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Pakistans Großfamilien: Babyboom mit Allahs Hilfe

Von , Islamabad

In kaum einem Land wächst die Bevölkerung so schnell wie in Pakistan - sie wird schon bald die viertgrößte der Welt sein. Das bringt zahlreiche Probleme mit sich, doch Geburtenkontrolle ist verpönt: Kinder bedeuten Ansehen, sind die beste Altersvorsorge und gelten als Geschenk Gottes.

Pakistan: Das Ideal der Großfamilie Fotos
AP

Mohammed und Tahira Asif sind beide erst 28 Jahre alt - und haben schon sechs Kinder. Die ersten drei sind Mädchen, das älteste zehn Jahre alt, dann zwei Jungen, jetzt wieder ein Mädchen. Ein weiteres Kind starb an einer Lungenentzündung. Die Eltern sind stolz auf ihre große Familie, auch wenn Mohammed als Angestellter in einem Lebensmittelgeschäft am Rand von Charsadda, einer Stadt in Nordwestpakistan, kaum genug verdient, um sie zu ernähren.

Verhütung kommt für die beiden nicht in Frage. "Wir werden sicher noch weitere Kinder bekommen, so Gott will", sagt er. Seine Frau lächelt verlegen.

Pakistans Bevölkerung wächst so schnell wie kaum ein anderes Volk. Derzeit weist die "Bevölkerungsuhr" der Regierung fast 177 Millionen Einwohner aus. Der Statistik zufolge bekommt jede Frau im Durchschnitt knapp vier Kinder. Hält dieses Wachstum an, wird Pakistan, heute auf Platz sechs der bevölkerungsreichsten Länder der Welt, bis Mitte des Jahrhunderts auf Platz vier liegen, hinter den flächenmäßig viel größeren Staaten Indien, China und USA.

Vielleicht geht es sogar noch schneller: Die Beamten staunten nicht schlecht, als sie in den vergangenen zwölf Monaten durchs Land reisten, um die Schäden der Flutkatastrophe von 2010 auch in entlegenen Regionen zu begutachten. "Dort hatten viel mehr Familien als angenommen zwölf und mehr Kinder", sagt Qadeer Baig von der niederländischen World Population Foundation (WPF). Seither gebe es Überlegungen, die offizielle Bevölkerungszahl um rund 25 Millionen auf dann gut 200 Millionen zu korrigieren.

"Kinder sind Allahs Geschenk"

Es ist eine Mischung aus Mangel an Verhütungsmöglichkeiten und traditionellen Vorstellungen von großen Familien. In der pakistanischen Gesellschaft ist die Familie immer noch das einzige Sozialsystem. Kinder (genauer: Söhne) sind die Altersvorsorge der Eltern, im Idealfall bleiben sie ihr Leben lang bei ihnen und kümmern sich um sie. Mädchen helfen im Haushalt, solange sie jung sind und bei den Eltern leben. Bei Krankheit oder Arbeitslosigkeit hilft nur die Familie. Vom Staat ist nichts zu erwarten. "Wir sind froh, dass wir Töchter und Söhne haben", sagt Mohammed Asif. Für die Töchter werde er schon gute Partien finden, "sie sollen es gut haben im Leben".

Aber warum will er noch mehr Kinder bekommen? "Kinder sind Allahs Geschenk", antwortet er. "Wer sind wir, es nicht anzunehmen?"

Die pakistanische Regierung weiß, dass die meisten Menschen diese Einstellung teilen - und verzichtet deshalb gleich auf eine umfassende Familienpolitik. Kurz nach der Staatsgründung im Jahr 1947 warnte Militärherrscher General Ayub Khan noch vor Überbevölkerung und förderte Organisationen, die sich mit Familienplanung befassten. Damals hatte das Land weniger als 40 Millionen Einwohner. Doch 1965 und 1971 führte Pakistan Krieg gegen den Erzfeind Indien, da blieb für Familienpolitik keine Zeit. Ab 1977 herrschte dann der islamfanatische Diktator General Zia ul-Haq. Dessen Maxime war: Je mehr Kinder, desto besser.

Die heutige Regierung hat eine Zeitlang den Spruch propagiert: "Zwei Kinder sind genug." Das stieß auf massive Kritik, "unislamisch" sei das, wüteten konservative Politiker. Die Regierung beschränkt sich deshalb jetzt darauf, den Menschen zu empfehlen, die Zeitabstände zwischen den Geburten größer werden zu lassen. "Mindestens zwei Jahre, besser drei", riet Premierminister Yousuf Raza Gilani am Weltbevölkerungstag Mitte Juli. Landesweit wurden Plakate aufgehängt: "Die Gesundheit von Mutter und Kind ist von größter Wichtigkeit. Planen Sie Ihre nächste Schwangerschaft nach zwei Jahren." Mehr Familienpolitik gibt es in Pakistan nicht.

Mangelndes Wissen über das Thema Sexualität ist das größte Problem

So sind etwa 60 Prozent der Menschen in Pakistan unter 30 Jahre jung - und die Bevölkerung wächst und wächst. Doch das Land macht kaum etwas aus diesem Potential, das eine so junge Gesellschaft durchaus bietet. Millionen von jungen Menschen bekommen keine Bildung, finden keine Arbeit, haben keine Perspektive. Noch reichen die Lebensmittel, die Pakistan produziert. Aber was, wenn die Bevölkerung immer größer wird? Wie steht es dann um die wirtschaftliche Entwicklung und um die Sicherheit des ohnehin instabilen Landes? Schon jetzt gibt es zu wenig Trinkwasser, zu wenig Gas, zu wenig Strom. Geburtenkontrolle oder gar eine Ein-Kind-Politik wie im benachbarten China sind mit islamischen Wertvorstellungen unvereinbar.

