Erzfeinde Pakistan und Indien Das Buch der Spione

Zwei frühere Geheimdienstchefs, der eine Pakistaner, der andere Inder, haben sich als Pensionäre getroffen und sich über Bin Laden, die USA und vor allem ihre Beziehungen unterhalten. Herausgekommen ist ein Buch.

Die "Spion-Chroniken" heißt das gemeinsame Werk einst verfeindeter Geheimdienstler
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Die "Spion-Chroniken" heißt das gemeinsame Werk einst verfeindeter Geheimdienstler

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Einen Geheimnisverrat sucht man vergeblich in dem 344 Seiten langen Buch. "Die Spion-Chroniken" heißt es, "RAW, ISI und die Illusion von Frieden" im Untertitel. Vergangene Woche ist es erschienen, bislang ausschließlich auf Englisch. Verfasst haben es Assad Durrani, Anfang der Neunzigerjahre Chef des pakistanischen Militärgeheimdienstes ISI, und Amarjit Singh Daulat, der zehn Jahre später an der Spitze des indischen Geheimdienstes RAW stand.

Die Entstehungsgeschichte an sich ist schon spannend: Ehemalige Geheimdienstchefs zweier zutiefst verfeindeter Staaten treffen sich 2016 und 2017 vier Mal für mehrere Tage. Sie sitzen in Istanbul, Kathmandu und Bangkok zusammen, um erstaunlich offen über das Verhältnis ihrer Länder und über Weltpolitik zu plaudern. Moderiert und aufgeschrieben hat die Gespräche der indische Journalist Aditya Sinha.

So sehr das Verhältnis zwischen Indien und Pakistan, die 1947 aus Britisch-Indien hervorgegangen sind, zerrüttet ist, merkt man den beiden Männern an, dass sie sich in Zuneigung verbunden sind. "General Sahib ist ein Freund", schreibt Daulat in seiner Vorbemerkung über Durrani. "Seine Geradlinigkeit ist bemerkenswert." Er rede "keinen Bullshit", nenne die Dinge beim Namen und komme direkt zum Punkt. Durrani wiederum nennt Daulat "meinen Mitstreiter", "meinen Kameraden".

So weit, so menschlich, denn warum sollten sich zwei ehemalige Chefspione, die früher auf unterschiedlichen Seiten einer Front standen, nicht sympathisch finden? Warum sollten sie nicht miteinander reden wie zwei Erwachsene? Das tun sie in dem Buch über ihr jeweiliges Verhältnis zu den USA und zu Trump, zu Russland und zu Putin, sie sprechen über die von beiden Ländern beanspruchte Provinz Kaschmir, über Afghanistan, über Terror und Extremismus und über Osama Bin Laden, der im Mai 2011 von den USA in Pakistan aufgespürt und getötet wurde.

Durrani und Daulat arbeiten nicht zum ersten Mal zusammen

So findet sich die durchaus interessante Aussage Durranis, Pakistan sei entgegen der Behauptung der pakistanischen Regierung sehr wohl in die Militäroperation gegen Bin Laden eingebunden gewesen. Es wäre aber in der pakistanischen Öffentlichkeit nicht gut angekommen, wenn bekannt geworden wäre, dass Pakistan "mit den USA kooperierten, um jemanden auszuschalten, den viele Pakistaner für einen Helden hielten". Belegen kann er diese Version der Geschichte allerdings nicht.

Gleichwohl schonen die beiden sich bei allem respektvollen Umgang nicht. Daulat sagt zum Beispiel mit Blick auf die in Pakistan geplanten Anschläge im November 2008, der Terror von Mumbai habe "irreparablen Schaden" angerichtet, was die Beziehung der beiden Länder angehe. Während er Pakistan die Verwicklung in Terror vorwirft, hält ihm Durrani das brutale militärische Vorgehen in Kaschmir entgegen.

"Ungebührliches Verhalten", "Propaganda", "Verrat"?

Vor allem in Pakistan hat das Buch große Aufregung erzeugt: Das Militär forderte die Regierung auf, gegen Durrani eine Ausreisesperre zu verhängen, und ordnete eine Untersuchung an, ob er den Verhaltenskodex für Offiziere verletzt habe. Man habe bereits einen entsprechenden Untersuchungsausschuss gebildet, heißt es. Sollte er verurteilt werden, drohen ihm mehrere Jahre Gefängnis.

Die Vorwürfe gegen Durrani in den pakistanischen Medien gehen über die Anschuldigungen des Militärs noch hinaus. Von "ungebührlichem Verhalten" ist da die Rede, von "Propaganda gegen das Militär" bis hin zum "Verrat", weil er von Dingen spreche, die "längst noch nicht abgeschlossen sind" wie der seit Jahrzehnten andauernde Streit um Kaschmir. Die Tageszeitung "The Nation" schreibt, Durrani würde "einseitig" die indische Sicht der Dinge wiedergeben und gezielt dem pakistanischen Militär und dem ISI schaden. In den sozialen Medien schreiben Nutzer, er wolle "sich interessant machen", andere vermuten, er habe noch eine "Rechnung offen" mit seinem früheren Arbeitgeber, wieder andere gehen davon aus, dass er in der Politik mitmischen wolle.

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A.S. Dulat, Aditya Sinha, Asad Durrani:
The Spy Chronicles

RAW, ISI and the Illusion of Peace

HarperCollins India; Englisch; 344 Seiten; gebunden; ca. 30 Euro

Durrani hatte vergangene Woche bei der Buchvorstellung in der indischen Hauptstadt Neu Delhi nicht teilnehmen können, weil Indien ihm die Einreise verweigert hatte. "Indem sie mir ein Visum verwehrt haben, haben sie mich vor dem Zorn unserer Falken zu Hause bewahrt", hatte Durrani noch in einer Videobotschaft gescherzt. Doch der Zorn traf ihn nun diese Woche. Gesteigert haben dürfte ihn noch, dass indische Politiker, Journalisten und politische Beobachter viele lobende Worte für das Buch und für das Bemühen beider Männer finden, einen öffentlichen Dialog zu führen.

Und es ist Daulat, der seinen pakistanischen Partner in Schutz nimmt: die Anfeindungen seien "sehr, sehr bedauerlich".

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