Pakistans Botschafter über den neuen Premier "Die größte Herausforderung sind die vielen Erwartungen"

Machtwechsel in Islamabad: Imran Khan ist neuer Premierminister. Im Interview erklärt Jauhar Saleem, Pakistans Botschafter in Deutschland, warum der ehemalige Cricket-Star als Hoffnungsträger gefeiert wird.

Imran Khan
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SPIEGEL ONLINE: Imran Khan wird schon jetzt als Heilsbringer für alle erdenklichen Probleme gefeiert - was kann er überhaupt einlösen?

Jauhar Saleem: Die größte Herausforderung sind die vielen Erwartungen. Khan hat ein "neues Pakistan" versprochen, in dem es nicht mehr zwei Klassen gibt, in dem die Armen und die Reichen nicht mehr unterschiedlich behandelt werden. Es gibt durchaus Gründe zu glauben, dass ihm einiges gelingen kann. In der Khyber-Pakhtunkhwa-Provinz im Nordwesten war seine Partei schon 2013 gewählt worden. Dort hat sich die Anzahl der Stimmen fast verdoppelt, Gründe dafür sind die verbesserte Sicherheit, bessere Schulen und eine bessere Gesundheitsversorgung. Alle hoffen, dass die Korruption ausgerottet wird, Landdiebstahl und Schutzgelderpressung endlich geahndet werden und Vertragsgesetze sicher sind. Viele Pakistaner in der Diaspora würden gerne in ihrer Heimat investieren, wenn diese Rechtssicherheiten künftig Praxis wären.

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Imran Khan: Erst Cricket-Star, jetzt Premier

SPIEGEL ONLINE: Warum hat Khan so großen Erfolg?

Saleem: Die Massen denken, dass sich die Reichen und Mächtigen in Pakistan bisher alles erlauben können und dass sie nie zur Verantwortung gezogen werden. Sie wollen sehen, dass die Täter für ihre schlechten Taten in die Pflicht genommen werden. Sie wollen bessere Krankenhäuser, bessere Schulen, eine bessere Regierung. Es brauchte ein neues Rollenmodell, als immer die gleichen Gesichter. Khan hat sich ihnen als glaubwürdige Alternative angeboten.

Botschafter Jauhar Saleem
DER SPIEGEL

Botschafter Jauhar Saleem

SPIEGEL ONLINE: Warum wurde ausgerechnet Nawaz Sharif verurteilt? Korruption im großen Stil hat es immer gegeben in Pakistan.

Saleem: Den Stein haben die deutschen Medien ins Rollen gebracht mit der Veröffentlichung der Panama Papers. Die Erkenntnisse schafften ein neues Bewusstsein und dies führte zu einer tiefgründigen juristischen Untersuchung. Hunderte Zeugen wurden gehört, nach eineinhalb Jahren war klar, dass der damalige Premierminister und einige seiner Angehörigen in Korruption verwickelt waren. Es gab ausreichend Beweise, und dieser Prozess auf höchster Ebene ist eine Erfolgsgeschichte der pakistanischen Gerichtsbarkeit.

SPIEGEL ONLINE: War Premierminister Sharif dem Militär nicht vielleicht einfach im Weg, und ist Khan nicht gleichzeitig der Lieblingskandidat der Armee?

Saleem: Das ist eine falsche Betrachtung. Die Dinge sind natürlich komplex, aber die Gerichtsbarkeit hat wirklich unabhängig entschieden. Und die behauptete Einflussnahme des Militärs in der Wahlkampfphase war zumindest kein Faktor, der das Ergebnis verändert hat.

SPIEGEL ONLINE: Khans Partei hat zwar die meisten Stimmen errungen, aber um eine Regierung zu bilden, benötigt er Unterstützung, etwa durch die berüchtigte MQM und die Muslim-League-Q.

Saleem: So ist das, wenn man Mehrheiten herstellen muss. Es sind aber nur wenige Sitze, die der Premierminister hier benötigt für erfolgreiche Abstimmungen, die anderen können seine Politik also nicht allzu sehr beeinflussen.

SPIEGEL ONLINE: Khan kündigte an, die Residenz des Premierministers sei ihm zu protzig. Von wo aus wird der neue Premierminister regieren?

Saleem: Herr Khan wollte gerne in seinem eigenen Haus wohnen bleiben, aber die Sicherheitsdienste raten ihm ab, es sei zu weit entfernt von Islamabad und von Wald umwachsen, es sei zu riskant. Er könnte in ein kleineres Haus nahe des offiziellen Premierminister-Sitzes ziehen. Übrigens will er die pompösen Gouverneurs-Häuser in den Provinz-Hauptstädten überhaupt umwidmen zu Universitäten und Hotels.



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