Qadeer Baig von der WPF ist überzeugt, dass mangelndes Wissen über Sexualität das größte Problem ist. Zwar verteilen mehrere Organisationen kostenlos Kondome, doch viele Menschen wüssten damit gar nicht umzugehen, sagt er. Seine Organisation führte deshalb etwas geradezu Unerhörtes ein: Sexualkunde an Koranschulen. "Wir haben lange und ausführlich mit den Mullahs gesprochen, haben ihr Vertrauen gewonnen, und am Ende waren einige bereit, diesen Unterricht zuzulassen."

Natürlich nennen sie ihn nicht Sexualkunde, sondern "Erziehung in Lebenskunde" - strikt getrennt nach Jungen und Mädchen. "Zunächst geht es darum, das Selbstbewusstsein der Pubertierenden zu stärken, später sprechen wir über Beziehung und Familie, über sexuelle Wünsche, Masturbation." Wenn alles glattläuft, lernen die Jugendlichen am Ende, wie man ein Kondom benutzt. "Es gab gelegentlich schon Kritik", sagt Baig. "Aber in den meisten Fällen hat es funktioniert."

Es gab Kurse an Koranschulen in Peschawar, Quetta und Karatschi. "Leider fehlt es uns jetzt an Finanzen, diesen Unterricht fortzuführen", sagt Baig. "Selbst bei pakistanischen Geldgebern existiert eine Scheu, mit Madrassen zusammenzuarbeiten. Sie haben Angst vor den Koranschulen."

Mohammed Asif kann dieser Diskussion nichts abgewinnen. "Kinder sind doch etwas Tolles", sagt er. Sein Bruder habe 16 Kinder, Nummer 17 sei bald da. So viele wolle er auch einmal haben, in ein paar Jahren.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 147 Beiträge
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1. ................
Mischa, 01.08.2011
Zitat von sysopIn kaum einem Land*wächst die Bevölkerung so schnell*wie in Pakistan - sie wird schon bald die*viertgrößte*der Welt sein. Das bringt zahlreiche Probleme mit sich,*doch Geburtenkontrolle ist*verpönt: Kinder bedeuten Ansehen, sind die beste*Altersvorsorge und gelten als Geschenk Gottes. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,774587,00.html
Da gab es irgendwann mal einen Artikel über Pakistan. Titel: "Das gefährlichste Land der Welt" .........
2. ....
toledo, 01.08.2011
Sieh an... Pakistan, eines der kinderfreundlichsten Länder der Erde! Uns so ganz ohne Kinder- und Erziehungsgeld oder sonstige staatliche Leistungen!
3. ...
Barksdale 01.08.2011
Zitat von toledoSieh an... Pakistan, eines der kinderfreundlichsten Länder der Erde! Uns so ganz ohne Kinder- und Erziehungsgeld oder sonstige staatliche Leistungen!
Es zeigt sich, es geht auch ohne Vater Staat. Geld für die Tabak und Alkoholindustrie hingegen bleibt nicht übrig.
4. von Allah reich beschenkt
wmebh 01.08.2011
Gott gibts den Seinen
5. Ich freue mich!
nataliadirks@gmail.com, 01.08.2011
so kann doch die Übergeburtenrate Pakistans mit der Mindergeburtenrate Europas ausgegelichen werden, oder etwa nicht?
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Serie: Das Baby-Dilemma

Warum kriegen Amerikanerinnen mehr Kinder als Deutsche? Treten die Griechinnen in der Krise in den Gebärstreik? SPIEGEL ONLINE blickt in die Ferne und stellt in einer Serie Familien aus aller Welt vor - ihre Wünsche, über Bord geworfene und neu gefasste Pläne, ihre Traditionen und Zwänge.


Geburtsrate pro Frau in ausgewählten Ländern
Land 2011* 2009 2005 2000
Niger 7,60 7,1 7,3 7,5
Uganda 6,69 6,3 6,6 6,8
Pakistan 3,17 3,9 4,2 4,7
USA 2,06 2,1 2,1 2,1
Großbritannien 1,91 2,0 1,8 1,6
Norwegen 1,77 2,0 1,8 1,9
Deutschland 1,41 1,4 1,3 1,4
Italien 1,39 1,4 1,3 1,3
Griechenland 1,38 1,5 1,3 1,3
Hongkong 1,07 1,0 1,0 1,0
Macau 0,92 1,0 0,9 0,9
Quelle: Weltbank
*Geschätzt. Quelle: CIA The World Factbook
Die Uno-Kinderrechtskonvention

Alle Staaten mit Ausnahme der USA und Somalia haben die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen unterzeichnet. In Deutschland ist die Konvention seit 1992 in Kraft, die Kohl-Regierung hatte die Erklärung jedoch nur mit Vorbehalten unterschrieben. In dem Dokument sind Standards zum Schutz von Kindern und Jugendlichen weltweit festgelegt. Besonders ihr Wohl wird in der Kinderrechtskonvention betont.

Wesentliche Grundsätze der 54 Artikel umfassenden Erklärung zielen auf

  • - Überlebens- und Entwicklungschancen von Kindern
  • - Nichtdiskriminierung
  • - Wahrung der Interessen von Kindern
  • - Beteiligung von Kindern und Jugendlichen

Fläche: 796.095 km²

Bevölkerung: 191,710 Mio.

Hauptstadt: Islamabad

Staatsoberhaupt:
Mamnoon Hussain

Regierungschef: Nawaz Sharif

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