Palästinenser im Irak Hetzjagd auf Saddams Hätschelkinder

Saddam Hussein gewährte den Palästinensern im Irak großzügig Privilegien, um die arabische Welt hinter sich zu bringen. Das schuf Neid und Wut, die sich nun im Nachkriegschaos entladen. Die Minderheit ist plötzlich vogelfrei: Verjagt, bestohlen, entrechtet.

Von , Bagdad


Palästinensisches Zeltlager in Bagdads Fußballstadion: Zehn Quadratmeter Heimat
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Palästinensisches Zeltlager in Bagdads Fußballstadion: Zehn Quadratmeter Heimat

Bagdad - Als der Nachbar zweimal klopfte, ahnte Samur Abdahn nichts Gutes. Er schickte seine Frau und die drei Kinder in das hintere Zimmer und öffnete vorsichtig die Tür. Seit zwanzig Jahren lebte er mit seinem Nachbarn Tür an Tür, es war nie ein besonders herzliches Verhältnis, aber auch kein feindseliges. Jetzt sagte ihm der Mann, dass er ab morgen die Wohnung brauche, mit dem Vermieter sei das bereits abgesprochen, er habe 24 Stunden Zeit, seine Sachen zu packen. "Sonst packen wir für euch", sagte der Nachbar mit drohendem Unterton und wandte sich grußlos ab.

Es war der 12. Mai, als der Palästinenser Abdahn von seinem irakischen Nachbarn aus seiner Wohnung in Bagdad vertrieben wurde. Es gab niemanden, der ihm hätte helfen können, an den er sich wenden konnte. Auf stur schalten wollte er nicht, weil die Angst da war, dass der irakische Nachbar mit bewaffneten Umzugshelfern wiederkommen würde. Ein paar Tote mehr in dieser Zeit, das hätte niemanden interessiert. Heimatlos sind die Palästinenser schon lange. Im Irak sind sie jetzt auch wohnungslos.

Palästinenser Samur Abdahn: Vom Nachbarn aus der Wohnung geschmissen
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Palästinenser Samur Abdahn: Vom Nachbarn aus der Wohnung geschmissen

347 Familien, knapp 1500 Menschen, haben sich seit dem 20. April in eine Zeltstadt auf dem Fußballplatz des Haifa-Sportclubs am Rande von Bagdad gerettet. Verjagt und vertrieben von Plünderern, von den eigenen Nachbarn oder den Hausbesitzern. Die palästinensische Kommune im Irak ist älter als das Saddam-Regime. "Die ersten kamen bereits 1948", sagt Anuner Salem al-Hawuda, Chef der Palästinensischen Gesellschaft im Irak, der nun in einem Büro neben dem Trainingsplatz das Chaos verwaltet. Königin Alia, die Frau des damaligen irakischen Königs Feisal II., hatte die Palästinenser aus dem neu gegründeten Israel für die Dauer des Krieges als Gäste in den Irak eingeladen. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass der Judenstaat den Angriff von fünf arabischen Ländern überleben würde. Aber aus dem gastfreundlichen Provisorium wurde eine Dauerlösung.

Saddam instrumentalisierte die Palästinenser

Als Saddam Hussein an die Macht kam, instrumentalisierte er die Palästinenser für seine panarabischen Träume. Er behandelte sie besonders gut, in der Hoffnung, so die restliche arabische Welt für sich zu begeistern, weil er den Opfern des gemeinsamen Feindbildes Israel Geschenke machte. Im Saddam-Staat durften die Palästinenser kostenlos wohnen. Entweder ließ er Wohnungen für sie bauen, übernahm die Miete für sie oder zwang Hausbesitzer, die Flüchtlinge und im Irak geborenen Palästinenser kostenlos aufzunehmen. Das nährte Neid und schürte eine Wut, die sich nun nach dem Sturz der diktatorischen Schutzmacht entlädt.

So nutzen Hausbesitzer das Chaos der Gegenwart, um die unliebsamen Bewohner loszuwerden und dann die Wohnungen endlich gewinnbringend zu vermieten. Jeder in Bagdad weiß, dass den Palästinensern niemand helfen wird: Sie sind leichte Opfer für Plünderer.

Obdachloser  Palästinenser Hawuda: "Jetzt folgen wir unseren Vätern"
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Obdachloser Palästinenser Hawuda: "Jetzt folgen wir unseren Vätern"

"Es hat was Zynisches", sagt Anuner Salem al-Hawuda, "viele halten den Konflikt zwischen Israel und Palästina für die Wurzel allen Übels in dieser Region." Und jetzt, sagt er, seien es wieder mal die Palästinenser, die als erstes zu Opfern würde auf der Roadmap, die dem Mittleren Osten Frieden, Freiheit und Demokratie verspricht. 1948 lebten die ersten im Irak in Zelten. "Jetzt folgen wir unseren Vätern", sagt der Chef der Kommune mit bitterer Stimme.

Kein Schatten bei 50 Grad

Das Leben auf dem Fußballplatz ist unerträglich. Die Außentemperatur beträgt zwischen 45 und 50 Grad, weit und breit schützt kein Schatten, in den Zelten selbst ist die Hitze um ein Vielfaches höher. Bis zu zehn Menschen drängen sich unter einer Stoffplane, denn der Platz ist längst voll und jeden Tag wieder kommen bis zu zehn neue vertriebene Familien. Besonders für Kleinkinder und ältere Menschen ist die Luft kaum zu ertragen, ein Baby ist bereits gestorben.

Die Palästinenser verlassen das Lager kaum, weil sie auf der Straße angegriffen und angepöbelt wurden. Rund 80.000 leben insgesamt im Irak, aber die Hauptstadt-Palästinenser haben nur böse Ahnungen, keine Gewissheit darüber, wie es ihren Landsleuten in der Provinz ergeht, weil das Kommunikationssystem zusammengebrochen ist: "Vielleicht ist es besser, wenn wir es nicht wissen", sagt Hawuda.

Zehn Quadratmeter Heimat

In den Zelten herrscht bei 50 Grad Außentemperatur eine unerträgliche Hitze
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In den Zelten herrscht bei 50 Grad Außentemperatur eine unerträgliche Hitze

Das Uno-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) bringt Essen und hat die Zelte aufgebaut: Vier Meter lang und 2,5 Meter breit ist das neue Heim von Samour Abdahn, seiner Frau und drei Kindern. Ein Teppich, ein Gaskocher und Fotoalben sind die einzigen Einrichtungsgegenstände, die an das alte Zuhause erinnern. Abdahn gehört noch zu den Glücklicheren, weil er einen Generator besitzt, der eine improvisierte Klimaanlage Kaltluft ins Zelt blasen lässt - wenn es Benzin gibt.

Anuner Salem al-Hawuda hat den US-Zivilverwalter im Irak, Paul Bremer, um Hilfe gebeten: "Wir haben einfach keinen Platz mehr". Bremer hat versprochen, sich um neue Unterkünfte zu kümmern. Zwei Monate ist das her. Zwischendurch kam nur der Abschnittskommandeur der US-Armee vorbei. Er bot an, für die unsicheren Bagdader Nächte zwei Wachen zu schicken. Das haben die Palästinenser abgelehnt. "Hierher kommen keine Kriminellen und Plünderer", sagt Hawuda, "sie waren schon in unseren Wohungen. Hier ist nichts mehr zu holen."



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