Pakistans Atombombe: "Vielleicht sind wir naiv, Idioten sind wir nicht"

Er konstruierte Pakistans Atombombe und soll sein Wissen an Libyen und Iran weiterverkauft haben: Seit 2004 steht Abdul Qadir Khan unter Hausarrest. Im E-Mail-Interview erklärt er nun, warum er damals die Schuld allein auf sich nahm - und beschuldigt die pakistanische Armee. 

Vater der pakistanischen Atombombe, Abdul Qadir Khan: "Bedingte Begnadigung" Zur Großansicht
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Vater der pakistanischen Atombombe, Abdul Qadir Khan: "Bedingte Begnadigung"

SPIEGEL ONLINE: Extremisten fordern die Atommacht Pakistan ernsthaft heraus, wie der Überfall auf den Marine-Stützpunkt in Karatschi vor kurzem zeigt, bei dem 16 Menschen starben. Wie sicher sind Pakistans Nuklearwaffen?

Khan: Diese Ängste sind Ausdruck einer westlichen Hysterie. Die Sicherheit der pakistanischen Atomwaffen war nie bedroht und wird es auch niemals sein. Schon in den frühen achtziger Jahren hat die Armee einen absolut sicheren Mechanismus eingeführt, der von den nachfolgenden Armeechefs immerzu verbessert wurde. Die Anlage war durchgehend gesichert durch ein bewaffnetes Armeekontingent, unsere Experimente wurden stets durch ein undurchdringbares, mehrstufiges Sicherungssystem geschützt.

Inzwischen hat die Aufsichtsbehörde National Command Authority ein System, das jede Entscheidung nur durch Zustimmung einer ganzen Gruppe von Leuten ermöglicht - und die besitzen ihrerseits wiederum bestimmte Sicherheits-Codes. Selbst wenn diese Gruppe von Extremisten unterwandert würde, könnten Sie sich die Bombe nicht aneignen.

SPIEGEL ONLINE: Niemand war im Atom-Geschäft mit problematischen Ländern wie Libyen, Iran und Nordkorea aktiver als Sie. Was trieb Sie an? Geld? Oder wollten Sie anderen Ländern einfach helfen, die Bombe zu bauen?

Khan: Ich war in der Frage der Weitergabe von Atomwaffen nie nachlässig. Das sogenannte A.-Q.-Khan-Netzwerk existiert schlicht und einfach nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte?

Khan: Internationale Lieferanten verkauften sowieso an jeden, der bereit war, dafür zu bezahlen; mich brauchten sie dafür gar nicht. Die Lieferanten für Libyen und Nordkorea waren die gleichen, die wir auch in unserer Firma Khan Research Laboratories nutzten. Mit Nordkorea hatten wir einen Vertrag zum Bau von Raketen, die Nordkoreaner hatten ihr eigenes Plutonium-Programm und nutzten Plutonium bereits in Testverfahren.

Die Logistik für die Anlage war in der Hand der Armee, und die prüfte jedes einzelne Stück, das hineinkam oder das die Anlage verließ. Wie hätte ich da irgendetwas irgendwohin schicken können ohne Wissen der Armee?

SPIEGEL ONLINE: Sie behaupten ernsthaft, nie mit Atomwaffen gedealt zu haben?

Khan: Nein, nein und nochmals nein. Ich habe finanziell nicht davon profitiert. Wäre das der Fall gewesen, müsste mir der Staat heute nicht monatlich eine Pension bezahlen.

SPIEGEL ONLINE: Wer verdiente dann am großen Geschäft, das ohne Wissen der Armee nicht durchzuführen war? Bestimmte Offiziere?

Khan: Wer davon profitiert hat, darf ich nicht sagen.

SPIEGEL ONLINE: Vor sieben Jahren erklärten Sie vor einem Millionenpublikum im pakistanischen Fernsehen, aus Profitgier Nukleartechnologie verkauft zu haben. Warum widerrufen Sie das heute?

Khan: Ich nahm damals die ganze Schuld auf mich, weil die politische Führung mich dringend darum bat. General Pervez Musharraf versprach mir damals eine Begnadigung, kurz darauf redete er plötzlich nur noch von einer "bedingten Begnadigung". Dann wurde unser Haus durchsucht und verwanzt, Telefone und Internet abgeschaltet.

SPIEGEL ONLINE: Sie behaupten, ausgetrickst worden zu sein?

Khan: Ausgestrickst ist nicht das richtige Wort, aber diejenigen, die am meisten von meiner Arbeit profitierten - die Armee eben -, sind mir in den Rücken gefallen.

SPIEGEL ONLINE: Könnte ein Atomkrieg zwischen den verfeindeten Nachbarstaaten Indien und Pakistan überhaupt von einer Seite gewonnen werden?

Khan: Pakistan war durch Indiens Atomtests und durch seine aggressive Politik gezwungen, selbst zur Atommacht zu werden. Die Abschreckung von Nuklearwaffen liegt darin, dass beide Seite wissen, ein Erstschlag kann in gleicher Weise vergolten werden. Hätte Japan im Zweiten Weltkrieg Nuklearwaffen besessen, die Amerikaner hätten ihre Bomben niemals benutzt.

Seit 1971 gab es keinen Krieg mehr zwischen Indien und Pakistan. Die Gefechte um Kargil im Jahr 1999 waren lokal begrenzt, und die Frage nach der Anwendung von Nuklearwaffen kam nie auf. Vielleicht sind wir naiv, Idioten sind wir nicht. Beide Seiten wissen um die Konsequenzen.

