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Pakistan: Teenager rettet Hunderte Schüler vor Selbstmordattentäter

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AFP/ FAMILY HANDOUT

Teenager Aitizaz Hasan: Pakistans neuer Held

Pakistans neuer Held ist 15 Jahre alt. Mit einem beherzten Sprung rettete der Teenager Aitizaz in dem Ort Ibrahimzai eine Schule mit etwa 2000 Menschen vor einem Selbstmordattentäter. Er wollte den Terroristen aufhalten, dieser sprengte sich in die Luft und riss den Jungen mit in den Tod.

Islamabad/Istanbul - Aitizaz Hasan ist spät dran an diesem Tag, an dem er sterben und zum Held werden soll. Der Unterricht hat schon begonnen, zur Strafe wird der Neuntklässler für die erste Stunde vor das Schultor geschickt. Zwei andere Jungen stehen dort auch schon. Irgendwie müssen sie nun die erste Stunde rumkriegen.

Da kommt ein junger Mann, "schätzungsweise 20 bis 25", wie die Polizei von Hangu, einem Distrikt im Nordwesten von Pakistan, später mitteilt. Die Jungen schauen ihn aufmerksam an, sie kennen ihn nicht. Er trägt Schuluniform, aber gehört er wirklich an die staatliche Schule im Ort Ibrahimzai? Was will er hier? Sie fragen ihn, er sagt, er wolle sich anmelden.

Unter seiner Jacke bemerken sie Kabel und ein Ding, das sie für einen Zünder halten. Ein Selbstmordattentäter mit einer Sprengstoffweste! Die zwei Jungen, mit denen Aitizaz wartete, laufen weg. Er selbst, für seine 15 Jahre ein großer, kräftiger Bursche mit Flaum über der Oberlippe, überlegt einen Moment, dann kommt es zum Gerangel. Augenzeugen sagen, Aitizaz habe mit einem Stein nach dem Mann geworfen, anschließend wirft er sich mit aller Wucht auf den Terroristen.

Dem gelingt es trotzdem, die Bombe an seinem Körper zu zünden. Ein Knall erschüttert den Schulhof, Scheiben bersten. Der Angreifer ist sofort tot, Aitizaz stirbt später im Krankenhaus. Sechs Kilogramm Sprengstoff sind detoniert, die Terrororganisation Lashkar-e-Jhangvi bekennt sich zu der Tat. In der Schule befinden sich zu diesem Zeitpunkt etwa 2000 Menschen, sagt die Polizei. Aitizaz, betont der örtliche Polizeichef, habe ein Attentat von viel größerem Ausmaß verhindert. "Er hat sein Leben geopfert und damit sehr viele Menschen vor dem Tod bewahrt."

Distrikt in der Gewalt der Taliban

Hangu ist bis Ende 2006 ein friedliches Gebiet. Dann entdecken immer mehr Extremisten die Region als Rückzugsgebiet. Inzwischen wird der Distrikt von Taliban-Kämpfern dominiert. Immer wieder kommt es zu Schusswechseln zwischen Sicherheitskräften und den Militanten, sprengen die Aufständischen Polizeistationen und Kontrollposten in die Luft. Aus Sorge vor der Übermacht der Taliban haben sich Mitglieder der schiitischen Gemeinde Waffen besorgt. Die Schießereien nehmen zu.

Nachrichten von Anschlägen aus der gesamten Provinz Khyber-Pakhtunkhwa, in der Hangu liegt, gehören zum traurigen Alltag in Pakistan. Nach Angaben des Pakistan Institute for Peace Studies stieg die Zahl der Selbstmordanschläge in Pakistan 2013 um 39 Prozent auf insgesamt 46. Seit 2001 sind etwa 48.000 Menschen in Pakistan Opfer von Terror geworden.

Die Tat vom Montagmorgen an der Schule in Ibrahimzai wird zunächst registriert wie ein Fall von vielen. Bis die Hintergründe sich herumsprechen, dauert es deshalb ein paar Tage. Als erstes laufen Infos über Twitter und Facebook, daraufhin werden die großen pakistanischen Fernsehsender und Zeitungen aufmerksam. Ein Foto macht die Runde durch die sozialen Medien: ein kräftiger Junge im beigen Baumwollhemd.

Prompt stellen viele Vergleiche an mit Malala Yousafzai, dem Mädchen, das von Taliban niedergeschossen wurde, weil es sich für das Recht auf Bildung einsetzte, und als Kandidatin für den Friedensnobelpreis galt. Prominente wie die Fernsehmoderatorin Nasim Zehra fordern posthum einen Orden für den jungen Märtyrer. Andere mahnen, jeder Pakistaner möge sich den Mut von Aitizaz Hasan zum Vorbild nehmen, um Extremismus zu bekämpfen. Auch Kritik an der Regierung wird laut, weil sie seit Monaten einen "Dialog mit den Taliban" propagiert. Mit diesen Leuten, die Schulen angreifen, wolle man verhandeln?

Mujahid Ali Hasan, Aitizaz' Vater, ist am Tag nach der Beerdigung seines Sohnes aus den Vereinigten Arabischen Emiraten zurückgekehrt. Dort hat er als Arbeiter versucht, genug Geld zu verdienen, um seine Familie in der pakistanischen Heimat durchzubringen. Er sei nicht zurückgekommen, um den Tod seines Sohnes zu betrauern, sondern um das Leben zu feiern, erklärt er der Zeitung "Express Tribune". Er sei stolz auf den Mut seines Sohnes. Und dann sagt er diesen einen Satz, der wieder die Runde macht im Netz und in den pakistanischen Medien: "Mein Sohn hat seine Mutter zum Weinen gebracht, aber er hat Hunderte von Müttern davor bewahrt, um ihre Kinder zu weinen."

Ob dem Jungen die Ehre zuteil wird, die so viele verlangen, ist ungewiss. Malala Yousafzai war zuletzt in ihrem eigenen Land als "Marionette des Westens" angefeindet worden, die aus dem Attentat auf sie Profit schlage. Jetzt solle wenigstens die Familie des Jungen entschädigt werden. "Ich bin verwundert, weshalb niemand aus der Regierung sich bei ihr gemeldet hat", zitieren mehrere Zeitungen den Direktor der Schule. Das Schweigen der Mächtigen sei eine Schande.

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Fläche: 796.000 km²

Bevölkerung: 184,753 Mio. Einwohner

Hauptstadt: Islamabad

Staatsoberhaupt:
Mamnoon Hussain

Regierungschef: Nawaz Sharif

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