Pakistanische Klage gegen US-Drohnen : Das tapfere Dutzend

Von , Islamabad

Fast täglich sterben in Waziristan Menschen durch US-Drohnenangriffe - erstmals organisiert nun eine Gruppe von Angehörigen den Widerstand und traut sich, gegen die USA zu klagen. Zum Ärger der Taliban.

Drohnen im Einsatz: Krieg per Mausklick Fotos
USAF

Ein Auge und beide Beine. Das ist der Preis, den Sadaullah Wazir, 17, gezahlt hat. Dafür, dass er in einem Teil der Welt lebt, der als "Hort des Terrorismus" gilt und den die USA deshalb seit ein paar Jahren per Drohnen mit Raketen beschießen. Seit Barack Obamas Amtsübernahme geschieht dies immer häufiger. Die pakistanischen Zeitungen berichten inzwischen täglich von Toten und Verletzten in den Stammesgebieten im Westen von Pakistan.

Krieg ist die Hölle, diesen Satz prägte der amerikanische Bürgerkriegsgeneral William Tecumseh Sherman vor mehr als einem Jahrhundert, und Sadaullah Wazir ist in diese Hölle geraten, obwohl er sich den Krieg nicht ausgesucht, nie gekämpft hat, nie in die Schlacht gezogen ist. Der Krieg ist zu ihm gekommen, am 7. September 2009, als er vor dem Haus seiner Familie saß, in dem Dorf Machikhel, in der Region Nord-Waziristan.

Eine Drohne fliegt an dem Tag über den Ort, Wazir ist das surrende Geräusch vertraut, alle paar Tage sichtet er so ein Ding am Himmel. Es ist Abend im Fastenmonat Ramadan, die meisten Familienmitglieder haben sich zum Gebet ins Haus zurückgezogen. Nach dem Gebet wollen sie gemeinsam das Fasten brechen. Wazir genießt noch die letzten Sonnenstrahlen und bleibt draußen. Plötzlich zischt es, die Drohne feuert eine Rakete ab und trifft das Haus der Wazirs. Der junge Mann springt auf, will seinen Angehörigen zu Hilfe eilen, als das Gebäude einstürzt. Wazir ist da gerade vor dem Eingang. Eine Wand stürzt auf ihn und trennt beide Beine ab, ein Splitter zerfetzt sein Auge. Zwei Onkel und ein Cousin sterben in dem Inferno.

Krieg ist immer auch ein Propagandakrieg

Am nächsten Tag schreiben die Zeitungen, in Nord-Waziristan seien "mehrere Terroristen durch einen Drohnenangriff getötet worden". Es sind immer nur "Terroristen" und "Militante" und "Extremisten", die den Berichten zufolge getötet werden, nie Zivilisten. Krieg ist immer auch ein Propagandakrieg.

Gemeinsam mit einem Dutzend weiterer Opfer will Wazir sich nun wehren. Er hat sich der Klage von Karim Khan, 43, angeschlossen, einem Mann, der knapp vier Monate nach Wazir zum Ziel eines Drohnenangriffs im selben Dorf wurde und dabei seinen Sohn und seinen Bruder verlor . Zehn weitere Bewohner Waziristans wollen Khan unterstützen, allesamt Menschen, die Angehörige bei Drohnenattacken verloren haben. Zum Beispiel der 14-jährige Fahim Qureshi, der am 23. Januar 2009 sein linkes Auge verlor, einen Schädelbruch erlitt und von mehreren Splittern im Bauch getroffen wurde. Bei jener Attacke sollte angeblich Ilyas Kashmiri, einer der meistgesuchten Terroristen der Welt, getötet worden sein. Das stellte sich später als Falschmeldung heraus, die sieben Toten waren einfache Leute, Angehörige von Qureshi.

Waziristan, eine karge, bergige Region an der Grenze zu Afghanistan, gilt als Rückzugsgebiet für Extremisten. Der pakistanische Staat hat hier keinen Einfluss, Milizen, Stammesführer und Extremisten sorgen für eine Ordnung in ihrem Sinne. Als alliierte Truppen nach den Terrorangriffen vom 11. September 2001 in Afghanistan einmarschierten, flüchteten viele Kämpfer der Taliban über die Grenze in diese Region. Erst acht Jahre später, auf Druck aus Washington, startete die pakistanische Armee in Süd-Waziristan eine Offensive, seither konzentrieren sich die Verstecke der Extremisten im nördlichen Teil. Ob und wann es dort eine Militäroperation geben wird, ist offen.

CIA hält Drohneneinsätze für "präzise, gesetzlich und effektiv"

Aber sind deshalb alle Menschen in Waziristan Feinde? Gibt es im Krieg so etwas wie eine Sippenhaft? Und darf man Raketen auf Häuser von Zivilisten feuern?

