Massaker an Schülern Taliban-Terror gegen Kinder

Taliban greifen eine Schule an und töten mehr als 100 Kinder. Mit dem Massaker treten die Extremisten in Konkurrenz zum Rivalen IS. Doch sie haben noch ein anderes Motiv: Rache.

Von , Istanbul


Der Taliban-Kommandeur aus der westpakistanischen Region Mohmand, nahe Peschawar, klang in den vergangenen Tagen missmutig. "Unsere Brüder im Irak und in Syrien erobern ganze Länder und bekämpfen die Ungläubigen. Und wir? Wir hocken in den Bergen und kommen nicht voran!", beklagte er in einem Telefongespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wir müssen zu unserer alten Kraft zurückfinden, damit uns ein großer Schlag gegen unsere Feinde gelingt."

Der "große Schlag" ist ihnen gelungen: Am Dienstagvormittag stürmten sechs Terroristen mit Gewehren und Sprengstoff eine Schule in der nordwestpakistanischen Metropole Peschawar. Sie töteten mehr als 130 Menschen, darunter mehr als hundert Kinder. Erst am Abend (Ortszeit) meldete das Militär, dass die Geiselnahme beendet und alle Angreifer getötet worden seien.

Das Ziel, berichtete ein Taliban-Sprecher, sei bewusst ausgewählt worden, weil es sich um eine von der Armee betriebene Schule gehandelt habe, die von Kindern von Soldaten besucht werde. "Wir wollten uns am Militär rächen, weil es uns und unsere Familien bekämpft", erklärte er am Telefon. "Sie machen selbst vor unseren Frauen nicht halt. Jetzt sollen sie unseren Schmerz am eigenen Leib spüren."

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Pakistan: Taliban-Angriff auf Schule
Im Sommer hatten die Generäle sich gegen die Regierung durchgesetzt: Nachdem die Extremisten Friedensgespräche wiederholt mit Anschlägen sabotiert hatten, wird Krieg gegen die Taliban geführt. Ende Juni begann die Armee in Nordwaziristan ihre Bodenoffensive gegen die Militanten. Die Region liegt in den pakistanischen Stammesgebieten, in denen Clanführer und Extremisten das Sagen haben. Offiziell stehen diese Gebiete zwar unter Verwaltung der Regierung in Islamabad, aber tatsächlich ist diese machtlos in einer archaisch regierten Region.

"Dem Gesetz Allahs im ganzen Land Geltung verschaffen"

Die pakistanischen Taliban sind in mindestens 30 Gruppen zersplittert und seit 2007 unter dem Dach der Organisation Tehrik-i-Taliban (TTP) gebündelt. Seit dem Tod ihrer beiden letzten Anführer Baitullah Mehsud und Hakimullah Mehsud, die 2009 beziehungsweise 2013 durch US-Drohnenangriffe getötet wurden, sind die Taliban untereinander zerstritten. Ihr derzeitiger Chef, Mullah Fazlullah, gilt als schwach.

Gemäßigtere Kommandeure befürworten, sich mit einem begrenzten Gebiet im Westen Pakistans, in dem die Scharia gelten soll, zu begnügen. Hardliner hingegen stehen auf der Seite Fazlullahs, der im Mai 2014 in einer Videobotschaft mitteilte: "Das Ziel unseres Kampfes ist, dem Gesetz Allahs im ganzen Land Geltung zu verschaffen." Sie wollen also ganz Pakistan für sich erobern.

Anders als die afghanischen Taliban, die sich dem Kampf gegen "Ungläubige", also vor allem Nato-Truppen, verschrieben haben, töten die pakistanischen Taliban auch Muslime. Sie sehen die Bevölkerung eines Staates, der offiziell Partner der USA im Anti-Terror-Kampf ist, als legitimes Ziel an. Auch dabei sind sich die unterschiedlichen Gruppen aber uneinig.

Sorge bereitet jedoch allen, dass in den vergangenen Wochen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) versucht, Kämpfer aus Pakistan abzuwerben. Viele junge Aufständische begeistern sich für den IS, weil es dieser Organisation gelungen ist, innerhalb kürzester Zeit zum gefürchtetsten Gegner des Westens zu werden und auch das Terrornetzwerk al-Qaida zu überflügeln. Da der IS zudem höhere Gehälter an die Kämpfer zahlt, haben sich ihm dem Vernehmen nach schon mehrere Hundert Taliban angeschlossen. Es scheint, als konkurrierten sie durch grausame Aktionen, um jungen Kämpfern Stärke zu demonstrieren und damit attraktiver zu werden.

