Von Hasnain Kazim, Islamabad
Die Container türmen sich in den zwei Häfen der pakistanischen Millionenmetropole Karatschi. Etwa 2000 Boxen stehen hier mittlerweile, außerdem rund 1200 Militärfahrzeuge, sagen die Hafenarbeiter. Für neu ankommende Ladung ist kein Platz mehr. Selbst vor dem Ölterminal wird es eng: Dort sind Hunderte von Tanklastwagen geparkt. Auch vor den Grenzübergängen zu Afghanistan stehen die Lastwagen seit Tagen Schlange. Es gibt kein Durchkommen mehr.
Pakistan blockiert die Versorgung für die Nato in Afghanistan, nachdem die alliierten Streitkräfte Ende November zwei Grenzposten aus der Luft angegriffen und dabei 24 pakistanische Soldaten getötet haben. Die Regierung in Islamabad und die Armeespitze sind überzeugt, die Attacke sei geplant gewesen. Die USA und die Nato behaupten dagegen, sie seien zuerst beschossen worden. Dass pakistanische Soldaten getötet wurden, sei bedauerlich. "Die Blockade wird womöglich mehrere Wochen andauern", sagt Premierminister Yousuf Raza Gilani dem britischen Sender BBC.
Es steht nicht gut um das Anti-Terror-Bündnis zwischen den USA und Pakistan. "Es gibt eine Vertrauenslücke", sagt Gilani. "Wir arbeiten zwar zusammen, aber wir vertrauen einander trotzdem nicht." Man müsse sehr an den Beziehungen arbeiten, sagt er. US-Generalstabschef Martin Dempsey formuliert es deutlicher: Die Beziehungen seien "ein Chaos".
Tiefpunkt einer unfreiwilligen Partnerschaft
Man könnte auch sagen: Sie sind an einem Tiefpunkt angelangt. In der Vergangenheit schlug Pakistan antiamerikanische Töne an und strich trotzdem milliardenschwere Unterstützung aus Washington ein. Doch jetzt drohen Politiker und Militärs immer offener mit einem Bruch. "Business as usual" sei vorbei, heißt es. Die Hilfe aus den USA sei zwar groß, betrage aber nur ein Fünftel des Schadens, den die pakistanische Volkswirtschaft in Folge des Terrors erleide. "Wenn wir ehrlich sind, können wir gut auf das Geld aus Amerika verzichten", sagt ein ranghoher Militär. Zudem dürfe man nicht vergessen, dass es sich um ein "reines Zweckbündnis" handele und dass der damalige US-Präsident George W. Bush Pakistan in diese Partnerschaft gezwängt habe. "Das war keine und ist keine Partnerschaft, die auf Freiwilligkeit beruht. Jetzt ist die Zeit gekommen zu sagen: Bye bye, USA!"
Die Mehrheit der Pakistaner sieht Umfragen zufolge die USA als größte Gefahr für die Sicherheit des Landes - mehr noch als die Taliban. Mehrere Ereignisse haben ihren Glauben an die guten Absichten Washingtons erschüttert:
Die Ermordung zweier junger Männer bei einem mysteriösen Vorfall in Lahore Anfang des Jahres durch einen CIA-Söldner,
die Tötung Osama Bin Ladens in einer geheimen US-Aktion in Abbottabad, ohne Pakistan einzuweihen,
die andauernden Drohnenangriffe im Westen Pakistans auf Stellungen von Extremisten, bei denen tatsächlich auch viele Zivilisten ums Leben kommen.
Der Angriff der Alliierten besiegelt nun den offenen Politikwechsel in Islamabad. Neben der Blockade der Nato-Nachschubwege sagte Pakistan die Teilnahme an der Afghanistan-Konferenz in Bonn vor einer Woche ab. Damit fehlte der zentrale Partner für einen Frieden in Afghanistan. Zudem haben die pakistanischen Streitkräfte ab sofort die Erlaubnis, US-Drohnen abzuschießen. Armeechef Ashfaq Parvez Kayani schrieb ein Kommuniqué, wonach die Truppen ohne Rückversicherung bei Vorgesetzten auf fremde Flugobjekte feuern dürfen. "Jedes Luftfahrzeug, das unseren Luftraum ohne Genehmigung betritt, wird als feindliches Objekt behandelt und abgeschossen", bestätigt ein General die Anweisung. "Das gilt ausdrücklich auch für amerikanische Drohnen."
