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Pakistan nach dem Bhutto-Attentat: Machtkampf mit Mordtheorien

Aus Karatschi berichtet

Al-Qaida, der Geheimdienst oder Auftragskiller von Präsident Musharraf? Eine Pistolenkugel, Bombensplitter oder ein fataler Kopfstoß? In Pakistan machen wilde Theorien über den Mord an Oppositionspolitikerin Bhutto die Runde - und werden im Machtkampf für politische Zwecke ausgeschlachtet.

Karatschi - Die Nachricht aus den USA schlug in Pakistan hohe Wellen: Hillary Clinton, ambitionierte Bewerberin um die US-Präsidentschaftskandidatur der Demokraten, hat laut der US-Zeitung "Newsday" angedeutet, das pakistanische Militär könne hinter dem Mord an der mächtigen Oppositionspolitikerin Benazir Bhutto stecken. Khalid Hussein, ein Anhänger der Bhutto-Partei PPP, steht vor der Parteizentrale in Karatschi und ist zufrieden. "Jetzt lassen die Amerikaner endlich diesen verfluchten Musharraf fallen", ist er überzeugt. Ein anderer Parteianhänger nickt zustimmend. Er trägt ein T-Shirt, auf dem in Urdu steht: "Ich bin bereit, mein Leben für die Bhutto-Familie zu geben."

Rätsel um Bhutto-Mord: Pakistanische Tageszeitung mit dem Konterfei der Oppositionsführerin
AFP

Rätsel um Bhutto-Mord: Pakistanische Tageszeitung mit dem Konterfei der Oppositionsführerin

Jede Partei in Pakistan verbreitet derzeit ihre eigene Version des Mords an Bhutto vor knapp einer Woche. Dabei ist nicht einmal klar, wodurch Bhutto gestorben ist: Waren es Schüsse, die, wie auf Bildern deutlich zu sehen ist, ein Mann direkt hinter Bhuttos Wagen auf die Politikerin abfeuerte? Das ist die Theorie der PPP. Oder war es ein Bombensplitter, der die 54-Jährige traf, wie viele Pakistaner glauben? Ihrer Meinung nach dienten die Schüsse nur dazu, dass die Menschen um Bhutto herum fliehen und so den Weg für den Selbstmordattentäter freimachen.

Die pakistanische Regierung behauptete dagegen bis jetzt, Bhutto sei mit dem Kopf an einen Türgriff ihres geöffneten Auto-Sonnendachs gestoßen und habe sich dabei den Schädel gebrochen. Erst heute Nacht erklärte ein Regierungssprecher, man werde diese Darstellung "angesichts neuer Hinweise" überdenken. Zuvor hatte der Mediziner Mussadiq Khan, der den Leichnam von Bhutto untersucht hatte, einem Bericht widersprochen, wonach die Politikerin durch einen Stoß auf den Kopf gestorben sei. "Das habe ich niemals behauptet", erklärte er.

Bhutto-Witwer Asif Zardari, neuer mächtiger Mann Pakistans, hält die bisherige Regierungsversion für absurd. "Schauen Sie sich den Türgriff an: Er ist aus Gummi", sagt er. Daran könne man sich keine tödliche Verletzung zuziehen. Einer seiner Anhänger in Karatschi pflichtet ihm bei: "Gott hat den menschlichen Schädel sehr hart geschaffen. So leicht bricht man sich den nicht." Die Ermittler seien allesamt von der Regierung beeinflusst und bestochen, ihre Arbeit daher wertlos. "Hillary Clinton hat das doch auch gesagt", behauptet er.

Die Regierung weist das von sich. "Ich will vermeintliche Bemerkungen von Frau Clinton nicht kommentieren", sagt ein Sprecher des pakistanischen Außenministeriums SPIEGEL ONLINE. "Das sind heimtückische Behauptungen, die einzig zum Ziel haben, Pakistan zu destabilisieren." Zu sagen, das pakistanische Militär sei in die Ermordung von Benazir Bhutto verwickelt, sei "einfach lächerlich". Er fügt hinzu: "Wir erwarten von Spitzenpolitikern in den USA, dass sie sich mit Äußerungen zurückhalten, die in Pakistan zu politischen Zwecken missbraucht werden könnten."

