Nach Mullah Omars Tod Pakistans heimliche Taliban-Strategie

Die Taliban scheinen nach dem Tod ihres Anführers Mullah Omar besser organisiert zu sein als je zuvor. Pakistans Geheimdienst hat dabei offenbar heimlich geholfen - für das Nachbarland Afghanistan ist das eine gefährliche Entwicklung.

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Die Taliban konnten ihre drohende Spaltung offenbar abwenden: Auch die Familie des verstorbenen Anführers Mullah Omar schwor dem neu gewählten Chef Mullah Akhtar Mansoor nun die Treue. Das zeigt ein Video, das die Radikalislamisten vergangene Woche pakistanischen Medien zuspielten.

Nach dem Tod von Mullah Omar hatten sich dessen Bruder Manan und Omars Sohn Yaqoub gegen Mullah Mansoor als Nachfolger in Stellung gebracht. Zudem nahmen dessen interne Rivalen den Machtkampf gegen den Neuen auf - allen voran der frühere Militärchef Qyyum Zakir.

Mansour, zuletzt die Nummer zwei hinter Mullah Omar, hatte als erster die Position des "Amir-ul Momineen", des Befehlshabers aller Gläubigen, beansprucht. Hochrangige Taliban-Kommandeure stellten sich jedoch gegen seine Wahl - weil Mansoor ihnen den Tod Mullah Omars verschwiegen und einfach in dessen Namen kommandiert hatte. Die Taliban-Schura, höchstes Beratergremium der Kampfgruppe, verlangte eine Vollversammlung, um den neuen Befehlshaber zu bestimmen.

Den Streit zu beenden halfen offenbar alte Mudschahidin-Kämpfer wie Jalaluddin Haqqani. Er ist ein Veteran der ersten Stunde, seit 1979 die Rote Armee der Sowjetunion am Hindukusch einmarschierte. Seither kämpft er mit seinem sogenannten Haqqani-Netzwerk gegen die ausländischen Truppen in Afghanistan, unterstützt vom pakistanischen Geheimdienst. Das Haqqani-Netzwerk wird für die meisten schweren Selbstmord-Anschläge in Afghanistan verantwortlich gemacht.

Haqqanis Basis liegt im weithin unzugänglichen pakistanischen Stammesgebiet Nordwaziristan. Sein Sohn, Siraj Haqqani, wurde gerade zum künftigen Stellvertreter des neuen Talibanführers bestimmt.

Zwei Wunschkandidaten Pakistans an der Taliban-Spitze

Auch Gelehrte der pakistanischen Darul Uloom Haqqania, der einflussreichen Religionsschule in der Nordwest-Provinz Khyber Pakhtunkhwa wirkten in den vergangenen Wochen offenbar mäßigend auf die Gegner Mansoors ein.

Die Talibanschule pflegt ebenfalls enge Beziehungen zum pakistanischen Geheimdienst ISI, der wie die Radikalislamisten und das Haqqani-Netzwerk das Ziel verfolgt, die vom Westen gestützte Regierung in Afghanistan scheitern zu lassen - auch wenn Islamabad offiziell stets behauptet, mit Kabul zu kooperieren. Mit Mansoor und seinem Stellvertreter Siraj Haqqani stehen nun die zwei Wunschkandidaten des ISI an der Spitze der Taliban-Armee.

Der Grund für Pakistans geheime Strategie in Afghanistan ist die notorische Furcht des Landes vor seinem Nachbarn Indien, mit dem es bereits drei große Kriege führte. Nach einer inoffiziellen Militärdoktrin muss in Kabul eine Pakistan-freundliche sowie Indien-feindliche Regierung herrschen, um im Konfliktfall Afghanistan als Rückzugsraum nutzen zu können. Weil dieser Anspruch völkerrechtlich schwer begründbar wäre, nutzt Pakistan die von ihnen unterstützten Taliban als eine Art Stellvertreterarmee.

Erstmals sind nun die Taliban-Kämpfer, die von Haqqani ausgebildet werden, in einem aufwendig produzierten 95 Minuten langen Video ihrer Propagandazentrale zu sehen. In seiner Machart erinnert das Werk stark an die Video-Botschaften von al-Qaida und dem "Islamischen Staat". Die Männer bereiten darin einen Selbstmordeinsatz vor und trainieren an der Waffe, von der AK 47 bis zum modernen Raketensystem.

Haqqanis "Salahaddin Ayyubi"-Camp ist nach einem bekannten Selbstmord-Attentäter benannt und befindet sich entweder in Nordwaziristan oder im Osten Afghanistans. Auffallend ist die Disziplin und die einheitliche, neue Bekleidung der Rekruten. Die Kämpfer bemühen sich darin, wie eine reguläre Armee auszusehen. Es liegt nahe, dass der pakistanische Geheimdienst mit Regie geführt hat.

Das Video zeigt zudem die Planung und Durchführung eines komplexen Selbstmordanschlags gegen den afghanischen Geheimdienst NDS in der Provinz Ghazni vom 4. September. Dabei starben nach Angaben der Kabuler Regierung 14 NDS-Mitarbeiter, 154 Menschen wurden verletzt.

Die Botschaft der Taliban-Strategen ist, dass ihre Schlagkraft nach Mullah Omars Tod ungebrochen ist - aber auch die Einigkeit der verschiedenen Mudschahidin zu demonstrieren. Das zeigt die Aneinanderreihung sogenannter Baia, Treue-Eide, unter anderem von Qaida-Chef Aiman al-Sawahiri. Selbst Mansoors bisher größter Widersacher innerhalb der Taliban, Ex-Militärchef Mullah Qyyum Zakir, schwört darin auf den neuen Chef: "Wir werden ihm folgen, in welche Richtung er auch immer geht."

Das Ende des Phantoms Mullah Omar könnte also die Taliban-Bewegung sogar noch gestärkt haben - auch weil die neuen Chefs ihre Unterstützer nun mit sozialen Medien ansprechen und führen.

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