Ausschreitungen in Pakistan Wie Islamisten ein Land als Geisel nehmen

Tagelang tobte der Mob auf den Straßen Pakistans, weil eine Frau vom Vorwurf der Prophetenbeleidigung freigesprochen wurde. Die Regierung knickte schließlich ein. Warum haben Islamisten so viel Macht im Land?

Proteste gegen Asia Bibis Freilassung am 3. November in Karachi
AFP

Proteste gegen Asia Bibis Freilassung am 3. November in Karachi

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Tausende Männer trugen Plakate durch die Städte. Auf vielen war ein Galgen zu sehen. Auf manchen stand "Asia Bibi muss hängen". Auf anderen "Wir werden protestieren, bis sie tot ist". Dabei riefen sie: "Tod den Feinden des Islam." Islamisten riefen offen zum Mord an Asia Bibi auf. Jeder sei berechtigt, "sie im Namen Gottes zu töten". Der neue pakistanische Regierungschef Imran Khan, seit August im Amt, warnte noch, Lynchjustiz werde nicht folgenlos bleiben.

Dennoch tobte vergangene Woche in vielen Städten Pakistans der Mob, aufgebracht, weil drei Richter des Obersten Gerichtshofs in der Hauptstadt Islamabad es gewagt hatten, die mittlerweile etwa 51-jährige Asia Bibi vom Vorwurf der Blasphemie freizusprechen. Die Christin war 2009 von ihren muslimischen Nachbarinnen beschuldigt worden, den Propheten Mohammed beleidigt zu haben. Ein Jahr später wurde sie deswegen zum Tode verurteilt, saß knapp neun Jahre in der Todeszelle.

Am Wochenende knickte die Regierung ein. Sie beugte sich dem Druck der Islamisten und unterschrieb eine Vereinbarung, wonach sie sich einer Revision des Freispruchs nicht in den Weg stellen werde. Juristisch gesehen ist das Urteil unanfechtbar, doch die Extremisten fordern, dass andere Richter sich erneut mit dem Fall befassen und das Todesurteil bestätigen.

Wer steht hinter den Protesten?

Aufgerufen zu den Protesten gegen den Freispruch hat die radikalislamistische Partei Tehreek-e-Labbaik Pakistan (TLP). Sie vertritt den sunnitischen Islam der orthodoxen Barelwi-Bewegung und setzt sich für die vollständige Einführung der Scharia im pakistanischen Rechtswesen ein. Ihr Ziel ist vor allem, das Blasphemiegesetz zu schützen.

Asia Bibi mit Salman Taseer, dem Gouverneur von Punjab am 8. November 2010
DPA

Asia Bibi mit Salman Taseer, dem Gouverneur von Punjab am 8. November 2010

Nach der Verurteilung Bibis hatte sich der Gouverneur der Provinz Punjab für sie eingesetzt. Er wurde deshalb im Januar 2011 von seinem eigenen Leibwächter erschossen. Die TLP wurde vom radikalen Geistlichen Khadim Hussain Rizvi eigens gegründet, um die Hinrichtung des Mörders zu verhindern - er sei schließlich ein Held und ein guter Muslim, weil er den Unterstützer einer Blasphemistin getötet habe.

Wie steht die Regierung zu den Islamisten?

Grundsätzlich haben pakistanische Regierungen ein gespaltenes Verhältnis zu den radikalen Religiösen. Immer wieder haben sowohl gewählte Regierungschefs als auch Militärdiktatoren, die sich an die Macht putschten, Extremisten ausgebildet, gefördert oder zumindest wohlwollend ignoriert. Sie benutzten sie als Söldner in Afghanistan und in der Provinz Kaschmir, die sowohl Pakistan als auch Indien für sich beanspruchen. Es waren willkommene Kämpfer für Pakistans Interessen - und praktisch für die Regierung, die offiziell immer behaupten konnte, sie habe mit ihnen nichts zu tun. Aber ohne das Wirken Pakistans wären die Taliban nie so stark geworden.