Nach Meinung von Journalisten und Juristen haben mehrere Gruppen ein Interesse daran, das Land zu spalten. "Überall in Pakistan gibt es ethnische, religiöse und politische Gruppen, die mehr Unabhängigkeit für ihre jeweilige Region wollen", sagt Jamal Awsal, Rechtsanwalt in Haiderabad. Dazu zählten selbst Bhutto-Anhänger. "Sie haben plötzlich einen Hass auf die Provinz Punjab, weil Bhutto in Rawalpindi in Punjab getötet wurde. So verrückt sind die Argumente."

Nach Ansicht von Musharrafs Gegnern spricht aber vieles dafür, dass die Regierung den Mord eingefädelt hat. Warum hätten Sicherheitskräfte schon eine Stunde nach der Explosion damit begonnen, Blutspuren am Tatort mit Wasserschläuchen wegzuspülen und Beweisstücke zu vernichten? So fehle vom Kopftuch Bhuttos jede Spur - etwa weil damit bewiesen werden könnte, dass mindestens zwei Schüsse Bhutto am Kopf trafen? Die wenigen sichergestellten Gegenstände seien in der Hand der regierungstreuen Ermittler. Warum habe Musharraf sich außer am Tag der Tat nie wieder öffentlich zu dem Attentat geäußert - hat er etwas zu verbergen?

Der Diktator hatte erklärt, die Tat zeige, dass Terrorismus die größte Herausforderung des Landes bleibe. Anschließend hielt sich die Regierung mit Schuldzuweisungen gegenüber islamischen Extremisten zurück, um sich in religiösen Kreisen nicht unbeliebt zu machen.

Das wichtigste Argument für einen von der Regierung geplanten Mord sehen die PPP-Anhänger aber darin, dass Bhutto selbst mehrfach kurz vor ihrem Tod im engsten Kreis gesagt haben soll, dass Musharraf sie umbringen wolle. "Benazir wusste, wer ihre Feinde sind", sagt Khalid Hussein. Den Vorwurf von regierungsnahen Parteien, Witwer Zardari habe Bhutto nach islamischem Brauch innerhalb von 24 Stunden nach ihrem Tod beerdigen lassen und den Leichnam nicht zur Obduktion freigegeben, will er nicht gelten lassen. "Es wäre unwürdig, ihren Körper ausgerechnet ihren Feinden zu überlassen."

PPP-Kreise werfen außerdem dem Geheimdienst ISI Manipulation der Wahlunterlagen vor. Doch trotz dieser Schuldzuweisungen will die größte Oppositionspartei, dass so schnell wie möglich gewählt wird - sie schwebt derzeit auf einer Welle der Sympathie und rechnet mit einem überwältigenden Wahlsieg.

Viele Pakistaner halten ohnehin militante Muslime für die Verantwortlichen an dem Bhutto-Mord und an dem darauf folgenden Chaos im ganzen Land. "Das Attentat trägt die Handschrift von Extremisten", sagt Anwalt Awsal. "Die meisten Menschen denken das, werden es aber nicht öffentlich äußern", sagt er. "Wer will schon Mullahs zum Feind?"

Musharraf habe zu Beginn seiner Herrschaft 1999 bis zu den Anschlägen in den USA am 11. September 2001 mit den islamischen Extremisten kooperiert. "Damals wurde das Baby geboren, das nun zum Monster heranwächst, auch wenn die Regierung es nur noch selten füttert." Den religiösen Fanatikern sei alles zuzutrauen.

Wer aber tatsächlich hinter dem Mord an Benazir Bhutto steckt, wird wohl nie herauskommen. "Wer Pakistan kennt", sagt Awsal, "der weiß, dass politische Morde in diesem Land niemals aufgeklärt werden."

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