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Palästina nach der Wahl: Der kleine, dicke Mann von der Hamas und seine gefährliche Rechnung

Aus Ramallah berichtet Yassin Musharbash

Mahmud Abbas, der neu gewählte palästinensische Präsident, hat zwar die Mehrheit der Stimmen hinter sich, aber nicht die der Bevölkerung. So interpretiert die islamistische Hamas das Wahlergebnis und sieht sich als heimliche Siegerin. Es wird schwer, die Radikalen zur Unterstützung von Abbas’ Verhandlungskurs zu bringen.

Maskierte Hamas-Mitglieder: Sich dem Volkswillen nicht beugen
AP

Maskierte Hamas-Mitglieder: Sich dem Volkswillen nicht beugen

Ramallah - Die Höhle des Löwen entpuppt sich als ein makellos sauberes Büro mit Topfpflanzen und Wasserspender im dritten Stock eines Einkaufszentrums.

Und der Löwe ist ein kleiner, dicker Mann mit grauschwarzem Bart, der gerne lacht. "Ich habe neun Kinder, das könnt ihr im Westen gar nicht, hm!?", scherzt Scheich Hassan Jusuf. Im Fernseher läuft im Newsticker derweil die Meldung, dass heute eine Qassam-Rakete auf israelischem Boden eingeschlagen ist. Diese selbst gebastelten Raketen verschießt der militärisch-terroristische Zweig der radikalislamischen Hamas-Bewegung.

Scheich Hassan Jusuf ist der Chef der Hamas im Westjordanland. Wie interpretiert er die Wahl des PLO-Chefs Mahmud Abbas alias Abu Masin zum neuen palästinensischen Präsidenten?

"Zunächst einmal", sagt der 50-jährige Scheich, "Herzlich Willkommen Abu Masin!". Er lässt sich in einen schweren Ledersessel fallen. "Ich habe ihn gestern selbst angerufen und ihm gratuliert. Er ist jetzt der neue Chef der Palästinensischen Autonomiebehörde." Die Wortwahl des Hamas-Chefs ist sorgfältig: Die Islamistenorganisationen betrachtet die Behörde als ein künstliches Gebilde, das ihm Zuge des Oslo-Abkommens von 1993 entstand, welches sie als Ausverkauf der palästinensischen Interessen erachtet. Unter anderem deshalb hat sie die Wahlen boykottiert. Und genau deshalb ist in den Augen von Scheich Hassan Jusuf Mahmud Abbas alles, aber sicher nicht der Präsident der Palästinenser. Nur, dass er dies in sehr feine Ironie verpackt.

Abbas und Fatah-Mitglieder: Vom bewaffneten Kampf distanziert
DPA

Abbas und Fatah-Mitglieder: Vom bewaffneten Kampf distanziert

Der Hamas-Führer ist heute überhaupt sehr gut aufgelegt. Alle Handy-Gespräche, die er zwischendurch führt, enden mit lautem Prusten. Der Grund für die gelöste Stimmung ist einfach: Während die westlichen Medien das Wahlergebnis vom Sonntag, in dem auf Mahmud Abbas bei rund 60,5 Prozent Wahlbeteiligung knapp über 60 Prozent der Stimmen entfielen, als klares Mandat für dessen Friedenspolitik auffassen, macht die Hamas eine andere Rechnung auf. Und die birgt einigen Sprengstoff, im wahrsten Sinne des Wortes. Sie ist ein erster Tritt der Radikalen in die Kniekehlen von Mahmud Abbas.

"Abbas muss zwei Rollen spielen"

Nur 40 Prozent aller theoretisch Wahlberechtigten hätten überhaupt an dem Urnengang teilgenommen, macht der Scheich nämlich geltend. Und ergo komme Abbas mit seiner absoluten Stimmenzahl auf gerade einmal 26 Prozent Zustimmung - was schon einen ganz anderen Eindruck macht als das offizielle vorläufige Ergebnis von knapp über 60 Prozent. Hassan Jusuf klatscht sich auf die Schenkel: "Und die feiern!", sagt er ungläubig. "Wo doch die Wahl in Wahrheit ein Erfolg für uns war, weil der Boykottaufruf ein so großes Echo hatte." Der Schluss, den die Hamas zieht, lautet: Abbas kann nicht für das palästinensische Volk sprechen. Die Organisation wird also nicht stillhalten und sich dem vermeintlichen Volkswillen beugen. Sie wird versuchen, Abbas' Politik in ihre Richtung zu zwingen - in die Richtung kaum erfüllbarer Maximalforderungen anstelle einer Strategie der kleinen Schritte.

