Massaker an Uni in Pakistan Taliban melden sich mit Großangriff zurück

Pakistan meinte, den Terror im Griff zu haben - die Zahl der Anschläge war nach Einsätzen des Militärs deutlich gesunken. Doch nun stürmten die Taliban eine Universität und töteten 21 Menschen. Ihr Ziel: maximale Aufmerksamkeit.

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Die Studenten und Dozenten an der Bacha-Khan-Universität in Charsadda, im Nordwesten von Pakistan, hatten sich am Mittwochmorgen zu einer Lesung eingefunden, Gedichte standen auf dem Programm. Aber auch sonst herrschte reges Treiben, die Seminare hatten begonnen, manche Studenten waren noch in ihren Wohnheimen auf dem Campus und machten sich auf den Weg zum Unterricht.

Gegen 9.30 Uhr Ortszeit stürmten mehrere junge Männer in ziviler Kleidung das Gelände. Sie benutzten einen Hintereingang. Ihre Gesichter hatten sie mit Tüchern verhüllt. Nach Aussagen von Studenten trugen sie Pistolen mit sich. Sie betraten das Gebäude und begannen sofort zu schießen. "Sie zogen von einem Raum zum anderen", sagt ein Student im pakistanischen Fernsehen. "Und sie schossen gezielt auf jeden, der sich bewegte. Als wollten sie uns hinrichten."

Ein anderer Student sagte, sein Chemieprofessor Syed Hamid Hussain habe plötzlich selbst eine Pistole hervorgezogen, um sich und seine Studenten zu verteidigen. "Er warnte uns, den Raum nicht zu verlassen." Als die Terroristen kamen, habe er auf sie gefeuert. Die schossen zurück, eine Kugel traf ihn. Pakistans Präsident Mamnoon Hussain erklärte später, der Professor sei gestorben.

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Terror in Pakistan: Massaker an Universität
Militär und Polizei rückten an, ein Hubschrauber kreiste über der Universität. Augenzeugen zufolge lieferten sich die Sicherheitskräfte mit den Terroristen ein stundenlanges Gefecht. "Wir hörten Schüsse und auch Explosionen", sagte eine Dozentin. Vor der Uni versammelten sich Angehörige von Studenten und Dozenten und warteten angstvoll auf Nachrichten.

Nach Angaben des Militärs leisteten die Angreifer, "junge Männer zwischen 18 und 25 Jahren", heftigen Widerstand. Gegen Mittag erklärte Armeesprecher Asim Bajwa, dass die Operation beendet sei. Man habe vier Angreifer "ausgeschaltet". Anfangs hieß es noch, acht bis zehn Terroristen wären beteiligt gewesen.

Es war ein erwartbarer Angriff, denn seit vergangener Woche haben die Sicherheitsbehörden in der Provinz Khyber-Pakhtunkhwa, in der auch Charsadda liegt, Hinweise, dass die Taliban eine solche Tat planten. Am Samstag blieben deshalb in der Provinzhauptstadt Peschawar einige Schulen geschlossen.

Der Angriff in Charsadda erinnert an das Massaker an einer Schule in Peschawar im Dezember 2014, bei dem Taliban etwa 150 Menschen erschossen, darunter mehr als 130 Kinder. Es war einer der schlimmsten Terrorakte in der Geschichte Pakistans. Das Militär hatte daraufhin sein Vorgehen gegen Militante insbesondere in den Stammesgebieten entlang der Grenze zu Afghanistan verschärft.

Pakistans Taliban bekennen sich zu Anschlag

Die Stammesgebiete sowie die angrenzende Provinz Khyber-Pakhtunkhwa sind seit langem Rückzugsgebiet für Extremisten. Hier verstecken sich Kämpfer von Taliban und al-Qaida gleichermaßen, und zunehmend versucht hier auch die Terrormiliz "Islamischer Staat" Fuß zu fassen. Sie alle werben um junge Kämpfer, und ein Taliban-Kommandeur in Peschawar sagte SPIEGEL ONLINE kürzlich, man sei auf "spektakuläre Angriffe" angewiesen, um wieder auf sich aufmerksam zu machen.