Experten bezweifeln die Rechtmäßigkeit des amerikanischen Vorgehens in Pakistan. Philip Alston, unabhängiger Uno-Sonderberichterstatter für außergerichtliche Hinrichtungen, fordert, die USA mögen ihre Regeln für den Drohneneinsatz offenlegen, Zahlen zu zivilen Opfern nennen und nachweisen, dass ein anderer Weg als die tödlichen Angriffe aus der Luft nicht gangbar sei. Bislang äußert man sich in Washington zu den Drohneneinsätzen nur zurückhaltend. Es heißt lediglich, man sei auf diese Waffe angewiesen, um im Krieg in Afghanistan nicht auch noch Druck von Militanten von pakistanischem Territorium aus zu bekommen. Ein CIA-Sprecher erklärte kürzlich, die "Maßnahmen der CIA gegen Terroristen" seien "präzise, gesetzlich und effektiv". Der Geheimdienst hält sich zugute, durch die Drohnenangriffe mehrere hochrangige Extremisten getötet zu haben, darunter den pakistanischen Taliban-Chef Baitullah Mehsud.

Pakistans Regierung protestiert formell zwar gegen die Drohneneinsätze, aber heimlich genehmigt sie die Flüge, wie auch die von der Enthüllungsplattform WikiLeaks veröffentlichten US-Botschaftsdepeschen belegen. Sie liefert den Amerikanern sogar die Informationen über mögliche Stellungen von Terroristen - also die Zielkoordinaten.

"Wir sind frei zum Abschuss, nur weil wir in einer Region leben, die als böse gilt?", fragt Khan. Er ist der erste Betroffene, der den Widerstand gegen die CIA wagt. Die verantwortet den Drohneneinsatz. Es ist ein bemerkenswertes Szenario: ein wackeres Dutzend, einfache Menschen, teils Analphabeten, gegen den Geheimdienst der Vereinigten Staaten von Amerika.

Die Klage ist ein erster Gegenschlag von ein paar Dorfbewohnern gegen die CIA. Khan hat im Dezember gemeinsam mit seinem Anwalt Shahzad Akbar außerdem einen Protest vor dem Parlamentsgebäude in Pakistans Hauptstadt Islamabad organisiert. Die pakistanische Presse griff das Thema auf, so wurden die Menschen in Waziristan auf Khan und seinen Anwalt aufmerksam. Die Gruppe von Klägern formierte sich. Demnächst wollen sie auch in Waziristan demonstrieren.

Extremisten gewinnen durch Raketenbeschuss neue Anhänger

Khan ist aber auch etwas gelungen, das ihm die Aufmerksamkeit der Mächtigen in Washington sichert: Er fand den Namen des CIA-Büroleiters in Islamabad heraus und nannte ihn in seiner Klageschrift. Jonathan Banks wurde daraufhin sofort aus Pakistan abgezogen. Die Identität des lokalen CIA-Chefs gilt als eines der bestgehüteten Geheimnisse an der US-Botschaft in Islamabad. Wie konnte Khan sie in Erfahrung bringen und ihn neben US-Verteidigungsminister Robert Gates und CIA-Chef Leon Panetta namentlich anklagen? Schon vermuten amerikanische Diplomaten, der pakistanische Geheimdienst ISI habe seine Finger im Spiel.

Anwalt Akbar will die Klage der Drohnenopfer zunächst vor einem Zivilgericht in Islamabad durchfechten - und im Falle eines Erfolgs das Urteil in den USA vollstrecken lassen. "Die Forderung von 500 Millionen Dollar pro Todesfall ist sicher sehr hoch angesetzt", räumt er ein. "Es geht darum, dass meine Mandanten am Ende eine angemessene Entschädigung erhalten, dafür, dass sie Opfer der US-Politik wurden, nur weil sie in einer Region leben, in der die USA gegen Extremisten kämpfen."

Hört man den Betroffenen zu, geht es ihnen aber auch darum, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf ihr Schicksal zu richten. Anders formuliert: darum, Punkte zu machen im Propagandakrieg.

Unerwartet hat sich dabei eine zweite Front eröffnet: Extremisten in Waziristan bedrohen die Kläger. Sie haben sich längst mit dem Raketenbeschuss arrangiert, leben größtenteils in Höhlen, verzichten weitgehend auf Autos, wechseln regelmäßig ihren Aufenthaltsort. Die Militanten profitieren auf schauerliche Weise von den Drohneneinsätzen: Nach jedem Angriff, bei dem unschuldige Zivilisten sterben, gewinnen sie deren Angehörige als Anhänger - bis hin zu Kandidaten für Selbstmordattentate.

