Verurteilte Christin in Pakistan Galgen oder Freiheit

Die Christin Asia Bibi sitzt in Pakistan seit knapp acht Jahren in der Todeszelle, weil sie den Propheten Mohammed beleidigt haben soll. Ihr Fall sorgte weltweit für Schlagzeilen. Ein Besuch bei ihrem Anwalt.

Christen in einer Kirche in Peshawar
imago/ Xinhua

Christen in einer Kirche in Peshawar

Aus Lahore, Pakistan, berichtet


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Die Polizisten haben ein Zelt vor dem ummauerten Einfamilienhaus aufgeschlagen, hier in einem schicken Wohnviertel in der pakistanischen Millionenmetropole Lahore. Olivgrünes Tuch, darunter zwei Pritschen, ein Ventilator, ein Fernseher; ein Stromkabel führt zum Haus. Vier Polizisten hocken in dem Zelt, sie tragen Pistolen an ihren Gürteln, Gewehre sind in greifbarer Nähe. Wann immer ein Auto vor dem Haus hält, steht einer auf und blickt den Besucher grimmig an.

Saif-ul-Malook heißt der Mann, der hier beschützt wird. Er trägt nur diesen einen Namen, und unter dem ist er in Pakistan sehr bekannt. Saif-ul-Malook ist Anwalt von Asia Noreen, bekannt als Asia Bibi, jener Feldarbeiterin, die 2009 von zwei Kolleginnen beschuldigt wurde, den Propheten Mohammed beleidigt zu haben. Sie, die Christin, hatte ihren muslimischen Kolleginnen an einem heißen Tag im Juni 2009 auf dem Feld bei der Erntearbeit Wasser angeboten. Zwei Frauen lehnten ab, angeblich mit den Worten, sie würden kein Wasser von einer Christin annehmen. Daraufhin soll Asia Bibi geantwortet haben, Jesus Christus sei für die Sünden der Menschen am Kreuz gestorben - was habe Mohammed für die Menschen getan? Asia Bibi bestreitet, das gesagt zu haben.

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Verurteilte Christin in Pakistan: Galgen oder Freiheit

Was genau damals geschehen ist, welche Worte gefallen sind, lässt sich nicht beweisen. Die Richter jedoch nahmen die Vorwürfe gegen Asia Bibi als Tatsache hin, die damals 38-Jährige wurde wegen Blasphemie angeklagt und zum Tode verurteilt. Seit bald acht Jahren sitzt sie nun in der Todeszelle. Aus Sorge, Mithäftlinge oder Wärter könnten ihr Gewalt antun, hat man sie nach Multan in ein Frauengefängnis verlegt. Dort, sagt Saif-ul-Malook, behandele man sie gut. "Die Wärterinnen unterhalten sich mit ihr."

Das lindere die Qualen der Isolationshaft. Außerdem hänge ein Fernseher im Gang, auf den sie von ihrer Zelle aus blicken könne, und das Gefängnispersonal habe ihr die Fernbedienung überlassen. Besuchsanfragen von Journalisten werden abgelehnt, nur ihr Anwalt und ihre Familie dürfen sie sehen.

Es ist ungewiss, ob Asia Bibi je wieder freikommt. Eine Entscheidung, wie es weitergeht, wurde im Oktober 2016 wegen Befangenheit eines Richters vertagt. Seither rührt sich in dem Fall nichts mehr. "Es gibt noch zwei Chancen", sagt Saif-ul-Malook. "Entweder der Oberste Gerichtshof überprüft das Urteil noch einmal und erklärt es für falsch. Oder der Präsident von Pakistan macht von seinem in der Verfassung verankerten Begnadigungsrecht Gebrauch." Noch in diesem Jahr müsse eine Entscheidung fallen. Öffentlicher Druck aus der ganzen Welt sei hilfreich, sagt er. Die Uno und der Papst haben sich schon für sie eingesetzt. In Pakistan fordern Extremisten lautstark ihre Hinrichtung und verbreiten ihre Forderung per SMS-Nachrichten.

Hassbotschaft gegen Asia Bibi
Hasnain Kazim

Hassbotschaft gegen Asia Bibi

Saif-ul-Malook weiß, wie gefährlich es ist, in Pakistan an der Seite von Asia Bibi zu stehen. Salman Taseer, Gouverneur der Provinz Punjab, der sich für eine Änderung des Blasphemiegesetzes aussprach und Asia Bibi im Gefängnis besuchte, wurde im Januar 2011 auf einem belebten Markt in der Hauptstadt Islamabad erschossen, von seinem eigenen Leibwächter. Zwei Monate später wurde der Minderheitenminister Pakistans getötet, auch er hatte das Blasphemiegesetz kritisiert und sich für Asia Bibi eingesetzt. Seine Mörder wurden bislang nicht gefasst.

