Vor der Parlamentswahl Pakistan wirft "New York Times"-Korrespondenten aus dem Land

Innerhalb von 72 Stunden soll Declan Walsh Pakistan verlassen. Die Regierung wirft dem "New York Times"-Korrespondenten "unerwünschte Aktivitäten" vor. Der Rauswurf erfolgt unmittelbar vor der Parlamentswahl - und wirft ein schlechtes Licht auf den Umgang der Behörden mit der Presse.

Sicherheitskräfte in Pakistan: US-Reporter soll das Land verlassen
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Sicherheitskräfte in Pakistan: US-Reporter soll das Land verlassen

Von , Islamabad


Der Rauswurf kam für Declan Walsh, 39, völlig überraschend. Der Pakistan-Korrespondent der "New York Times" (NYT) war unterwegs, als ihn am Donnerstag um kurz nach Mitternacht ein Anruf von unbekannter Nummer erreichte. Jemand forderte ihn auf, sofort zu seiner Wohnung in der Hauptstadt Islamabad zu kommen. Walsh eilte nach Hause und traf auf ein halbes Dutzend Polizisten und einen Mann in ziviler Kleidung. Der überreichte Walsh einen Umschlag und forderte ihn auf, den Empfang per Unterschrift zu bestätigen.

"Ich öffnete den Brief vor seinen Augen, weil ich ahnte, dass es sich um eine ernste Angelegenheit handeln müsse", sagte Walsh später seiner Zeitung. "Das war ein völlig unerwarteter Blitzschlag. Niemals hätte ich geahnt, dass ich aus dem Land geworfen werde." Doch genauso war es. "Sie werden hiermit informiert, dass Ihr Visum in Anbetracht Ihrer unerwünschten Aktivitäten zurückgezogen wird", schrieb ihm das pakistanische Innenministerium. "Sie werden aufgefordert, das Land innerhalb von 72 Stunden zu verlassen."

Der Rauswurf kommt zu einem denkwürdigen Zeitpunkt. Am Samstag wählt Pakistan ein neues Parlament und damit eine neue Regierung. Erstmals in der bald 66-jährigen Geschichte des Landes wird voraussichtlich eine demokratisch gewählte Regierung nach einer vollen Legislaturperiode von einer ebenfalls gewählten Regierung abgelöst. Weil die Taliban für den heutigen Wahltag Selbstmordanschläge im ganzen Land angekündigt haben, findet die Abstimmung unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen statt. Mehr als 600.000 Kräfte sind im Einsatz und bewachen vor allem die Wahllokale.

Am Samstagmorgen kam es bereits zu einem ersten tödlichen Anschlag: Nach Krankenhausangaben wurden mindestens drei Menschen getötet und zehn weitere verletzt, als am Samstagmorgen nahe eines Parteibüros in der südpakistanischen Wirtschaftsmetropole Karatschi ein Sprengsatz detonierte. Ziel sei ein Büro der paschtunischen Regionalpartei ANP gewesen, sagte ein Polizeisprecher. Zunächst bekannte sich niemand zu der Tat. Die ANP war im Wahlkampf immer wieder von den pakistanischen Taliban (TTP) angegriffen worden. Die TTP hält die Wahl für "unislamisch".

"Dinge getan, die über journalistische Arbeit hinausgehen"

Die "NYT" beschäftigt in dem Land mehrere einheimische Journalisten, doch Walsh selbst wird über dieses wichtige Ereignis nun nicht von vor Ort berichten können. Telefonate mit Regierungsverantwortlichen halfen nicht weiter, die Pakistaner blieben stur. Auf Nachfrage sagen die für ausländische Korrespondenten zuständigen Beamten, Walsh haben "Dinge getan, die über journalistische Arbeit hinausgehen". Konkreter werden wollte oder konnte aber niemand.

Erst nachdem der Versuch, den Streit durch Verhandlungen beizulegen, gescheitert war, gingen die Zeitung und Walsh an die Öffentlichkeit. Am Samstagmorgen twitterte Walsh: "Am Vorabend der Wahl aufgefordert worden zu gehen". Und ein paar Stunden später: "Ausgewiesen aus Pakistan".

Jill Abramson, Chefredakteurin der "NYT", schrieb einen Protestbrief an Innenminister Malik Muhammad Habib Khan und beschrieb darin Walsh als einen "integren Reporter, der zu jeder Zeit eine ausgewogene, nuancierte und auf Fakten basierte Berichterstattung über Pakistan" geliefert habe. Sie forderte Khan auf, das Visum von Walsh wieder für gültig zu erklären. Weder sie noch Walsh haben demnach eine genauere Begründung erhalten. "Unerwünschte Aktivitäten" sei ja doch etwas vage, schrieb Abramson.

"Verbreitung von Lügen"

Aus Militärkreisen war zu hören, man sei "unzufrieden über die Verbreitung von Lügen durch diese amerikanische Zeitung". Für Ärger hatte ein Bericht gesorgt, in dem Walsh schrieb, zwei Drohnenangriffe, die laut pakistanischen Berichten der US-Geheimdienst CIA verübt habe, seien gar nicht von den USA ausgeführt worden. Vielmehr müsse es sich um einen pakistanischen Schlag gehandelt haben, und die Pakistaner würden das nun den Amerikanern in die Schuhe schieben. Walsh bezog sich dabei auf namentlich nicht genannte US-Quellen.