Wann immer Islamisten ihre eigene Agenda verfolgten und Forderungen stellten, kam es zum Konflikt. Aber oft scheute die jeweilige Regierung den Konflikt mit ihnen und lenkte ein. Einige Beispiele:

  • Der als liberal geltende Premier Zulfikar Ali Bhutto ließ 1977 den Verkauf und Ausschank von Alkohol an Muslime verbieten, um konservative islamische Kreise für sich einzunehmen. Seither gilt dieses Verbot, auch wenn viele Menschen es durch Schmuggel, illegalen Handel und heimliche Produktion umgehen.
  • Als die Taliban Anfang 2009 das Swat-Tal, nur wenige Autostunden von Islamabad entfernt, einnahmen und die Scharia dort zum einzig gültigen Recht erklärten, ließ man sie gewähren, in dem Glauben, man könnte sie so ruhigstellen. Erst als die Extremisten weiter Richtung Hauptstadt vormarschieren wollten, bekämpfte man sie militärisch.
  • Als im Herbst 2012 das Video "Die Unschuld der Muslime" kursierte, in dem der Prophet Mohammed als Kinderschänder dargestellt wird, tobten die Extremisten in Pakistan. Der Film war eine bewusste Provokation eines in Kalifornien lebenden koptischen Christen ägyptischer Herkunft. Die pakistanische Regierung verordnete einen "Tag des Ausdrucks der Liebe für den Propheten", um den Menschen die Möglichkeit zum Protest zu geben - es wurde, wie zu erwarten war, eine Gewaltorgie im ganzen Land.
  • 2017 organisierte die TLP gewalttätige Proteste gegen eine Reform des Blasphemiegesetzes. Wochenlang blockierten Anhänger der Partei die Straßen in Islamabad und verlangten die Rücknahme eines Gesetzesentwurfes, wonach Politiker künftig nicht zwangsläufig einen Eid auf den Propheten ablegen mussten. Die Regierung verzichtete auf das Gesetz, zudem trat der Justizminister zurück.

Warum sind die Extremisten so stark?

Die Gründe für die Stärke von religiösen Extremisten in Pakistan sind vielschichtig. Zunächst einmal hat das Land bis heute nicht für sich klären können, was es eigentlich sein will: Demokratie oder Gottesstaat? Entstanden war es 1947 nach der Abspaltung von Indien, nachdem die Briten ihre Kolonie British India aufgegeben hatten. Pakistan sollte nach dem Willen von Staatsgründer Mohammed Ali Jinnah die Heimat der Muslime auf dem Subkontinent sein, geschützt vor der hinduistischen Mehrheit in der Region. Nach seinem Willen sollte es aber ein säkularer Staat sein, in dem Anhänger jeder Religion frei und friedlich leben konnten. Jinnah starb aber 1948 und konnte seine Pläne nicht umsetzen. Seither ist die pakistanische Gesellschaft tief gespalten in Religiöse und Säkulare, in Konservative und Liberale.

Die starken Feindbilder Indien und USA machen es den Extremisten leicht, für sich zu werben: als die Einzigen, die den Übeln dieser Welt die Stirn bieten können. Hinzu kommt, dass der pakistanische Staat schwach ist und elementaren Verpflichtungen wie Versorgung mit Energie und Trinkwasser oder einer Bildungsinfrastruktur nur unzureichend nachkommt. Hier springen religiöse Organisationen ein, bieten in Koranschulen kostenlose Ausbildung an, inklusive Verpflegung. Große Teile der Bevölkerung wissen das zu schätzen, zumal die Mehrzahl der Koranschulen keineswegs radikal ist.

Aber selbst gegenüber Extremisten sind viele Pakistaner nachsichtig - Terrorismus sei zwar verbrecherisch, gar "unislamisch", aber die Täter seien doch irrgeleitete Seelen und letztlich ja trotzdem "unsere Brüder". Radikale Prediger werden oft als ehrenwerte Männer angesehen, die sich für die Interessen von Muslimen einsetzen. Immerhin lebten sie, anders als viele korrupte Politiker, die reichen Dynastien entstammen, bescheiden und gottesfürchtig, so die Überzeugung.

Droht die Gefahr einer Übernahme des Landes durch Islamisten?

Pakistan wird immer wieder als "gefährlichstes Land der Welt" bezeichnet. Es ist eine Atommacht mit einem nuklearen Potential, das nur geschätzt werden kann. Befürchtungen, Islamisten könnten Atomwaffen erbeuten, beschwichtigt das Militär regelmäßig. Die Depots seien extrem gut gesichert, die Waffenkomponenten zudem getrennt gelagert, so dass niemandem eine fertige Atombombe in die Hände fallen könne.

Die Gefahr, die von Pakistan ausgeht, ist aber nicht, dass die Taliban oder andere Extremisten das Land überrennen, sondern dass sie schleichend die Macht übernehmen. Die Eingeständnisse, die die Regierenden ihnen gegenüber immer wieder machen, sind bedenklich. Jedes Einknicken suggeriert den Radikalen, dass sie den Staat weiter erpressen können. In Wahrheit geht es nicht um das Blasphemiegesetz oder Gottesfürchtigkeit, sondern allein um Macht. Bislang hat sich Religion in Pakistan als gut funktionierendes Machtinstrument erwiesen.

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