Ultrakonservative innerhalb der Taliban gewinnen Oberhand

Schon einmal gingen sie gegen ein Kind vor. Der Fall machte weltweit Schlagzeilen: das Attentat auf Malala Yousafzai im Oktober 2012, das sie schwer verletzt überlebte. Dass das Mädchen nun mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, empfinden sie als Demütigung. Yousafzai kämpft seit Jahren für das Recht auf Bildung. Inzwischen gilt sie als Ikone. Für die Taliban, aber auch für viele Pakistaner ist sie dagegen ein Hassobjekt. Der Westen habe sie instrumentalisiert, um Stimmung gegen den Islam zu machen, glauben sie.

Yousafzai nannte den Angriff auf die Schule in Peschawar "grauenhaft und feige". "Dieser sinnlose und kaltblütige Terrorakt in Peschawar, der sich vor unseren Augen abspielt, bricht mir das Herz", sagte sie in London.

Der Angriff auf die Schule in Peschawar ist ein Beleg dafür, dass die Ultrakonservativen innerhalb der Taliban die Oberhand gewinnen. Die Strategie der Generäle, die Taliban mit militärischen Mitteln zu besiegen, scheint nicht zu greifen bei einem Gegner, der selbst vor solch einer schockierenden Tat nicht zurückschreckt. Die regelmäßig wiederholte Aussage von Armeechef Raheel Sharif, man sei "äußerst erfolgreich" im Kampf gegen Extremisten, entpuppt sich als Trugbild. Die Militanten sind zwar geschwächt, aber trotz Bodenoffensive stark genug, schmerzhafte Angriffe zu führen.

Zuletzt hatte sich im November ein Selbstmordattentäter an der indischen Grenze nahe Lahore in die Luft gesprengt und mindestens 55 Menschen, darunter viele Frauen und Kinder, in den Tod gerissen.

Welche Strategie gegen die Extremisten wirksam ist, darüber gehen die Meinungen unter den Mächtigen in Pakistan auseinander. Während in der Regierung und auch in Teilen der Opposition immer wieder Stimmen laut werden, mit den gemäßigten Taliban zu verhandeln, um die Ultras zu schwächen, fordert das Militär ein umfassenderes gewaltsames Vorgehen.

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Janna Kazim
Hasnain Kazim ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE mit Sitz in Istanbul.

E-Mail: Hasnain_Kazim@spiegel.de

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asirion 16.12.2014
1. Verbrechen gegen die Menschlichkeit
Keine Religion oder Schrift kann so ein Verbrechen rechtfertigen! Unschuldige Kinder zu töten, gehört zu den schlimmsten Verbrechen die man begehen kann uund führt zu immer mehr Hass
kapverder 16.12.2014
2. Taliban bedeutet Feigling
wie immer suchen sich diese Feiglinge wehrlose Opfer. Es sollte eine weltweite Kampagne geben, in der die Feigheit dieser "Kämpfer" angeprangert wird. Wer so etwas tut oder gut heisst, hat nur Verachtung verdient. Für mich ist der Name Taliban nur noch ein anderer Ausdruck für Feigling.
shooop 16.12.2014
3. So schlimm das alles ist...
aber wenn sich die Gewalt der Taliban gegen die eigene Bevölkerung richtet, dann richtet sich die Wut des Volkes vielleicht irgendwann auch mal geschlossen gegen die Taliban.
Palmstroem 16.12.2014
4. Allein 5.000 Terroropfer in einem Monat
... und die meisten davon Muslime. Sie wurden nicht vom CIA oder von US-Soldaten getötet, nicht von Briten oder Australiern - sondern von ihren eigenen Glaubensbrüdern - wie auch diese Kinder.
to78ha 16.12.2014
5. Das seh ich auch so!
Unschuldige Kinder zu töten, das ist das allerschlimmste Verbrechen das es in meinen Augen gibt. Ganz egal wer sowas tut. Verflucht sein sie alle, überall auf der Welt!
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