Protest in Pakistan Konvoi der Drohnen-Gegner

Tausende Fahrzeuge sind unterwegs, der Konvoi ist Kilometer lang: Angeführt von der Kricket-Legende Imran Khan rollt in Pakistan ein Protestzug gen Waziristan, um gegen US-Drohnenangriffe zu protestieren. Schon jetzt hat die Aktion eines ihrer Ziele erreicht - die Regierung in Islamabad zu blamieren

DPA

Von , Islamabad


Mehrere zehntausend Menschen aus ganz Pakistan sind in der westpakistanischen Stadt Dera Ismail Khan eingetroffen, um gegen die Drohnenangriffe der USA zu protestieren - trotz der Bedrohung durch Terroranschläge. Angeführt wird die Demonstration von dem Politiker und ehemaligen Kricket-Star Imran Khan. Am Sonntagmorgen setzten sie ihren Autokorso fort in die von Extremisten beherrschte Krisenregion Süd-Waziristan.

Eine für den Nachmittag in Süd-Waziristan geplante Kundgebung mit Khan wird aber in der ursprünglich geplanten Form nicht stattfinden. Die Soldaten und Polizei untersagten eine Weiterfahrt von der Stadt Tank am Rande der Provinz. Khan werde seine Rede nun in Tank halten und auf eine Weiterfahrt verzichten, teilte sein Team mit.

Gestartet war der "Friedensmarsch nach Waziristan" am Samstagmorgen in Pakistans Hauptstadt Islamabad, zu diesem Zeitpunkt waren auch noch US-Friedensaktivisten dabei. Ziel sei es, "die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die Drohnenstrategie der USA zu lenken" und "die Zerstörung zu zeigen, die diese Angriffe anrichten", sagte Khan. Die "internationalen Medien" sollten erstmals Gelegenheit haben, sich selbst vor Ort ein Bild zu machen - in den halbautonomen Stammesgebieten, einer Region, die für ausländische Journalisten seit Jahren nicht zugänglich ist.

Doch wegen der Terrordrohungen sagten die meisten westlichen Reporter ihre Teilnahme ab. Die pakistanische Regierung hatte mehrfach vor Sicherheitsrisiken gewarnt. Das Innenministerium berichtet von "neun Selbstmordattentätern", die auf ihren Einsatzbefehl warteten. Khan und seine Partei Pakistan Tehrik-e-Insaf (PTI), die "Bewegung für Gerechtigkeit", taten das als "politisch motivierte Panikmache" ab.

Erstmals trauen sich Drohnen-Befürworter an die Öffentlichkeit

Kurz vor Start des Konvois in Islamabad hatten die Taliban eine Mitteilung verbreiten lassen, wonach Khan "eine liberale, säkulare Person sei". Sie widerriefen frühere Zusagen, "seinem sogenannten Friedensmarsch Schutz zu gewähren". Man brauche keine Sympathie von Khan. Seine Demonstration richte sich in Wahrheit nicht gegen Drohnenangriffe, sondern habe das eigennützige Ziel, ihn in höhere politische Sphären zu katapultieren.

Kaum war der Demonstrationszug, dem sich auf der knapp 500 Kilometer langen Strecke immer mehr Autos, Busse und Motorräder angeschlossen hatten, am späten Samstagabend in Dera Ismail Khan angekommen, machten dort Flugblätter die Runde. Die Taliban kündigten darauf an, den Konvoi "mit Bomben zu begrüßen", sollte er sich nach Süd-Waziristan hineinwagen.

Die pakistanische Regierung und die Verwaltung von Süd-Waziristan hatten Zufahrtswege von Dera Ismail Khan in die Krisenregion mit Containern blockiert. Ein Regierungsbeamter sagte, außerhalb Waziristans könne man die Sicherheit der Demonstranten "einigermaßen" gewähren, dort sei die Demonstration vertretbar. "In Süd-Waziristan aber gibt es Straßenbomben, Scharfschützen und Selbstmordattentäter."

