Pakistan Islamisches Gremium hebt Verschleierungspflicht auf

In weiten Teilen Pakistans verhüllen sich Frauen komplett. Nun hat das höchste religiöse Gremium des Landes sie von dieser Pflicht befreit. Es sprach sich sogar für mehr Rechte für Transsexuelle aus.

Paschtuninnen in Peschawar: Komplettverschleierung offiziell kein Muss mehr
REUTERS

Paschtuninnen in Peschawar: Komplettverschleierung offiziell kein Muss mehr


Es war ein überraschendes Statement des Rats für islamische Ideologie in Pakistan: Im islamischen Recht, der Scharia, gebe es keine Verpflichtung für Frauen, ihr Gesicht, ihre Hände und ihre Füße zu bedecken. Also, beschied das höchste religiöse Gremium des Landes, sei eine komplette Verhüllung kein Muss. Frauen dürften also auf eine Burka oder einen Nikab verzichten, es genüge, wenn sie ihr Haar mit einem Tuch bedeckten.

Die Entscheidung wurde wohl auf Druck des pakistanischen Innenministeriums gefällt. Behörden würden sich darüber beklagen, dass Frauen aus konservativeren Teilen des Landes immer häufiger Passfotos verweigerten. Sie würden das mit dem Gebot, ihr Gesicht zu verschleiern, begründen.

Intern soll es heftigen Widerstand gegen ein öffentliches Bekenntnis gegen eine Verschleierungspflicht gegeben haben. So hätten einige Hardliner gefordert, Frauen müssten "zu jeder Zeit in der Öffentlichkeit ihr Gesicht verschleiern" und dürften auch an Händen und Füßen keine Haut zeigen, indem sie Handschuhe und Socken tragen.

Mehr Rechte für Transsexuelle

Am Ende setzten sich die liberaleren Kräfte durch. Ratschef Maulana Mohammad Khan Sherani sagte vor Journalisten, zwar sei die komplette Verhüllung "nicht verpflichtend". "Aber es ist trotzdem gut, einige ethische Richtlinien zu befolgen und ein sorgsames Verhalten an den Tag zu legen." So sei es "natürlich erforderlich, das Gesicht und den ganzen Körper zu bedecken, wenn eine bedrohliche Situation vorliegt". Was genau er darunter versteht, erläuterte er nicht.

Der Rat wurde Anfang der Sechzigerjahre als Beratungsgremium für das pakistanische Parlament gegründet. Es soll darauf achten, dass die Gesetzgebung mit islamischen Rechtsgrundsätzen übereinstimmt. Faktisch besteht im vom sunnitischen Islam geprägten Pakistan keine Verhüllungspflicht.

Entsprechend häufig sieht man in Metropolen wie Karatschi, Lahore oder Islamabad Frauen ohne Kopfbedeckung. In den ländlicheren Gebieten und vor allem entlang der Grenze zu Afghanistan sind Frauen aber meist gänzlich verhüllt und fühlen sich durch gesellschaftlichen Druck dazu verpflichtet, zumal Geistliche das immer wieder einfordern.

Pakistanischen Zeitungsberichten zufolge stellte sich das Gremium auch hinter Transsexuelle, indem es Familien kritisierte, die Transsexuelle verstoßen und enterben würden. Gleichzeitig wiederholte es aber seine Forderung, dass Jungen und Mädchen getrennten Schulunterricht erhalten müssten. Gemeinsamer Unterricht sei "eine ungesunde Praxis für die Gesellschaft", teilte der Rat mit.

kaz



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