Nachmittag angesetzt.

Für die USA ist die Nachricht von Mehsuds Tod eine Bestätigung für den Erfolg ihres Drohnenkriegs im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet. In den vergangenen Monaten hatten Menschenrechtsorganisationen aus den USA, Europa und aus Pakistan Washington heftig kritisiert. Sie warfen der Regierung von US-Präsident Barack Obama vor, einen völkerrechtswidrigen Krieg zu führen und unverhältnismäßig viele zivile Opfer in Kauf zu nehmen.

Die Amerikaner erledigen die Schmutzarbeit

Belastbare Zahlen darüber, wie viele Menschen durch Drohnen getötet werden und wer davon zu den Extremisten zählt, gibt es nicht. Die Angaben in Studien weichen stark voneinander ab. Die betroffenen Gebiete sind für unabhängige Beobachter nicht zu bereisen, da sie als zu gefährlich gelten. Der pakistanische Staat hat kaum Kontrolle über diese Stammesgebiete, für eine Reise dorthin benötigt man eine Sondergenehmigung, die die Behörden nur selten erteilen.

Offiziell kritisiert die pakistanische Regierung die Drohnenangriffe. Noch am Freitagabend, als sich schon herumsprach, dass Mehsud, Pakistans Feind Nummer eins, getroffen worden war, verbreitete sie eine Mitteilung, in der sie den Angriff verurteile. "Diese Angriffe sind eine Verletzung von Pakistans Souveränität und territorialer Integrität", heißt es darin. Daher müssten die Luftschläge aufhören.

Insgeheim toleriert die Regierung die Angriffe aber, denn immerhin erledigen die USA die Schmutzarbeit. Pakistan wird die Terroristen los, die für die Anschläge im Land verantwortlich sind, ohne sie selbst bekämpfen zu müssen.

In den vergangenen Monaten jedoch hat sich anscheinend tatsächlich der Wunsch in der politischen Führung durchgesetzt, die Drohnenangriffe mögen aufhören. Premierminister Nawaz Sharif trug diesen Wunsch persönlich in Washington vor, als er kürzlich Obama besuchte.

Es droht ein blutiger November

Denn Pakistan plant für die Zeit nach 2014, da die Nato nicht mehr in Afghanistan ist und in dem Nachbarland vermutlich ein Machtkampf ausbricht und Chaos bringt. Mit Hilfe der Taliban erhofft man sich ein Ende des Terrors in der Region. Dem liegt die Überzeugung zugrunde, dass man die Extremisten einbinden müsse, da man sie weder in Afghanistan noch in Pakistan habe besiegen können.

Pakistan will einen Stopp des Drohnenkriegs und Friedensgespräche mit den Taliban, obwohl diese die Einführung eines Islams nach ihrer eigenen, extremistischen Auslegung im ganzen Land fordern. Ein ähnliches Vorhaben war 2009 im nordpakistanischen Swat-Tal gescheitert, weil die Taliban dort immer neue Forderungen stellten - am Ende musste das Militär sie vertreiben.

Noch vor drei Tagen hatte Mehsud selbst in einem Interview einen Stopp der Drohnenangriffe gefordert und signalisiert, die Taliban seien bereit zu Gesprächen mit der Regierung. Ob sein Nachfolger Khan Said Sajna, den eine Versammlung von 60 Taliban-Kommandeuren noch am Samstag bestimmte, diesen Kurs fortsetzen wird, ist ungewiss. 17 Teilnehmer sollen gegen ihn gestimmt haben, melden pakistanische Zeitungen. Er war zuvor Chef der Taliban in der Region Süd-Waziristan.

Den Angriff auf Mehsud jedenfalls sehen jetzt viele wie Innenminister Nisar: als Versuch der Amerikaner, die Verhandlungen zu sabotieren. Jetzt befürchten die Menschen in Pakistan, dass die Taliban sich rächen werden für den Tod ihres Chefs. Im Innenministerium und bei der Armee heißt es, man rechne mit einem blutigen November.