An allen Zufahrtstraßen standen Polizisten und Militärs, überall verhinderten Wände aus Containern ein Weiterkommen. An einer Stelle trommelten Demonstranten gegen die Blechwand. Immer mehr Menschen versammelten sich an der Blockade. Die Sicherheitskräfte knickten ein, entfernten den Container. Damit war der Weg immerhin bis Tank frei. Die Polizisten sagten, die ausländischen Teilnehmer dürften "unter keinen Umständen" weiter. Die amerikanischen Aktivisten, die in Islamabad mit aufgebrochen waren, kehrten um.

Obwohl Khan seine Rede nicht am geplanten Zielort halten kann: Die Teilnehmer sehen den Protestzug als Erfolg. "Wir haben die Weltöffentlichkeit für das Thema Drohnen sensibilisiert", sagte der Anwalt und Menschenrechtsaktivist Shahzad Akbar. "Damit haben wir erreicht, was wir erreichen wollten."

Tatsächlich hat der Protestmarsch eine große Debatte in Pakistan über den Sinn der US-Drohnenangriffe ausgelöst. Bemerkenswert ist, dass sich erstmals auch die Befürworter der Drohneneinsätze an die Öffentlichkeit trauen. Shehryar Taseer zum Beispiel, dessen Bruder entführt und dessen Vater, Gouverneur der Provinz Punjab, von einem Extremisten ermordet wurde, kritisiert Khan. "Ich bin kein großer Fan der Drohnenangriffe, sie töten einige meiner Landsleute, davon viele Unschuldige. Aber ich hasse die Terroristen und fürchte ihre Taktik viel mehr."

"Pakistan hat bald 200 Millionen Einwohner", schreibt ein pakistanischer Blogger, der sich Xaidi nennt. "Ich bin überzeugt, dass es mindestens ebenso viele gibt, die die Drohnenangriffe befürworten." Seine Argumentation: "Selbst wenn bei den Angriffen neben all den führenden Terroristen ein paar Zivilisten ums Leben gekommen sind - die Terroristen haben in Pakistan seit 2001 mehr als 40.000 Menschen auf dem Gewissen."

Khan geht es nicht um Drohnen, jedenfalls nicht nur. Es geht ihm natürlich auch um die Wahlen Anfang kommenden Jahres, bei denen er hofft, an die Macht gewählt zu werden. Dazu sind anti-amerikanische, konservativ-islamische Töne hilfreich. Vor allem bei der städtischen Jugend ist Khan, der einstige Kricket-Kapitän, der Pakistan in den neunziger Jahren zum einzigen Weltmeistertitel führte, beliebt. Seine damalige Vorliebe für attraktive, westliche Frauen ist legendär. Das wäre seine Privatangelegenheit und keine Erwähnung wert, würde er jetzt nicht ständig islamische Werte hochhalten. Seine Kritiker werfen ihm seine Doppelmoral vor.

Eines hat er auf jeden Fall erreicht: Die pakistanische Regierung zu blamieren. Jetzt weiß die ganze Welt, dass es mitten in Pakistan ein großes Gebiet gibt, über das der Staat keine Macht hat, wo er keine Sicherheit gewährleisten kann, wo also Extremisten herrschen und die USA Krieg führen. Das Gebiet zu betreten, bedeutet, sein Leben zu riskieren.