SPIEGEL ONLINE: Ohne Nuklearwaffen würde Pakistan heute nicht als eines der gefährlichsten Länder der Welt wahrgenommen. Bereuen Sie es, die Bombe gebaut zu haben?

Khan: Ich bin fest überzeugt, das Beste für Pakistan getan zu haben. Diese Kernwaffen sichern den Frieden - und das Motto dafür lautet nun einmal Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich bin überzeugt, dass es gerade wegen der Nuklearwaffen nie wieder einen Krieg zwischen Indien und Pakistan geben wird.

Das Interview führte Susanne Koelbl

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insgesamt 12 Beiträge
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1. Erkenntnistheorie
Regulisssima 27.06.2011
"Vielleicht sind wir naiv, Idioten sind wir nicht" Drücken wir es mal vornehmer aus: Wer glaubt, statt zu denken, hat einen schwierigeren, weiteren und gefährlicheren Weg zur Erkenntnis. Das ist auch Pakistans Problem.
2. Herr Düsentrieb
Kniefall 27.06.2011
Neben Saudi-Arabien ist Pakistan definitv das Land mit der kritischsten Masse an Muslimen, um es mal in der Sprache der Atomphysik zu belassen. Zu viele freie Radikale. Und so eine kleine dreistellige Zahl an Atombomben in diesem Pulverfaß macht das ganze Experiment erst richtig interessant.
3. haha
cartwright58 27.06.2011
Zitat von sysopEr konstruierte Pakistans Atombombe*und soll sein Wissen an Libyen und Iran weiterverkauft haben: Seit 2004 steht Abdul Qadir Khan unter Hausarrest.*Im E-Mail-Interview erklärt er nun,*warum er*damals die Schuld allein auf sich nahm*- und beschuldigt die pakistanische Armee.* http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,770498,00.html
"Inzwischen hat die Aufsichtsbehörde National Command Authority ein System, das jede Entscheidung nur durch Zustimmung einer ganzen Gruppe von Leuten ermöglicht - und die besitzen ihrerseits wiederum bestimmte Sicherheits-Codes. Selbst wenn diese Gruppe von Extremisten unterwandert würde, könnten Sie sich die Bombe nicht aneignen." Da in ich jetzt aber wahnsinnig beruhigt, dass die integere, absolut loyale und völlig unbestechliche pakistanische Armee in bekannter Weise sicherstellt(e), dass da nichts in extremistische Hände fällt. Und dass der Gute da irgendwelche Schweinereien betrieben hätte, hätte ja ganz wirklich niemand geglaubt. Eigentlich dachte ich, die Zeit der Märchen aus 1001 Nacht wäre schon lange vorbei.
4. Hoffentlich hat er Recht.
mitbürger 27.06.2011
Die Geister, die ich rief...
5. .
Layer_8 27.06.2011
Zitat von sysopEr konstruierte Pakistans Atombombe*und soll sein Wissen an Libyen und Iran weiterverkauft haben: Seit 2004 steht Abdul Qadir Khan unter Hausarrest.*Im E-Mail-Interview erklärt er nun,*warum er*damals die Schuld allein auf sich nahm*- und beschuldigt die pakistanische Armee.* http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,770498,00.html
"Pakistan war durch Indiens Atomtests und durch seine aggressive Politik gezwungen, selbst zur Atommacht zu werden. Die Abschreckung von Nuklearwaffen liegt darin, dass beide Seite wissen, ein Erstschlag kann in gleicher Weise vergolten werden. Hätte Japan im Zweiten Weltkrieg Nuklearwaffen besessen, die Amerikaner hätten ihre Bomben niemals benutzt." Nochmals: Die indische Atombombe wurde damals wegen China konzipiert&entwickelt und nicht wegen Pakistan. China hatte ja 10 Jahre zuvor Indien angegriffen und Land besetzt (Kaschmir, ja, auch die Chinesen waren an der Problematik beteiligt), in den sechzigern. Die Pakistaner sehen sich größer als sie in Wirklichkeit sind. Damals wie heute.
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Zur Person
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Abdul Qadir Khan gilt als Vater der pakistanischen Atombombe. Er studierte Metallurgie an der Technischen Universität in Berlin, in Belgien und in den Niederlanden, wo er unter anderem für den Betreiber einer Urananreicherungsanlage arbeitete.

Nachdem Indien 1974 seine erste Atombombe gezündet hatte, wurde er vom damaligen pakistanischen Premier Zulfikar Ali Bhutto mit der Leitung des Nuklearprogramms betraut. 2003 wurden in Iran und Libyen Gaszentrifugen gefunden, wie sie Khan in Pakistan verwendet hatte. 2004 erklärte Khan öffentlich, dass er den fraglichen Staaten sowie Nordkorea technisches Know-how geliefert habe - woraufhin der damalige Präsident Musharraf ihm Straffreiheit zusicherte. Allerdings stand er danach für längere Zeit auch unter Hausarrest.

Es konnte bis heute nicht endgültig geklärt werden, ob Khan mit Wissen der pakistanischen Führung arbeitete. Er bestreitet heute, Pläne zum Zentrifugenbau für die Urananreicherung auf eigene Rechnung verkauft zu haben.

Fläche: 796.000 km²

Bevölkerung: 184,753 Mio. Einwohner

Hauptstadt: Islamabad

Staatsoberhaupt:
Mamnoon Hussain

Regierungschef: Nawaz Sharif

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