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1. legitim
tinosaurus 02.11.2013
Die Drohnen-Angriffe betrachte ich als völlig legitim und scheinbar auch effektiv. Die Pakistaner haben diese Region überhaupt nicht unter Kontrolle. Und wie sollen die Amerikaner auch kämpfen gegen einen Gegner, der gerne aus dem Hinterhalt agiert oder mit Selbstmordattentaten, wobei auch Zivilisten mit in den Tod gerissen werden. Diese Meldung dürfte auch unter den einflussreichen Terroristen nicht gut ankommen. So müssen sie ständig damit rechnen, wie vom Blitz getroffen zu werden.
2. optional
gunpot 02.11.2013
Die instabile Lage in Pakistan ist bedauerlich, doch sollte der Innenminister dieses Landes nun nicht schmollen; denn die Drohne hat nur einen menschenverachtenden zu keinem Kompromiss fähigen Mann ausser Gefecht gesetzt. Diejenigen, die jetzt in Pakistan meinen, mit den Taliban verhandeln zu müssen, haben nicht aus der Geschichte gelernt.
3. Einer weniger. Das ist gut. So soll es sein!
denkdochmal 02.11.2013
Zitat von sysopREUTERSEine US-Drohne hat den pakistanischen Taliban-Chef Hakimullah Mehsud getötet. Der Mann war verantwortlich für den Tod vieler US-Soldaten in Afghanistan, aber auch für Anschläge in Pakistan. Trotzdem ist die Regierung in Islamabad über dessen Ende nicht unbedingt glücklich. http://www.spiegel.de/politik/ausland/pakistan-in-sorge-nach-drohnen-tod-von-taliban-chef-hakimullah-mehsud-a-931379.html
Sie haben der westlichen Welt, insbesondere den USA den Dschihd erklärt. Den Krieg. Er findet nicht nur in Afghanistan statt, ebenso in Pakistan, in Indien, in Thailand, auf den Phillienen Wir wollen Frieden, aber wenn sie Krieg wollen - leider - werden sie folgerichtig die Folgen zu tragen haben. Ich möchte, daß wir Menschen friedlich und frei zusammen leben. Daß wir freundlich miteinander umgehen. Daß niemand den Mitmenschen seinen Willen aufzwingt. Darum kann ich weder eine Ideologie noch eine Religion akzeptieren, die dem entgegen steht.
4. p
LDaniel 02.11.2013
Good shot. Mit diesen Leuten wird es nie Frieden geben. Man hätte gleich in Teilen Pakistans 2001 mit einmarschieren müssen. Dann wäre das Problem auch lösbar gewesen. Und über was regt sich Pakistan auf? Souveränität? Hätte die Regierung da die Kontrolle bräuchte es keine Angriffe. Das Gebiet ist Wildnis unter Taliban-Kontrolle
5. Einer weniger. Das ist gut, so soll es sein!
denkdochmal 02.11.2013
Zitat von sysopREUTERSEine US-Drohne hat den pakistanischen Taliban-Chef Hakimullah Mehsud getötet. Der Mann war verantwortlich für den Tod vieler US-Soldaten in Afghanistan, aber auch für Anschläge in Pakistan. Trotzdem ist die Regierung in Islamabad über dessen Ende nicht unbedingt glücklich. http://www.spiegel.de/politik/ausland/pakistan-in-sorge-nach-drohnen-tod-von-taliban-chef-hakimullah-mehsud-a-931379.html
Sie haben der westlichen Welt, insbesondere den USA den Dschihd erklärt. Den Krieg. Er findet nicht nur in Afghanistan statt, ebenso in Pakistan, in Indien, in Thailand, auf den Philippinen Wir wollen Frieden, aber wenn sie Krieg wollen - leider - werden sie folgerichtig die Folgen zu tragen haben. Ich möchte, daß wir Menschen friedlich und frei zusammen leben. Daß wir freundlich miteinander umgehen. Daß niemand den Mitmenschen seinen Willen aufzwingt. Darum kann ich weder eine Ideologie noch eine Religion akzeptieren, die dem entgegen steht.
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Die wichtigsten Drohnentypen
"MQ-1 Predator"
Die "MQ-1 Predator" war im Jahr 1995 die erste Drohne, die bei der US-Luftwaffe zum Einsatz kam.

Hersteller: General Atomics Aeronautical Systems
Stückpreis: rund 4.5 Millionen Dollar
Bewaffnung: zwei Luft-Boden-Raketen "AGM-114 Hellfire"
Maße: 8,23 m lang, 14,84 m Flügelspannweite
Reichweite: 3704 km
Flughöhe: max. 7620 m
Steuerung: Fernsteuerung durch einen Piloten
"MQ-9 Reaper"
Die "MQ-9 Reaper"(früher "Predator B") basiert technisch gesehen auf der "MQ-1 Predator". Sie ist aber für den Angriff optimiert, da sie die zehnfache Waffenlast im Vergleich zum Ursprungsmodell befördern kann. Eingesetzt wird sie von der US-Marine und Luftwaffe.

Hersteller: General Atomics Aeronautical Systems
Stückpreis: 10,5 Millionen Dollar
Bewaffnung: bis zu 1361 kg
(z.B. Raketen der Typen "AGM-114 Hellfire" und "AIM-9 Sidewinder" oder Bomben der Typen "GBU-12 Paveway II" und "GBU-38 DAM")
Maße: 10,97 m lang, 20,12 m Flügelspannweite
Reichweite: 5926 km
Flughöhe: max. 15.400 m
Steuerung: Fernsteuerung durch einen Piloten
"RQ-7 Shadow 200"
Die "RQ-7 Shadow 200" dient bei der US Army und dem US Marine Corps zur Aufklärung. Sie ist seit 2003 im Einsatz und kann keine Ziele angreifen.

Hersteller: AAI Corporation
Stückpreis: 275.000 Dollar
Bewaffnung: keine
Maße: 3,4 m lang, 3,9 m Flügelspannweite
Reichweite: 125 km
Flughöhe: max. 4600 m
Steuerung: autonom, mit GPS
"RQ-4 Global Hawk" / "Euro Hawk"
Die "RQ-7 Global Hawk" wird als Langstrecken-Aufklärungsdrohne eingesetzt. Sie existiert in zwei Versionen. Die spätere (RQ-4B) wurde auch von der Bundeswehr als "Euro Hawk" eingeführt, ausgestattet mit Sensoren der deutschen EADS. Die Drohne ist wesentlich größer als "Predator", "Reaper" und "Shadow" und mit einem Strahltriebwerk ausgestattet.

Hersteller: Northrop Grumman
Stückpreis: 35 Millionen Dollar
Bewaffnung: keine
Maße: 13,53 m lang, 35,42 m Flügelspannweite (RQ-4A) bzw. 14,50 m lang, 39,89 m Flügelspannweite (RQ-4B)
Reichweite: 25.000 km (RQ-4A) bzw. 22.780 km (RQ-4B)
Flughöhe: max. 19.800 m
Steuerung: autonom, mit GPS

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