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Palästinenser-Exodus aus Gaza: Ägypter hilflos - Tausende stürmen in den Sinai

Aus Gaza berichtet Ulrike Putz

Panzer, Schlagstöcke, Stacheldraht, Wasserwerfer - alles vergebens. Die ägyptischen Polizeikräfte haben unter dem Ansturm Tausender Palästinenser an der Grenze zum Gaza-Streifen den Rückzug angetreten. Zehntausende Menschen ziehen los, um noch das Nötigste aus dem Nachbarland zu holen.

Gaza - Der Versuch der ägyptischen Sicherheitskräfte, die Grenze zu Gaza wieder zu schließen, ist gescheitert. Zwar gelang es den Einsatztruppen zunächst, zwei der drei größeren Übergänge zu schließen, doch am Nachmittag überrannten Tausende Palästinenser die Sperren. Mit Bulldozern halfen vermutlich Hamas-Aktivisten noch nach und rissen weitere Löcher in die Grenzbarriere.

Seit Mittwoch sind Zehntausende Bewohner des Gaza-Streifens über die Grenze ins Nachbarland Ägypten geströmt und hatten sich dort mit Nahrungsmitteln, Benzin und Zigaretten eingedeckt oder Verwandte besucht. Nun allerdings will Ägypten ernst machen mit dem Vorhaben, die Lücken im Grenzwall wieder zu schließen. Auch wenn die erste Aktion misslang - lange wird der ungehinderte Verkehr zwischen dem Gaza-Streifen und Ägypten wohl nicht mehr anhalten.

Zehntausende Menschen versuchten am Abend, noch Nahrungsmittel und andere Waren aus Ägypten nach Gaza zu schaffen. An der Grenze spielten sich chaotische Szenen ab. Eine gewaltige Menschenmenge wogte über den gefallenen Zaun hin und her, mittendrin fuhren Panzerfahrzeuge auf und ab, versprengte Einsatzkräfte aus Ägypten versuchten, der Situation Herr zu werden - vergeblich.

Die radikal-islamische Hamas feiert den neuen Durchbruch an der Grenze als großen Erfolg. Der gerechte Volkszorn habe über die Unterdrücker aus Israel gesiegt, ist zu hören. Und die Botschaft der Partei - "Wir sorgen für euch" - scheint anzukommen.

Schon seit Wochen leiden die Menschen im Gaza-Streifen unter einer Blockade des Küstengebiets durch Israel, das Raketenbeschuss aus dem Gaza-Streifen unterbinden will. Mutmaßliche Hamas-Kämpfer hatten den von Israel errichteten Grenzwall am Mittwoch gesprengt. Die USA und Israel drängten Ägypten, die Grenze wieder zu schließen. Sie befürchten, dass die radikalislamische Hamas die Grenzöffnung dazu benutzt, um sich Waffen und Geld zu beschaffen.

Der ägyptische Staatspräsident Husni Mubarak sprach von einer nicht hinnehmbaren Situation, forderte Israel auf, die Schließung seiner Grenze zum Gaza-Streifen zu beenden. Die Bemühungen der ägyptischen Einsatzkräfte allerdings zeigten bislang wenig Wirkung: An der größten Bresche in den Sperranlagen stellten sich Polizisten in mehreren Reihen auf, um die Bewohner des Gaza-Streifens daran zu hindern, nach Ägypten zu gelangen. Es kam zu heftigen Protesten und Rangeleien der wartenden Menge. Schließlich konnten die Polizisten dem Druck nicht mehr standhalten. Maskierte Palästinenser setzten schwere Räumfahrzeuge ein, um eine Betonmauer zur Seite zu schieben und die Öffnung in den Grenzanlagen zu erweitern.

Als die Sicherheitskräfte einen Zaun mit Stacheldraht errichteten, wurden sie von der aufgebrachten Menge mit Steinen beworfen. Die Polizei setzte daraufhin Schlagstöcke und Wasserwerfer ein. An einer anderen Stelle war der Grenzübertritt heute aber noch möglich.

Bei zwei israelischen Luftangriffen im südlichen Gaza-Streifen kamen in der vergangenen Nacht vier Hamas-Mitglieder ums Leben. Beide Angriffe richteten sich gegen Hamas-Kämpfer in der Nähe der ägyptischen Grenze. In Jerusalem schränkten Polizisten heute den Zugang zur Al-Aksa-Moschee ein, um gewaltsame Proteste gegen die Abriegelung des Gazastreifens zu verhindern.

Alle Männer unter 40 Jahren wurden daran gehindert, am Freitagsgebet in der Moschee teilzunehmen. Diese Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen stand nach Angaben des Jerusalemer Polizeichefs Aharon Franco auch in Zusammenhang mit zwei Zwischenfällen. In einem Flüchtlingslager am Rand von Ostjerusalem erschossen bewaffnete Männer am Donnerstagabend einen israelischen Polizisten an einer Straßensperre. Außerdem drangen zwei Palästinenser in die jüdischen Siedlung Kfar Ezion im Westjordanland ein und versuchten offenbar, Schüler zu entführen. Dabei wurden sie von Lehrern erschossen. Drei Schüler erlitten Verletzungen. Bei den Tätern handelt es sich nach Angaben von Palästinensern um zwei 21-jährige Hamas-Mitglieder aus dem nahegelegenen Dorf Beit Omar.

Die israelische Regierung und die palästinensische Autonomiebehörde bereiten heute ein weiteres Treffen von Ministerpräsident Ehud Olmert und Präsident Mahmud Abbas vor. Ein Berater von Abbas sagte, die Begegnung sei für Sonntag geplant. Dabei solle es auch um die Entwicklung im Gaza-Streifen gehen. Die beiden Politiker trafen zuletzt am 8. Januar zu Friedensverhandlungen zusammen.

mit Material von AP und Reuters

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