Islamistenführer Sami ul-Haq "Vater der Taliban" in Pakistan erstochen

Einer der einflussreichsten Islamisten Pakistans ist tot: Sami ul-Haq wurde in seinem Haus in Rawalpindi erstochen. Die Behörden fürchten nun die Wut seiner Anhänger.

Sami ul-Haq (Archiv)
REUTERS

Sami ul-Haq (Archiv)


Seit Tagen gehen in Pakistan Islamisten auf die Straße: Sie demonstrieren gegen die Freilassung der Christin Asia Bibi, die nach neun Jahren Haft vom Obersten Gericht des Landes vom Vorwurf des Blasphemie freigesprochen wurde. Wie ernst die Lage ist, zeigt die Tatsache, dass die Regierung in Islamabad am Freitag in den großen Städten des Landes die Sperrung der Mobilfunknetze angeordnet hat.

In diese aufgeheizte Lage platzt nun die Tötung eines der einflussreichsten Islamisten Pakistans: Sami ul-Haq ist am Freitag tot in seinem Haus in Rawalpindi aufgefunden worden. Nach Angaben seines Sohnes wurde der 80-Jährige erstochen.

Eigentlich habe Sami ul-Haq am Freitag selbst an den Protesten gegen den Freispruch für Bibi teilnehmen wollen, sei aber von Straßensperrungen aufgehalten worden und nach Hause zurückgekehrt, berichtete sein Sohn dem pakistanischen Nachrichtensender "Geo News". Dann habe Sami ul-Haqs Fahrer für 15 Minuten das Haus verlassen. Bei seiner Rückkehr habe er seinen Chef in einer Blutlache in dessen Bett aufgefunden.

Seine Schule galt als "Universität des Dschihad"

Sami ul-Haq fungierte lange Jahre als Leiter der Religionsschule Darul Uloom Haqqania, die 1947 von seinem Vater gegründet worden war. Zu seinen Schülern gehörten Mullah Omar und andere spätere, hochrangige Talibanführer. Sami ul-Haq erwarb sich dadurch den Beinamen "Vater der Taliban", seine fundamentalistische Religionsschule galt als "Universität des Dschihad".

Mullah Omar bekam sogar ein Ehrendiplom der Koranschule: "Wir haben Mullah Omar für seinen Beitrag zum Frieden geehrt, so wie das eure Universitäten mit Mutter Teresa machten", sagte Sami ul-Haq dem SPIEGEL 2008 dazu. Obwohl in seiner Schule militante Fundamentalisten indoktriniert wurden, finanzierte der pakistanische Staat die Einrichtung mit Staatsgeldern mit.

Der Mann mit dem religiösen Titel eines Maulana - auf Deutsch: unser Meister - unterstützte den Kampf der afghanischen Islamisten gegen die Sowjets in den Achtzigerjahren genauso wie den bewaffneten Widerstand gegen die US-Armee und ihre Verbündeten nach 2001. "Die Taliban und al-Qaida kämpfen gegen die amerikanische Unterdrückung. Ihre Wege mögen nicht immer unsere Wege sein, aber sie haben das Recht dazu", sagte der Islamist 2004 dem SPIEGEL.

Er machte auch keinen Hehl daraus, dass er sich die Rückkehr der Taliban an die Macht in Kabul wünschte. "Sobald die Amerikaner weg sind, werden die Taliban in einem Jahr ganz Afghanistan beherrschen und ganz Afghanistan glücklich machen", sagte er 2013 voraus. Im selben Jahr traf er sich nach eigenen Angaben mit dem US-Botschafter in Pakistan.

In einem Punkt lag Sami ul-Haq mit dem pakistanischen Zweig der Taliban, den Tehrik-i Taliban (TTP), über Kreuz: Während die TTP die Polio-Impfkampagne im Land als unislamisch bezeichneten und Anschläge auf Ärzte guthieß, erließ der Vordenker der Islamisten im Dezember 2013 eine Fatwa, die das Impfen befürwortete.

Bündnis mit Premier Khan

Der Islamist war seit den Achtzigerjahren auch in der pakistanischen Politik in verschiedenen Ämtern aktiv. Er war Mitglied in der Madschlis al-Schura, dem Pseudoparlament, das den vom Westen unterstützten islamistischen Diktator Zia ul-Haq - nicht verwandt mit Sami - beraten sollte. Später war er insgesamt zwölf Jahre Mitglied im Senat, dem Oberhaus des pakistanischen Parlaments.

Vor der Parlamentswahl im Juli hatte er seine Unterstützung für die Partei PTI des späteren Wahlsiegers Imran Khan verkündet. Nach Angaben der pakistanischen Tageszeitung "Dawn" wollte der neue Premierminister den Islamisten bei der Reform der Religionsschulen in Pakistan konsultieren.

Pakistans Innenminister sprach der Familie des Toten am Freitag sein Beileid aus. Die Sicherheitskräfte wurden aus Angst vor weiteren gewaltsamen Protesten landesweit in Alarmbereitschaft versetzt.

syd/AP

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.