Anwalt aus Pakistan "Ich würde mich freuen, wenn Angela Merkel Asia Bibi Schutz anbietet"

Der Rechtsanwalt Saif-ul-Malook hat die wegen Blasphemie zum Tode verurteilte Christin Asia Bibi verteidigt - und ihren Freispruch durchgesetzt. Nun ist er in Europa untergetaucht. Ein Gespräch mit einem Mann auf der Flucht.

Saif-ul-Malook
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Saif-ul-Malook

Ein Interview von


Jahrelang lebte Saif-ul-Malook in seinem großen Haus in der pakistanischen Millionenmetropole Lahore wie in einem Hochsicherheitstrakt: umgeben von einer hohen Mauer, am Eingang Polizisten, auf der anderen Straßenseite noch mehr Polizisten mit Gewehren. Jeder Besucher wurde genau untersucht, jeder, der am Haus vorbeilief, registriert.

Islamische Extremisten hassen Saif-ul-Malook, unter anderem weil er in den vergangenen Jahren als Rechtsanwalt Asia Bibi verteidigt hat, jene Christin, die 2009 beim Beerenpflücken auf einem Feld von zwei Frauen beschuldigt wurde, den Propheten Mohammed beleidigt zu haben. Neun Jahre saß sie wegen Blasphemie in der Todeszelle. Am 31. Oktober sprach der Oberste Gerichtshof in der Hauptstadt Islamabad die Frau von allen Vorwürfen frei.

Seither ist Saif-ul-Malook auf der Flucht. Im Gespräch mit dem SPIEGEL erzählt er, warum er ausgerechnet jetzt untergetaucht ist und was er sich für die Zukunft von Asia Bibi und für seine eigene Zukunft erhofft.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind aus Pakistan geflohen, weil Sie dort um Ihr Leben fürchteten. Was genau ist geschehen?

Saif-ul-Malook: Ich erhalte schon seit Jahren Morddrohungen von Fundamentalisten. Ab 2012 war ich daran beteiligt, Mumtaz Qadri, den Mörder von Salman Taseer, Gouverneur der pakistanischen Provinz Punjab, strafrechtlich zu verfolgen. Taseer hatte sich für Asia Bibi eingesetzt, und sein eigener Leibwächter Qadri sah ihn deshalb als Blasphemisten an und erschoss ihn. Qadri wurde zwar verurteilt und 2016 hingerichtet, aber er wurde von vielen Radikalen als Held gefeiert. Weil ich zu seiner Verurteilung beigetragen habe, werde ich bedroht.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind seit Jahren in Gefahr, aber warum verlassen Pakistan erst jetzt?

Saif-ul-Malook: Nach dem Fall Qadri habe ich die Verteidigung von Asia Bibi übernommen, was dazu geführt hat, dass ich erst recht ins Visier der Extremisten geraten bin. Seit Jahren lebe ich schon mit Polizeischutz und in einem hoch gesicherten Gebäude. Aber nach am 31. Oktober vom Obersten Gerichtshof verkündeten Freispruch für Asia Bibi haben die Drohungen eine neue Dimension angenommen. Freunde und mehrere europäische Diplomaten haben mir eindringlich geraten, zu meiner eigenen Sicherheit Pakistan für eine Zeit zu verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Derzeit halten Sie sich in Europa auf. Planen Sie, nach Pakistan zurückzukehren?

Saif-ul-Malook: Mal sehen, was die Zukunft bringt. Im Westen sehen mich viele als Vorkämpfer für die Freiheit einer unschuldig in der Todeszelle sitzenden Christin. In der Tat habe ich mich selbst und meine Familie in Gefahr gebracht und mein Privatleben geopfert. Jetzt erwarte ich, dass andere sich für mich einsetzen und mir Schutz bieten. Wenn mich niemand einlädt, als Gast zu bleiben, werde ich zurückkehren nach Pakistan. Ich hoffe nicht, dass ich dort von irgendwelchen Extremisten umgebracht werde.

SPIEGEL ONLINE: Welche Zukunft hat Asia Bibi nun, nachdem sie zwar von allen Vorwürfen freigesprochen wurde, Islamisten aber durch Gewaltandrohungen durchgesetzt haben, dass ihr Fall erneut vor Gericht verhandelt wird?

Saif-ul-Malook: Ihre Zukunft ist entschieden: Der Oberste Gerichtshof hat sie am 31. Oktober in einem historischen Urteil freigesprochen, und diese Entscheidung ist bindend. Keine Regierung, kein Gericht, niemand kann sie rückgängig machen. Demnach ist sie frei, zu tun und zu lassen, was sie will. Sie kann gehen, wohin sie will.

SPIEGEL ONLINE: Eine radikale Islamistengruppe hat aber durchgesetzt, dass die Regierung eine Vereinbarung unterzeichnet hat, wonach sie einer Neuverhandlung des Falles nicht im Wege stehen wird.

Saif-ul-Malook: Das ist doch Unsinn. Wer auch immer da etwas unterschrieben hat, hat offensichtlich die pakistanische Verfassung nicht gelesen. Es gibt da nichts mehr zu verhandeln. Das sind alles irreführende Geschichten. Die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs ist glasklar. Punkt.

SPIEGEL ONLINE: Klar ist aber, dass ihr in Pakistan eine Lynchjustiz droht. Hat sie schon Asyl in einem anderen Land beantragt?

Saif-ul-Malook: Ihr Ehemann hat westliche Staaten um Asyl gebeten. Soweit ich weiß, hat ihr bislang noch kein Land eine Aufnahme zugesichert. Ich würde mich freuen, wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel Asia Bibi Schutz anbietet. Bei der Gelegenheit könnte sie mir das auch gleich anbieten. (Anmerkung: Inzwischen konnte Asia Bibi das Gefängnis verlassen. Nach Medienberichten sitzt sie im Flugzeug. Das Ziel ist noch unbekannt.)

SPIEGEL ONLINE: In Pakistan sieht man viele Proteste gegen Asia Bibi und ihren Freispruch. Warum demonstriert kaum jemand für sie?

Saif-ul-Malook: Die Menschen haben Angst, weil sie sehen, dass sie sich damit in Gefahr bringen. Dabei ist es eine vergleichsweise kleine Gruppe, die radikal ist. Die gesamte Welt sollte sich laut und deutlich auf die Seite von Asia Bibi stellen, um die Menschen in Pakistan zu ermutigen, gegen die Extremisten zu protestieren.

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