Der renommierte palästinensische Politikwissenschaftler Hisham Ahmad Fararjah, der kein Hamas-Mitglied ist, hält diese Rechnung des Scheichs für nicht völlig abwegig. "Tatsächlich weiß Abu Masin genau, dass er ein Problem mit seinem Mandat hat", sagt der Professor der Bir Zeit-Universität in der Nähe von Ramallah. "Er muss es sich erst verdienen, es wird von seiner potenziellen Popularität abhängen." Nach seiner vorläufigen Analyse traut Fararjah den islamistischen Gruppen Hamas und Islamischer Dschihad rund 40 Prozent Unterstützung in der Bevölkerung zu. Eine intensivere Untersuchung der Wahl bereitet er gerade vor. Bis jetzt aber lautet sein Schluss: "Abbas wird mindestens zwei Rollen spielen müssen. Er muss den rationalen Staatsmann geben, den der Westen verlangt, und angesichts seines Wahlergebnisses parallel die 'emotionale Sprache' der Palästinensermehrheit treffen". Sprich: Er muss an der radikalen Rhetorik festhalten, die er zuletzt auch in seinem Wahlkampf wieder zunehmend bediente.

Behalten der Scheich und der Professor Recht, dann droht also schon bald wieder ein Eiertanz vergleichbar dem, den der verstorbene Vorgänger Jassir Arafat so unnachahmlich beherrschte. In der Weltpresse verlangte er nach Frieden, zuhause legte er den bewaffneten Gruppen weder Steine in den Weg noch nahm er sie sich rhetorisch vor. "Hamas ist so populär, weil sie sagt, was alle hören wollen", sagt Professor Fararjah. Lässt sich Abu Masin dazu drängen, in dieselbe Kerbe zu schlagen, könnte die sich im Moment noch andeutende neue Dynamik im Friedensprozess schon bald wieder zunichte gemacht werden.

Die Mehrheit will Kampf und Verhandlungen

Für die Hamas ist das eine komfortable Lage. Sie kann Abu Masin vor sich her treiben ohne selbst Verantwortung zu tragen. Dass sie sich dem wahren Test ihrer Beliebtheit verweigert und nicht an den Wahlen teilgenommen hat, begründete Scheich Hassan Jusuf so: "Wenn wir an den Wahlen teilgenommen und gewonnen hätten, wer hätte denn dann einen Hamas-Präsidenten anerkannt?" Es war die Sorge vor dem Streit nach dem Sieg, behauptet er, die die Hamas davon abhielt.

Der eigentliche Kern des Problems ist aber, dass die Hamas die Gewaltfrage anders beantwortet als die Fatah-Organisation, der Abu Masin angehört. "Wenn ich in Dein Haus einbreche, wehrst du dich dann oder nicht?", bringt Scheich Hassan Jusuf es auf den Punkt. "Sind wir denn kein Volk, dass ein Recht auf Widerstand hat?" Von den Palästinensern zu fordern, sich friedlich in die Besatzung zu fügen, bevor sie etwas von ihrem Land zurück gewonnen haben, hält er für ziemlich viel verlangt. Tatsächlich hält eine Mehrheit der Palästinenser Umfragen zufolge seit jeher die Mischung aus Verhandlungen und Widerstand für den besten Weg im Kampf gegen die Besatzung. Selbst viele Abu Masin-Anhänger würden deshalb der Hamas nie ihre Legitimation absprechen. Abu Masin dagegen hat sich vom bewaffneten Kampf distanziert, indem er ihn für unnütz erklärte. Die Stimmen, die er vorgestern erhalten hat, verdankt er aber seiner PLO-Vergangenheit und Arafat-Nähe, und nicht seiner friedfertigen Worte.

