Terror in Pakistan Taliban stürmen Schule - mehr als 80 tote Kinder

Die Taliban haben eine Schule in Pakistan gestürmt. Mehr als 120 Menschen wurden getötet, darunter mindestens 80 Kinder. Noch immer haben die Terroristen Schüler in ihrer Gewalt.


Peschawar - Pakistan wird von einem der verheerendsten Terroranschläge seit Jahren erschüttert. Talibankämpfer haben in der Stadt Peschawar eine Schule gestürmt. Bei dem Angriff und Gefechten mit Sicherheitskräften wurden nach Angaben der Regierung mindestens 126 Menschen getötet. Unter den Opfern seien 84 Kinder, sagte Pervez Khattak, Chef der Provinzregierung in Peschawar. Die meisten Tote sollen zwischen 12 und 16 Jahren alt sein.

122 Menschen seien verletzt worden. Die Schießereien auf dem Gelände dauern derzeit noch an, am Nachmittag waren mehrere laute Explosionen zu hören. Fünf Terroristen seien getötet worden. Zahlreiche Kinder befinden sich noch immer in der Gewalt der Geiselnehmer.

Die Terroristen sollen den Teil der Schule gestürmt haben, in dem Grundschüler von der ersten bis zur sechsten Klasse unterrichtet werden, heißt es aus Sicherheitskreisen in Peschawar. Zum Zeitpunkt des Angriffs sollen Prüfungen in der Aula stattgefunden haben. "Sie haben sofort angefangen, mit automatischen Waffen zu schießen", sagte ein Schüler, der fliehen konnte.

Die Gruppe Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP) hat die Verantwortung für den Angriff übernommen. "Wir haben Scharfschützen und Selbstmordattentäter in dem Gebäude", sagte TTP-Sprecher Muhammad Khorasani. "Es ist eine Armeeschule, und die pakistanische Armee steckt mit unseren Feinden unter einer Decke", sagte er SPIEGEL ONLINE am Telefon. "Alle sind bereit, im Kampf zu sterben", erklärte er und deutete an, dass einige von ihnen Sprengstoffwesten trügen. "Sie haben den Auftrag, nur auf die älteren Schüler zu schießen, nicht auf die Kinder."

Der Angriff sei eine Reaktion auf die Militäroffensive der pakistanischen Armee gegen die Taliban, sagte Khorasani. "Wir wollen, dass sie unseren Schmerz fühlen", so der TTP-Sprecher.

Verzweiflungstat der Taliban

Augenzeugen berichteten, dass die Männer am Vormittag mit Gewehren im Anschlag über einen Friedhof auf der Rückseite der Schule in das Gebäude gestürmt seien. "Sie haben ein Auto in Brand gesteckt und sofort das Feuer eröffnet", sagte ein Beobachter im pakistanischen Fernsehen. "Dabei haben sie, soweit ich das sehen konnte, mehrere Kinder verletzt." Andere berichten von zwei Explosionen.

Das pakistanische Militär betreibt die Schule in der nordwestpakistanischen Stadt. Die Armee ist die mächtigste Einrichtung des Landes, die unter anderem auch Schulen und Universitäten betreibt. Die Bildungseinrichtungen stehen oftmals nicht nur Kindern von Soldaten, sondern der gesamten Bevölkerung offen. Offenbar wählten die Taliban deshalb dieses Ziel. Auch das Datum hat für Pakistan eine besondere Bedeutung: Am 16. Dezember 1971 kapitulierte die Armee, das Rückgrat des Staates, im Bangladesch-Krieg mit Indien.

Das Lady-Reading-Krankenhaus hat traurige Erfahrung mit Terroropfern - Peschawar ist eine der am meisten von Taliban-Angriffen betroffenen Städte Pakistans. Das Hospital ist deshalb auf die Behandlung von Opfern von Schuss- und Explosionsverletzungen spezialisiert.

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Pakistan: Taliban-Angriff auf Schule

Pakistans Ministerpräsident Nawaz Sharif verurteilte den Anschlag und sprach von einer nationalen Tragödie. "Das sind meine Kinder. Das ist mein Verlust", sagte der Regierungschef. Er werde selbst nach Peschawar fahren, um die Operation gegen die Taliban zu koordinieren. Sharif verhängte eine dreitägige Staatstrauer.

Der Angriff ist eine Verzweiflungstat der Taliban, die durch Drohnenangriffe der USA im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet sowie durch Militäroperationen der pakistanischen Streitkräfte geschwächt sind. Intern sind die Taliban-Gruppen zerstritten, es geht um Macht und den künftigen Kurs der Extremisten.

Taliban wollen auf sich aufmerksam machen

Einig sind sie sich darin, dass sie den pakistanischen Staat, also Regierung und Armee, bekämpfen müssen, weil er ein Partner der USA im Anti-Terror-Kampf ist. Uneinig sind sie sich hingegen, ob sie sich mit einem regional begrenzten Gebiet, in dem die Scharia das einzig gültige Rechtssystem ist, zufrieden geben oder ob sie ganz Pakistan erobern wollen. Manche Taliban fordern auch, den Dschihad auf andere Länder auszudehnen.

Die vor allem im Irak und in Syrien aktive Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) hat Terrororganisationen wie den Taliban und al-Qaida nicht nur bei der internationalen Aufmerksamkeit den Rang abgelaufen, sondern macht ihnen auch bei der Finanzierung ihres Kampfes Konkurrenz. IS wirbt inzwischen auch bei Kämpfern in Pakistan um Mitglieder, vor allem in Peschawar.

Den Taliban geht es bei diesem Angriff auch darum, wieder auf sich aufmerksam zu machen. Einen Rückschlag erlitten sie in den vergangenen Wochen auch dadurch, dass Malala Yousafzai in diesem Jahr den Friedensnobelpreis erhalten hat. Das Mädchen kämpft für das Recht auf Bildung und war im Oktober 2012 von Taliban niedergeschossen worden.

Seither versuchen die Taliban, ihre Tat zu verteidigen. Bildung, so ihre Überzeugung, sei nur dann gut, wenn sie im Einklang mit den Regeln des Islam stehe. Dabei legen sie ihre radikale Auslegung des Islam als Maßstab an. Viele Pakistaner stimmen ihrer Sichtweise zu. Malala Yousafzai ist, anders als im Rest der Welt, in ihrem eigenen Land umstritten und wird von vielen als "Marionette des Westens", "CIA-Agentin" und "verkappte Jüdin" beschimpft. Der Angriff auf die Schule in Peschawar wirkt wie eine Demonstration, dass man weiterhin nicht Halt mache vor Angriffen auf Schülern und Kindern.

kaz/syd/Reuters



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