Die Armee widersprach in außergewöhnlich scharfer Form und wies den Bericht von Walsh zurück als "Verzerrung von Fakten" und als Versuch, Pakistans kritische Haltung gegenüber den US-Drohnenangriffen zu unterminieren. Die Frage aber, was tatsächlich Auslöser für die Ausweisung von Walsh ist, beantworten Regierung und Militär nicht.

Die Armee und ihr Geheimdienst ISI sind die mächtigsten Institutionen im Land, auch wenn sie sich offiziell nicht in die Politik einmischen. Mehr als die Hälfte der Zeit seit der Staatsgründung 1947 haben Militärdiktatoren geherrscht. Bei der jetzigen Wahl hat die Armee sich weitgehend zurückgehalten. Offiziere machen aber in Hintergrundgesprächen kein Geheimnis daraus, dass sie den früheren Cricket-Nationalspieler und neuen Politikstar Imran Khan unterstützten.

Pakistan gilt der Organisation Reporter ohne Grenzen zufolge als eines der gefährlichsten Länder der Welt für Journalisten. Allein seit Jahresanfang sind sechs Reporter bei ihrer Arbeit ums Leben gekommen. Pakistan führt damit die Liste der tödlichsten Länder für Journalisten an.

Walsh, ein gebürtiger Ire, lebt seit neun Jahren in Pakistan und berichtete zunächst für den britischen "Guardian", seit Januar für die "NYT" aus dem Land und auch aus dem benachbarten Afghanistan. Er schreibt häufig über Terror und Gewalt, über islamische Extremisten und ihren Kampf, über die - oft angespannten - Beziehungen zwischen Pakistan und den USA, aber auch über die Kultur und das gesellschaftliche Leben in Pakistan.

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Niamey 11.05.2013
1. Weltweit erst der Anfang!
Zitat von sysopDPAInnerhalb von 72 Stunden soll Declan Walsh Pakistan verlassen. Die Regierung wirft dem "New York Times"-Korrespondenten "unerwünschte Aktivitäten" vor. Der Rauswurf erfolgt unmittelbar vor der Parlamentswahl - und wirft ein schlechtes Licht auf den Umgang der Behörden mit der Presse. http://www.spiegel.de/politik/ausland/pakistan-wirft-new-york-times-korrespondenten-aus-dem-land-a-899210.html
Egal in welchem Land, die Presse hat sich immer weiter von ihrer eigentlichen Berichtsarbeit entfernt und durch sogenannte gute Kontakte und Verquickungen zu einem Regierungs- und Meinungsmacheinstrument umgestaltet. Da das hier und da schlecht ankommt, wird es kurzfristig auh andere treffen!
koprolith 11.05.2013
2. @Niamey
Super, aber hätten Sie's nicht noch je Runde pauschaler? Und was schlagen Sie sonst noch vor? Presse weltweit verbieten?
phaeno 11.05.2013
3. Die Solidarisierung der Presse
ist ja gut zu verstehen und durchaus berechtigt. Eine freie Presse ist von unschätzbarem Wert für die Freiheit einer Gesellschaft. Eine Presse aber, die sich dieser Freiheit ohne Zwang und zugunsten ihrer Regierung freiwillig entledigt hat, muss genau damit rechnen. Ich hätte mir von diesem SPON-Artikel doch etwas mehr Hintergrundinformationen über die Machenschaften dieses US-Reporters erwartet.
stoptheidiots 11.05.2013
4. Es wirft eher ein Schlaglicht ...
Zitat von sysopDPAInnerhalb von 72 Stunden soll Declan Walsh Pakistan verlassen. Die Regierung wirft dem "New York Times"-Korrespondenten "unerwünschte Aktivitäten" vor. Der Rauswurf erfolgt unmittelbar vor der Parlamentswahl - und wirft ein schlechtes Licht auf den Umgang der Behörden mit der Presse. http://www.spiegel.de/politik/ausland/pakistan-wirft-new-york-times-korrespondenten-aus-dem-land-a-899210.html
... auf die Gradwanderung der pakistanischen Regierung. Zwischen dem Machtanspruch der radikalen Muslime und dem Überleben als vom Westen misstrauisch beobachteter Besitzer von Atomwaffen. Wie bei den Drohnen wird lauthals gegen die USA agiert und hintenherum alles zurückgenommen. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Zum Glück! Oder möchte jemand, der den bösen Imperialismus der USA in Afghanistan beklagt, dass die Taliban in den Besitz von Atomwaffen gelangen? Ich glaube fast, manche Vollblut-Antiimps sind so -sorry - bescheuert.
ferhano 11.05.2013
5. wundert mich nicht...
wenn man ggü Amerikanern Skepsis hegt. Als es feststand, dass Raymond Davids ein CIA Agent ist, der am hellichten Tag auf offener Straße 2 Menschen tötet, posaunen alle US Medien (inkl.NYT) auf bitten der US Regierung, dass es sich um einen US Botschaftsangehörifen handelt und damit diplomatische Immunität genießt. wo war da die Pressefreiheit? die Pflicht und Ehre, nur die Wahrheit zu sagen?
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