Hoffen auf einen Friedensschluss mit den Taliban
Ultimativ verlangte Pakistan außerdem von den USA, die Luftwaffenbasis Shamsi in der Provinz Belutschistan bis zum 11. Dezember zu räumen. Von dort starteten bislang die US-Drohnen, dort waren rund 70 US-Soldaten stationiert - nach pakistanischer Überzeugung handelte es sich vor allem um CIA-Agenten. "Seit Sonntagabend ist der Stützpunkt wieder voll in Hand der pakistanischen Armee", sagt der General.
Zudem ist es ein offenes Geheimnis, dass die Regierung in Islamabad und die Armee das Gespräch mit den Taliban suchen, auch wenn das offiziell dementiert wird. "Es liegt in unserem Interesse, den Frieden in unserem Land zu sichern, und zwar über den Abzug der westlichen Streitkräfte aus Afghanistan im Jahr 2014 hinaus", sagt Armeesprecher General Athar Abbas. Aus pakistanischer Sicht bedeutet das, den Pakt mit den Militanten zu suchen.
Bei Terroranschlägen und im Anti-Terror-Kampf starben in Pakistan seit 9/11 mehr als 30.000 Menschen, Zivilisten wie Sicherheitskräfte. Dennoch gibt es aus Sicht der Regierung keine Alternative, als sich mit den Aufständischen zu arrangieren.
Teile des Militärs haben einen guten Draht zu den Taliban. Dass es sich um eine heikle Angelegenheit handelt, wissen sie: Zugeständnisse an die Ultrakonservativen im nordpakistanischen Swat-Tal mündeten Anfang 2009 in immer neue Forderungen der Taliban. Schließlich drängten die USA in Sorge vor einem Vormarsch der Aufständischen auf die Hauptstadt Islamabad auf einen Krieg. Rund 15.000 pakistanische Soldaten begannen im Mai 2009 eine Offensive gegen etwa 2000 Militante.
Demonstrative Freundschaft mit den Chinesen
Zwar streiten manche Taliban-Kommandeure die Gespräche ab, die Maulvi Faqir Mohammad, Vizechef der pakistanischen Extremisten, erst am Wochenende bestätigt hatte. Doch das zeigt lediglich, wie uneinig die Islamisten untereinander sind - und dass ein echter Frieden selbst nach einer Vereinbarung mit der Regierung kaum erreichbar sein dürfte.
In Pakistan erinnert man sich genau, wie schlagartig der Westen das Interesse an der Region verlor, nachdem die Rote Armee in Afghanistan geschlagen war und die Sowjets abzogen. Auf Versprechen, man werde auch über 2014 hinaus helfen, will man sich nicht verlassen.
Demonstrativ verstärkt Islamabad deshalb seine Beziehungen zu China. Umgekehrt lobt China regelmäßig die "Leistungen Pakistans im Anti-Terror-Kampf". Peking baut einen Hafen im Süden des Landes und erhält im Gegenzug Zugang zum Indischen Ozean, verkauft Kriegsschiffe und andere Waffen an Pakistan und baut neuerdings einen gemeinsam von chinesischen und pakistanischen Ingenieuren entwickelten Kampfjet.
Pakistans Erzfeind Indien nimmt diese Entwicklung mit Argwohn zur Kenntnis. Um seinen Einfluss in der Region zu stärken, schloss Neu-Delhi mit Kabul jüngst ein Abkommen über verstärkte Zusammenarbeit. Nichts fürchtet Pakistan mehr als das: zwischen Indien und Afghanistan eingeklemmt zu werden.
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