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insgesamt 25 Beiträge
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terrible 07.10.2012
1. Das zeigt ja schon alles
Diese 'Friedensaktivisten' (die natuerlich nicht gegen die Taliban demonstrieren, obwohl die das eigentliche Problem sind. Ohne sie gaebe es gar keinen Krieg mehr. Ohne die USA sehr wohl, auch gegen Frauen und mehr) muessen geschuetzt werden vor Islamisten (was ja bereits zeigt, dass die Drohnenangriffe berechtig sind). Dieser Blogger hat recht. Und wie immer in solchen Faellen. Wuerde man einen Planeten teilen wollen, waere ich mit Sicherheit auf Seiten der USA und dieses Bloggers, sicherlich nicht auf dem Planeten dieser antiwestlichen 'Friedensaktivisten' und Islamisten.
snickerman 07.10.2012
2. tja...
Damit erreicht er eher das Gegenteil von dem, was er (öffentlich) vorhat, anstelle Stimmung gegen die Drohnenangriffe zu machen, zeigen die unverhüllten Drohungen der Fundi-Terroristen und das Jammern der "Regierung" Pakistans, wer in den Stammesgebieten wirklich das Sagen hat... Und genau gegen diese Steinzeit-Denker mit ihren modernen Waffen richten sich die noch moderneren Waffen der unbemerkt heranschwebenden Kampf-Drohnen. Vor diesen lautlosen Killern haben die heimtückisch zuschlagenden Mörder nämlich wirklich Bammel- aber sie können nicht aus ihrer Eingeschränktheit heraus und auch nur zum Schein den Anti-Drohnen-Protestzug unterstützen. Wer immer bewaffnete Drohnen ablehnt, muss auch die Alternativen benennen...
tommuh 07.10.2012
3. ..
Das die amerikanischen Aktivisten wieder abgezogen worden ist schon mal ein guter Ansatz denn es wäre praktisch Selbstmord gewesen in diese Region zu reisen. Das Problem des Drohnenkriegs der USA und mit den Terroristen ist jedoch weder auf die eine oder andere Art zu lösen. Für jeden Terroristen den die USA mit einer Predatordrohne ins Paradies schicken kommen zwei neue nach. Oft sogar aus der gleichen Familie um Blutrache zu nehmen. Eine beendigung der Drohnenangriffe würde wohl kaum zum Ende des islamistischen Terrorismus führen sondern den Warlords und Talibanführern nur mehr Freiraum gewähren. Wenn die Zahlen wirklich stimmen sollten und 40.000 alleine in Pakistan seit 2001 durch Terroristen umgekommen sind , so sind das gut 10 Menschen pro Tag. Diese Zahlen alleine sind für mich eine gute Rechtfertigung jagt auf diese Leute zu machen und das auch via Drohnen. Wer weiß, vielleicht wäre Pakistan ohne den Druckreduzierer Afghanistan und ohne den Drohnenkrieg schon längst von den Terroristen politisch und religiös einverleibt
schon,aber 07.10.2012
4. aufräumen
Zitat von sysopDPATausende Fahrzeuge sind unterwegs, der Konvoi ist Kilometer lang: Angeführt von der Cricket-Legende Imran Khan rollt in Pakistan ein Protestzug gen Waziristan, um gegen US-Drohnenangriffe zu protestieren. Ob er die Krisenregion erreicht, ist unklar - die Regierung in Islamabad ist trotzdem blamiert. http://www.spiegel.de/politik/ausland/pakistan-protest-gegen-drohnenangriffe-a-859927.html
Viele Foristen haben diese Wendung vorausgesagt. Besser so, als dass der amerikan. Staat hunderttausende Dollar für Lösegeld oder Befreiungskommandos ausgeben hätte müssen. Und genau in diesem Gebiet sollte solange der Drohendurck wirksam bleiben, bis diese unfähige Zentralmacht sich endlich einmal aufrafft, aufzuräumen.
ehf 07.10.2012
5. erinnert mich an Hergé
Auch bei Tim und Struppi gab es eine Ausgabe, wo in einem Land, es handelte sich wohl um eines in Südamerika, die Massen leicht zu irgendeinem beliebigen Jubel oder auch Protest zu motivieren waren. Leicht beeinflussbare, bildungsferne Massen eben. Dass sie sich mit den weitaus häufgeren wie auch ungezielteren Terrorangriffen aus eigenen Reihen eher abzufinden gewillt sind, ist bezeichnend.
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