"Bleiben Sie die nächsten Tage zu Hause"

Mumtaz Qadri, der Leibwächter und Mörder Taseers, wurde von vielen in Pakistan als Held gefeiert, weil er einen "Blasphemisten" beseitigt habe. Als Qadri dem Haftrichter vorgeführt wurde, begrüßten ihn Hunderte Menschen, darunter viele Anwälte, und bewarfen ihn mit Rosenblättern, um ihm ihre Bewunderung zu zeigen. "Unfassbar", sagt Saif-ul-Malook und schüttelt den Kopf.

Er vertrat die Familie von Taseer. Qadri wurde unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen der Prozess gemacht, er wurde zum Tode verurteilt. Am 29. Februar 2016, einem Montag, klingelte gegen 5 Uhr das Mobiltelefon von Saif-ul-Malook. Es war jemand aus der Justizverwaltung. "Bleiben Sie die nächsten Tage zu Hause und sperren Sie Türen und Fenster zu", riet man ihm. "Qadri wurde vor einer halben Stunde gehängt."

Saif-ul-Malook saß da schon im Auto, unterwegs zu einem Termin. Er sah eine wütende Menschenmenge, die Rache für den Tod Qadris forderte - und die Hinrichtung von Asia Bibi. "Ich fuhr an einer Demonstration vorbei und dachte: Gott sei Dank wissen die nicht, dass ich im Wagen sitze. Wahrscheinlich hätten sie mich sonst massakriert."

In den vergangenen Jahren ist es ansonsten still geworden um Asia Bibi. Kein Politiker traut sich mehr, sich öffentlich für sie einzusetzen oder gar eine Abschaffung des Blasphemiegesetzes zu fordern, jenen Teil des Strafgesetzbuchs, wonach die Verletzung von religiösen Gefühlen unter Strafe steht. Der Paragraf 295-C fordert bei Beleidigung des Propheten Mohammed zwangsläufig die Todesstrafe. Bislang wurde noch niemand nach diesem Gesetz hingerichtet, jedoch sitzen deswegen viele Menschen in Haft. In der Praxis wird das Gesetz ebenso gegen Muslime angewendet wie gegen religiöse Minderheiten. Es lädt geradezu zum Missbrauch ein und dient oft als Vorwand für persönliche Rache bei Streitereien.

"Ich interessiere mich für die rechtlichen Belange, nicht für ihren Glauben"

Pakistanische Politiker schweigen, dafür engagieren sich umso mehr Nichtregierungsorganisationen für Asia Bibi. "Zu viele", meint Saif-ul-Malook. Etwa 70 NGOs in Pakistan beanspruchten für sich, ihr zu helfen. "Es ist manchmal ein wenig chaotisch", sagt ihr Anwalt. "Sie werben mit ihrem Gesicht und treiben Geld ein. Aber bei Asia Bibi kommt das nicht an."

Den Unterstützern von Asia Bibi war Saif-ul-Malook als engagierter Jurist aufgefallen, als einer, den die Extremisten mit ihren Morddrohungen nicht beeindruckten. Sie fragten ihn, ob er auch Asia Bibi vertreten wolle - ihr vorheriger Anwalt habe keine gute Figur gemacht. Saif-ul-Malook sagte zu. Er selbst ist Muslim. "Aber spielt das eine Rolle? Für einen Arzt ist doch auch irrelevant, welche Religion er oder sein Patient hat. Ich interessiere mich für die rechtlichen Belange von Asia Bibi, nicht für ihren Glauben."

Vor ein paar Tagen traf er seine Mandantin im Gefängnis. Sie fragte: "Was passiert, wenn ich aus dem Gefängnis komme?" Saif-ul-Malook antwortete: "Viele Länder haben angeboten, dich aufzunehmen. Du schaust dir die Weltkarte an und entscheidest dich für ein Land. Und dann holt dich ein Flugzeug ab." Asia Bibi strahlte.

Sollte sie je freikommen, wird sie gewiss nicht in Pakistan bleiben. Denn auch wenn bislang noch nie ein wegen Blasphemie Verurteilter hingerichtet wurde, sind schon viele Beschuldigte später von einem Mob in einem Akt der Selbstjustiz umgebracht worden. "Das Schlimme ist: Wenn Asia Bibi freikommt, wird es gewaltige Proteste geben, sicher auch Tote", sagt Saif-ul-Malook. "Die Zukunft ist so oder so düster." Für sich selbst erhofft er sich eine ohne Leibwächter.

Zusammengefasst: Die Christin Asia Bibi wurde in Pakistan wegen Blasphemie zum Tode verurteilt. Seitdem sitzt sie in der Todeszelle. Ihr Anwalt Saif-ul-Malook sieht Chancen für ihre Freilassung. Doch danach müsste sie sofort das Land verlassen. Auch er selbst befindet sich in ständiger Lebensgefahr.



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