Ziemlich weit oben auf der Liste von Mahmud Abbas steht trotzdem das Ziel, die Hamas und den Islamischen Dschihad zu einer einseitig erklärten Waffenruhe zu bewegen, um den Weg für Verhandlungen mit Israel zu ebnen. Er glaubt, dass es nur so Fortschritt geben kann. Scheich Hasan Jusuf weicht aus, wenn die Sprache auf dieses Thema kommt. "Das hatten wir doch schon", sagt er. Er bezieht sich auf eine gut 50 Tage währende Waffenruhe, die Abu Masin 2003, als er Premierminister war, zustande gebracht hatte. "Aber Israel hat sie gebrochen", erklärt Jusuf. Warum es diesmal anders sein sollte, geht ihm nicht ein. Den Abschuss einer Qassam-Rakete am Morgen sieht er deshalb auch nicht als gezielten Akt zur Demontage von Mahmud Abbas. "Es ist zwei Tage nach der Wahl. Der Widerstand geht weiter", sagt er. Das sähen die anderen bewaffneten Gruppen, auch die Fatah-nahen, ebenso. Mit Abu Masin reden werde die Hamas dennoch, versichert er. Allerdings ohne Enthusiasmus.

"Wir spüren den Druck der Straße"

Dabei zählt Hassan Jusuf noch zum gemäßigten Flügel der Hamas, auch wenn er über acht Jahre in israelischen Gefängnissen verbracht hat. Man erkennt es daran, dass er zum Beispiel sagt: "Wenn alle Flüchtlinge zuhause sind, wenn die Siedlungen abgebaut sind, wenn die Grenzen von 1967 wieder bestehen, dann kann man aber über alles reden." Normalerweise heißt es bei Hamas-Kadern an dieser Stelle: Israel muss von der Landkarte getilgt und das gesamte historische Palästina wiedererobert werden. Andere Hamas-Aktivisten fordern als Bedingung für eine Hudna so viele Zugeständnisse Israels, wie Abu Masin am Ende von Verhandlungen zu erreichen hoffe. Hamas sei aber keine unbewegliche Organisation, versichert der Scheich. Die Situation werde immer wieder neu bewertet.

Noch aber steht eine Bewertung der Zentrale aus. Bis auf ein Glückwunschschreiben hat die Hamas sich noch nicht offiziell nach der Wahl zu Wort gemeldet. Darin dankte sie allen Kandidaten für ihre Anstrengungen für die Nation. Es sieht ganz aus, als wolle die Hamas vorerst noch abwarten. Vielleicht geht es aber auch nicht schneller: Die Organisation ist geschwächt, weil Israels Armee im Laufe der letzten Jahre eine Reihe Führungspersonen gezielt getötet hat; die Entscheidungsprozesse laufen langsamer. Es gilt auch, einen politischen und einen militärischen Arm zu koordinieren.

Politologe Fararjah weist unterdessen auf einen sich andeutenden Widerspruch der Hamas-Politik hin. Im Juli sollen in den Palästinensischen Gebieten Parlamentswahlen stattfinden. Es sei sehr wahrscheinlich, so Fararajah, dass die Hamas daran teilnehmen werde. Und dass, obwohl die gesetzliche Grundlage dieser Wahlen ebenfalls das Oslo-Abkommen ist. "Das zeigt, dass die Hamas sehr genau abwäge, wann sie sich der Verantwortung stellt, sagt Fararjah. "Es ist noch gar nichts entschieden", wiegelt Scheich Hasan Jussuf auf. "Wir werden sehen!"

Hamas-Anhänger: Den Druck der Straße spüren
AFP

Hamas-Anhänger: Den Druck der Straße spüren

Allerdings, fügt er verschmitzt hinzu, spüre die Hamas durchaus "den Druck der palästinensischen Straße, sich zu Wahl zu stellen." Jetzt lacht der Scheich wieder, und ein Goldzahn blitzt. Dauerhaft kann ihm heute einfach nichts die Laune verderben, schon gar nicht, wenn er sich, wie jetzt, nebenher selbst im Fernsehen bewundern kann. Der Druck der Straße ist fürdie Hamas eben alles. Vor allem, wenn man darauf segeln kann.

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