Die pakistanischen Taliban Tehrik-e-Taliban (TTP) bekannten sich zu dem Angriff in Charsadda. Auf seiner Facebook-Seite erklärte der Taliban-Kommandeur Omar Mansoor, man habe vier Angreifer nach Charsadda geschickt. Mansoor gilt auch als der Kopf hinter dem Angriff auf die Schule in Peschawar. Der Anführer der Taliban in Khyber-Pakhtunkhwa ist 37 Jahre alt und bekannt für seinen besonders langen, fast bis zum Bauchnabel reichenden Bart. Im Sommer 2014 floh er vor dem pakistanischen Militär nach Afghanistan, soll aber seither mehrmals nach Pakistan gereist sein, um Anschläge zu planen.

Gleichzeitig erklärte Muhammad Khorasani, der offizielle Sprecher der TTP, die Taliban hätten mit der Tat nichts zu tun. Die widersprechenden Aussagen deuten auf einen internen Richtungsstreit der Taliban.

Die pakistanische Regierung hatte bei ihrem Amtsantritt im Juni 2013 noch auf Friedensgespräche mit den Taliban gesetzt. Doch die Extremisten verübten immer wieder Terroranschläge. Seit dem Blutbad in Peschawar vor gut einem Jahr hat die Armee endgültig freie Hand, gegen die Militanten vorzugehen. Tausende Soldaten wurden von der östlichen Grenze zum Erzfeind Indien abgezogen und in den Anti-Terror-Kampf geschickt. Im Dezember, zum Jahrestag des Anschlags auf die Schule, lobte sich das Militär für seinen "phänomenalen Erfolg" in diesem Krieg und erklärte, man habe seit Beginn der Operation rund 3500 Aufständische getötet.

Nachhaltige Anti-Terror-Strategie? Fehlanzeige

Zudem hob die Regierung das seit 2008 geltende Moratorium auf die Todesstrafe auf, schon drei Tage nach dem Schulmassaker wurden die ersten beiden zum Tode Verurteilten gehängt. Seither sind mehr als 300 Menschen hingerichtet worden. Es ist eine fatale Ersatzhandlung, die zwar entschlossenes Vorgehen suggeriert, tatsächlich aber nur von Hilflosigkeit und Politikversagen zeugt. Die wahren Ursachen von Extremismus - Armut, fehlende Bildung, Nachsicht gegenüber Extremisten, freie Hand für ungebildete Mullahs, die Akzeptanz von radikalem Gedankengut in der Gesellschaft - werden nicht bekämpft.

Ein nationaler Aktionsplan gegen Terror mit 20 Punkten sieht unter anderem die Reform von Koranschulen, Kontrolle von Finanzströmen und härtere Bestrafung von Hassreden vor. Inwieweit die Regierung ihre Pläne wirklich umsetzt, ist aber zweifelhaft. So gibt es immer wieder Berichte, dass man seitens der Registrierung von Koranschulen Abstand nehme, wenn die jeweiligen Geistlichen sich beschwerten. Offensichtlich ist man mit den Religiösen immer noch nachsichtig.

Statistisch gesehen zeigt die Strategie Erfolg: Im Jahr 2015 starben bei Terroranschlägen 940 Zivilisten. 2014 waren es 1781, im Jahr davor sogar 3001, meldet das "South Asia Terrorism Portal". Armeechef Raheel Sharif wird deshalb gefeiert wie ein Popstar.

Der Ruf der Taliban hat seit der Ermordung der Schulkinder gelitten. Selbst in den eigenen Reihen gab es Kritik, Kinder zu töten sei "unislamisch". Die Kommandeure redeten sich heraus, man habe die Kinder nicht umbringen wollen, aber dann habe die Armee die Angreifer beschossen, und ihnen sei nichts anderes übrig geblieben, als sich zu "verteidigen".

Mit dem Angriff auf Charsadda beweisen die Taliban, dass es ihnen völlig egal ist, wen sie töten. Hauptsache, die Tat erregt möglichst große Aufmerksamkeit. Diesmal traf es eine Universität, benannt nach dem paschtunischen Freiheitskämpfer Bacha Khan. Er war ein Anhänger Mahatma Gandhis und hatte sich dem gewaltlosen Protest verschrieben.

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Hasnain Kazim ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE mit Sitz in Istanbul.

E-Mail: Hasnain_Kazim@spiegel.de

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