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Pakistan: Mindestens 60 Tote bei verheerendem Anschlag auf Hotel in Islamabad

Grauen und Entsetzen in Islamabad: Nach einem brutalen Selbstmordattentat kämpfen Helfer fieberhaft um die Rettung Überlebender in den Trümmern des Marriott-Hotels. Mindestens 60 Menschen wurden bei dem Anschlag getötet, Hunderte weitere verletzt - darunter mehrere Deutsche.

Islamabad - Es ist ein Kampf gegen die Zeit: Noch immer versuchen Rettungskräfte, Überlebende unter den Trümmern des von einem verheerenden Selbstmordattentat zerstörten Marriot-Hotel zu finden. Die Behörden befürchten, das Gebäude im Zentrum Islamabads könne einstürzen. Mindestens 60 Menschenleben hat der Anschlag jüngsten Behördenangaben zufolge gefordert. Islamabads Polizeichef Asghar Raza Gardezi teilte am Abend mit, dass zudem über 200 Menschen verletzt wurden, als sich der Selbstmordattentäter in einem Lieferwagen vor dem Hotel in die Luft sprengte. Justizminister Farooq Naek wertete den Anschlag als den "11. September Pakistans".

Nach Angaben des Auswärtigen Amts in Berlin sind auch mindestens sechs Deutsche leicht verletzt worden. Der Sprecher eines Krankenhauses, in dem zwei der deutschen Verletzten liegen, sagte SPIEGEL ONLINE, der Zustand der Patienten sei stabil. Man habe derzeit keine Informationen darüber, ob Deutsche unter den Todesopfern seien, erklärte das Auswärtige Amt in Berlin. Die Erkenntnisse seien aber nur vorläufig. "Wir haben noch kein vollständiges Bild und stehen weiter in intensivem Kontakt mit den pakistanischen Behörden."

Nach Angaben des US-Präsidenten George W. Bush ist unter den Opfern mindestens ein US-Bürger. Pakistanischen Angaben zufolge waren unter den Verletzten in den Krankenhäusern auch vier Briten und je ein Bürger aus den USA, Dänemark, Saudi-Arabien, Marokko, Libyen, dem Libanon und Afghanistan. Der saudiarabische Botschafter erklärte, mehrere Mitarbeiter der Fluggesellschaft würden noch vermisst.

Die pakistanische Polizei erwartet, dass die Zahl der Todesopfer weiter steigt: Viele Gäste und Angestellte sollen weiterhin in dem zerstörten Gebäude eingeschlossen sein. Die Wucht der Detonation war so heftig, dass sie ein etwa zehn Meter tiefes Loch in die Straße vor dem Hauptgebäude riss.

Die USA verurteilten das Attentat am Abend scharf. "Die Bedrohung ist allgegenwärtig", sagte ein Sprecher des Weißen Hauses. "Die Vereinigten Staaten verurteilen die Attacke zutiefst und werden Pakistans Regierung im Kampf gegen den Terrorismus weiter unterstützen." US-Präsident Bush sprach den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl aus.

Auch die Europäische Union sprach den Angehörigen der Opfer ihr Beileid aus. Die EU wolle der pakistanischen Regierung beim Kampf gegen den Terror "mehr denn je zur Seite stehen", heißt es in einer am Samstag in Paris verbreiteten Mitteilung der französischen EU-Ratspräsidentschaft.

Nur wenige Stunden vor der Explosion hatte Präsident Zardari vor dem Parlament dem Terrorismus den Kampf angesagt. "Terrorismus und Extremismus müssen ausgemerzt werden, ganz egal wo und wann sie ihr hässliches Haupt erheben", sagte er. In den letzten Monaten haben mehrere Führer von al-Qaida eine Eskalation in Pakistan gefordert und prophezeit, zuletzt der Afghanistan-Chef des Terrornetzwerks, Mustafa Abu al-Yazid, in einem gestern veröffentlichten Propagandavideo.

"Es war ein großer Knall"

Immer mehr Einzelheiten sind inzwischen über den schweren Anschlag bekannt. Ein Polizeisprecher erklärte, die gewaltige Explosion sei von mehr als 1000 Kilogramm Sprengstoff verursacht worden. Ein Journalist vor Ort sagte SPIEGEL ONLINE, ihm hätte ein Augenzeuge berichtet, dass zuerst ein kleinerer Wagen die äußeren Sicherheitszäune des Hotels gerammt und zerstört hätte. Ihm sei dann ein größerer Lastwagen gefolgt, der vor dem Hotel explodierte. Bisherige Behördenangaben hatten von nur einem Fahrzeug gesprochen.

Das Attentat ereignete sich gegen 20.00 Uhr (Ortszeit; 16.00 Uhr MESZ). Die Restaurants im Inneren waren um diese Zeit voll besetzt. Ein Wachmann sagte, er habe einen Lastwagen gesehen, der plötzlich Feuer gefangen habe und dann explodiert sei. "Es war ein großer Knall", sagte Mohammad Nasir. Durch die Druckwelle der schweren Explosion wurde ein großer Teil der Gebäudefront zerstört.

"Es gab eine Warnung vom Sicherheitspersonal, sie sagten uns, wir sollten in den hinteren Teil des Hotels gehen", sagte ein leicht verletzter Deutscher namens Clemens Steinkanp. "Fünf Minuten passierte nichts … und dann gab es eine riesige Detonation. Alles kam von der Decke und plötzlich lagen viele Menschen auf dem Boden."

Das Hotel liegt in einer sogenannten Hochsicherheitszone und ist nur rund 500 Meter von den Residenzen des Präsidenten und des Regierungschefs Pakistans entfernt. Während des Krieges gegen die Taliban im benachbarten Afghanistan 2002 diente das Marriott faktisch als Sitz der internationalen Medien. Das Hotel war in der Vergangenheit mehrfach Ziel von Anschlägen. So hatte im Januar 2007 ein Wachmann einen Selbstmordattentäter vor dem Hotel gestoppt. Dieser zündete seinen Sprengsatz und tötete den Wachmann. Sieben weitere Menschen wurden verletzt.

Pakistan wird immer wieder von schweren Anschlägen erschüttert. Im Dezember starb die Oppositionsführerin Benazir Bhutto bei einem Attentat. Erst vor zehn Tagen waren bei einem Anschlag auf eine Moschee im Nordwesten Pakistans 20 Menschen getötet worden.

amz/fsc/AP/Reuters/dpa

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Selbstmordattentat: Inferno im Marriott-Hotel


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