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insgesamt 122 Beiträge
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1. Menschenrechte und USA
founder 20.01.2011
Todesurteile die von ein paar Soldaten an der Fernsteuerung einer Drohne gefällt werden. Irgendwo zwischen den Verarbeiten vieler anderer Nachrichten wird einfach mal so ein Todesurteil über die Bewohner von einem Haus gefällt. Auf welcher Grundlage? Wer verteidigt die Bewohner des Hauses? Wieso sind diese Soldaten qualifiziert solche Todesurteile aus zu führen. China hat eine Tradition dem anderen nicht das Gesicht verlieren zu lassen. Ohne dieser Tradition hätte Hu Jintao wohl Präsident Obama in der Weltöffentlichkeit bezüglich Menschenrechte so bloß gestellt, daß Obama vollständig sein Gesicht verloren hätte.
2. Videospiel
shine31 20.01.2011
Für die "Operator" ist das doch nur noch ein Videospiel. Das dabei sehr oft auch unschuldige Zivilisten sterben, ist denen doch eh egal. http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-63656-3.html
3. Mord
ewspapst 20.01.2011
Fast täglich sterben in Waziristan Menschen durch US-Drohnenangriffe - erstmals organisiert nun eine Gruppe von Angehörigen den Widerstand und traut sich, gegen die USA zu klagen. Zum Ärger der Taliban. SPON Text. Eine ganz einfache Frage: Wieso muss ein normaler Bürger über diese Schweinereien noch diskutieren, es ist Mord, was hier geschieht.
4. Kriegsverbrechen bewusst in Kauf genommen
kalumeth 20.01.2011
Zitat von sysopFast täglich sterben in Waziristan Menschen durch US-Drohnenangriffe - erstmals organisiert nun eine Gruppe von Angehörigen den Widerstand und traut sich, gegen die USA zu klagen. Zum Ärger der Taliban. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,740104,00.html
solche finalen Drohnenschüsse k ö n n e n gar nicht gesetzlich sein. Nur leibhaftige Soldaten könn(t)en Zivilisten von möglichen Kombattanten/Terrorsten zu unterscheiden versuchen: durch Hausdurchsuchungen mit dem Gewehr im Anschlag. Niemals aber durch eine sofort feuernde Drohne. Militärs und Politiker, die solche Drohnenangriffe anordnen, gehören auf das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag.
5. geht nicht
Kupferfisch 20.01.2011
Zitat von kalumethsolche finalen Drohnenschüsse k ö n n e n gar nicht gesetzlich sein. Nur leibhaftige .....
...welches die USA aus gutem Grund nicht anerkennen....
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Fläche: 796.000 km²

Bevölkerung: 184,753 Mio. Einwohner

Hauptstadt: Islamabad

Staatsoberhaupt:
Mamnoon Hussain

Regierungschef: Nawaz Sharif

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Die wichtigsten Drohnentypen
"MQ-1 Predator"
Die "MQ-1 Predator" war im Jahr 1995 die erste Drohne, die bei der US-Luftwaffe zum Einsatz kam.

Hersteller: General Atomics Aeronautical Systems
Stückpreis: rund 4.5 Millionen Dollar
Bewaffnung: zwei Luft-Boden-Raketen "AGM-114 Hellfire"
Maße: 8,23 m lang, 14,84 m Flügelspannweite
Reichweite: 3704 km
Flughöhe: max. 7620 m
Steuerung: Fernsteuerung durch einen Piloten
"MQ-9 Reaper"
Die "MQ-9 Reaper"(früher "Predator B") basiert technisch gesehen auf der "MQ-1 Predator". Sie ist aber für den Angriff optimiert, da sie die zehnfache Waffenlast im Vergleich zum Ursprungsmodell befördern kann. Eingesetzt wird sie von der US-Marine und Luftwaffe.

Hersteller: General Atomics Aeronautical Systems
Stückpreis: 10,5 Millionen Dollar
Bewaffnung: bis zu 1361 kg
(z.B. Raketen der Typen "AGM-114 Hellfire" und "AIM-9 Sidewinder" oder Bomben der Typen "GBU-12 Paveway II" und "GBU-38 DAM")
Maße: 10,97 m lang, 20,12 m Flügelspannweite
Reichweite: 5926 km
Flughöhe: max. 15.400 m
Steuerung: Fernsteuerung durch einen Piloten
"RQ-7 Shadow 200"
Die "RQ-7 Shadow 200" dient bei der US Army und dem US Marine Corps zur Aufklärung. Sie ist seit 2003 im Einsatz und kann keine Ziele angreifen.

Hersteller: AAI Corporation
Stückpreis: 275.000 Dollar
Bewaffnung: keine
Maße: 3,4 m lang, 3,9 m Flügelspannweite
Reichweite: 125 km
Flughöhe: max. 4600 m
Steuerung: autonom, mit GPS
"RQ-4 Global Hawk" / "Euro Hawk"
Die "RQ-7 Global Hawk" wird als Langstrecken-Aufklärungsdrohne eingesetzt. Sie existiert in zwei Versionen. Die spätere (RQ-4B) wurde auch von der Bundeswehr als "Euro Hawk" eingeführt, ausgestattet mit Sensoren der deutschen EADS. Die Drohne ist wesentlich größer als "Predator", "Reaper" und "Shadow" und mit einem Strahltriebwerk ausgestattet.

Hersteller: Northrop Grumman
Stückpreis: 35 Millionen Dollar
Bewaffnung: keine
Maße: 13,53 m lang, 35,42 m Flügelspannweite (RQ-4A) bzw. 14,50 m lang, 39,89 m Flügelspannweite (RQ-4B)
Reichweite: 25.000 km (RQ-4A) bzw. 22.780 km (RQ-4B)
Flughöhe: max. 19.800 m
Steuerung: autonom, mit GPS